1. Startseite
  2. Lokales (Landsberg)
  3. Wenn der Nikolaus aus Pflugdorf anklopft

Pflugdorf

05.12.2019

Wenn der Nikolaus aus Pflugdorf anklopft

Ludwig Erdt aus Pflugdorf (rechts) ist jedes Jahr als Heiliger Nikolaus unterwegs. Begleitet wird er vom Krampus, in dessen Rolle meist ein Familienmitglied schlüpft.
Bild: Gisela Klöck

Plus Ludwig Erdt aus Pflugdorf ist seit 50 Jahren als Nikolaus unterwegs und hat dabei viel erlebt: Vom Messer im Schlafanzug, Tadel für die Eltern und einem Bobbycar im Sack.

„Guten Abend, darf der Nikolaus reinkommen?“ Mit diesem Satz beginnt Ludwig Erdt aus Pflugdorf seinen Auftritt als Nikolaus. Seit 50 Jahren ist der 64-Jährige aus Pflugdorf jeden 5. Dezember als Heiliger Nikolaus vor allem in Vilgertshofen und seinen Ortsteilen unterwegs. Im Gespräch mit dem LT berichtet er von netten und ungewöhnlichen Anekdoten, vergleicht das Nikolaussein „früher und heute“ und erzählt, wie wichtig das Gespür für die Situation ist.

„Es hat sich alles total geändert“, sagt Ludwig Erdt. Der Krampus habe früher mit der Rute strafen müssen, wenn der Nikolaus aus seinem dicken alten Buch zu viele Missetaten vorlas. Gewandelt habe sich der Brauch des Bestrafens seit einer Generation. Der Krampus müsse heute oft vor der Tür warten und dürfe nur eintreten, um Geschenke zu bringen. „In meiner Anfangszeit hatten die Kinder noch Angst, vom Nikolaus mitgenommen zu werden.“ Lachend erinnert er sich an einen Fünfjährigen, der ein Messer im Schlafanzug versteckt hatte, um den Sack aufzuschneiden.

Der Nikolaus nimmt auch den Schnuller mit

Früher beteten die Kinder vor dem Nikolaus, heute sagen sie Gedichte auf oder spielen auf einem Instrument. „Ich bekomme auch mal ein Bild geschenkt.“ Einst war das Schwätzen in der Kirche eine „Sünde“, mittlerweile stören sich die Eltern daran, dass der Nachwuchs zu viel Zeit mit dem Handy oder vor dem Fernseher verbringt. Gang und gäbe sei es heute, den Schnuller mitzunehmen. Er biete den Kleinen an, dass sie den Nikolaus anrufen dürfen, um den Schnuller wiederzubekommen, sagt Erdt. Das tun die Kinder aber nicht.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Eine gute, wohldosierte und liebevolle Einschüchterung ist für ihn wichtig. „Der Ängstliche wird zuerst gelobt, der Freche bekommt erst den Tadel, dann das Lob. Wenn das Kind weint, dann lobe ich es mit seinen guten Taten“, erzählt Erdt über das Gespür für die Situation. „Früher hatten die Kinder Angst. Wochenlang hatte man mit dem Nikolaus gedroht, heute ist es mehr „Kuschel-Pädagogik“, sagt Erdt.

Seit 50 Jahren ist Ludwig Erdt aus Pflugdorf am 5. Dezember in Vilgertshofen und seinen Ortsteilen als Nikolaus unterwegs.
Bild: Gisela Klöck

Der Besuch des Nikolaus war schon immer ein Ereignis in der Familie. „Früher gab es vielleicht ein Foto, dann kam die Videokamera auf. Alles musste passen, mit Beleuchtung wurde der große Auftritt festgehalten.“ Heute werde einfach das Handy gezückt. Und die Geschenke? Apfel, Nuss, Mandelkern, und Mandarinen werden immer seltener. „Heute haben die Geschenke oft im Sack nicht Platz“, sagt 64-Jährige, der auch schon mal ein Bobbycar verstauen muss. Erdt macht auch oft den „Wunschzettel-Postboten fürs Christkind“. Und wenn Kinder fragen, wo der Nikolaus die Geschenke her hat? „Die besorgen meine Engel.“

Heute sind oft befreundete Familien beisammen, um gemeinsam auf den Nikolaus zu warten. Früher blieb die Familie unter sich. Auch die Termine haben sich verändert. Es gab viele Landwirte, da hieß es früher „Kimm nochm Stall“. Lieblingstermin ist heute 18 Uhr. Mittlerweile schafft Ludwig Erdt acht bis zehn Besuche, früher ging es länger, und so nahm der Nikolaus mehr Dienste an. Dennoch: Erdt kennt fast jedes Wohnzimmer im Ort und besucht nun schon die dritte Generation Kinder. Die freuen sich, wenn auch die Eltern etwas zu hören bekommen. So stand einmal auf einem Zettel, den er von einem Kind zugeschobenen bekam, Mama solle das Schlafzimmer aufräumen oder Papa nicht so viel rauchen.

Seinen ersten Einsatz hatte er mit 13

Gerne kramt der Nikolaus in den alten „Sündenblättern“. Etwa wenn eine Hochzeit ansteht. Dann bekommt das Kind von damals als Geschenk den Zettel, auf dem die Eltern seine Verfehlungen aufgeschrieben haben. Leider sind ihm viele seiner Unterlagen bei einem Wasserschaden verloren gegangen. Er hat aber noch einen kleinen Kalender von 1968. Da steht sein erster Einsatz. Der damals 13-Jährige war als „Straßen-Nikolaus“ unterwegs. Das Jahr darauf bekam er seinen ersten „Hausbesuch-Auftrag“.

Das Gewand war zunächst selbst genäht. Aus dem Fundus im Speicher der Kirche stammt sein heutiges Gewand. Es ist ein Messgewand, das er aus eigener Kasse restaurieren ließ, weil der Samt durchgescheuert war. Er darf es für den Nikolausdienst nutzen. Der Stab ist handgeschmiedet. Ein wallender weißer Bart und eine Mitra gehören neben einem historischen Pfarreruntergewand zu seinen Requisiten. Ein schweres altes Buch steckt nach seinem Einsatzabend voller Zettel.

Die Musik ist sein großes Hobby

Neben dem Nikolausabend hat der Nikolaus auch Auftritte bei Vereinen, im Kindergarten, und seit Jahrzehnten überreicht er bei der Waldweihnacht der Schützen etwa 80 vorbereitete Päckchen. Wenn Zeit bleibt, besucht Ludwig Erdt die Senioren. „Es ist unglaublich, wie sich die Bettlägerigen über meinen Besuch freuen“, erzählt er. Bis zur Rente betrieb er mit seiner Familie eine Metzgerei in Pflugdorf. Ein großes Hobby ist die Musik. Erdt spielt seit 47 Jahren Posaune im Musikverein Pflugdorf-Stadl und nun auch in der Ü50-Kapelle. Geld verlangt er für seinen Nikolausdienst nicht. Finanzielle Zuwendungen spendet er immer.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren