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Kirche

22.08.2019

Wenn der Pfarrer Urlaub macht

Pater Shibu Kuliraniyil vertritt derzeit Pater Xaviour Namplampara in der Pfarreiengemeinschaft Utting-Schondorf. Er ist einer von vier Gastpriestern, die im Landkreis Landsberg aushelfen.
Bild: Julian Leitenstorfer

95 Priester aus der Weltkirche übernehmen diesen Sommer im Bistum Augsburg eine Vertretung in eine Pfarrei. Vier der Gastpriester sind im Landkreis Landsberg tätig. Einer von ihnen ist Pater Shibu aus Indien

Pater Shibu Kuliraniyil hat sich in Utting bereits gut eingelebt: „Abends gehe ich immer am Ammersee spazieren“, sagt er. Der 42-Jährige hat im August die Urlaubsvertretung von Pater Xaviour Namplampara in der Pfarreiengemeinschaft Utting-Schondorf übernommen. Er ist einer von vier Geistlichen, die ihre Kollegen in den Ferien vertreten.

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Da während der Sommerferien viele Menschen verreisen und es daher in den Pfarrgemeinden ruhiger ist, nehmen gerade jetzt viele Pfarrer ihren Urlaub, sagt Karl-Georg Michel, Kommunikationsleiter im Bistum Augsburg. Ein Pfarrer im Bistum habe Anspruch auf 30 Tage Urlaub im Jahr. Natürlich sollten die wichtigsten Bereiche der Seelsorge wie Sonntagsgottesdienste und Beerdigungen abgedeckt sein, wenn ein Pfarrer im Urlaub ist.

Diese Urlaubszeiten würden deswegen mithilfe von Priestern aus der Weltkirche, das heißt, aus der weltweiten Glaubensgemeinschaft der Katholiken, überbrückt. „Dies hat sich in unserem Bistum seit mehreren Jahrzehnten bestens bewährt“, sagt Karl-Georg Michel. Wie einer Pressemitteilung zu entnehmen ist, sind dieses Jahr 95 Gastpriester aus der Weltkirche bei einer Urlaubsvertretung im Bistum Augsburg im Einsatz. Sie kommen vor allem aus Afrika, Osteuropa und Indien.

Wenn der Pfarrer Urlaub macht

Im Landkreis Landsberg ist es laut Dekan Oliver Grimm so abgestimmt, dass viele Pfarrer sich gegenseitig vertreten oder dass ein Pfarrer aus dem Ruhestand einspringt. So gebe es heuer im Landkreis vier Pfarrer aus der Weltkirche, die eine Urlaubsvertretung übernehmen. In Kaufering vertrete ein afrikanischer Priester den ansässigen Pfarrer, in Fuchstal ein polnischer und in der Pfarrgemeinde Vilgertshofen/Stoffen ein indischer.

Der vierte Gastpriester ist Pater Shibu in Utting. „Ich wurde bisher gut aufgenommen. Die Leute sind hier sehr liebevoll.“, sagt der 42-Jährige. Dennoch gebe es kulturelle Unterschiede und Hindernisse: „Die Sprache ist für mich eine Herausforderung“, sagt Pater Shibu. Außerdem habe ein Pfarrer in Indien eine höhere gesellschaftliche Stellung als in Deutschland. In Indien dürften die Pfarrer spontan jedes Haus besuchen, in Deutschland sei alles viel geordneter.

Eine Schwierigkeit in Indien ist, so Shibu, im Gegensatz zu Deutschland, dass aufgrund der religiösen Vielfalt immer wieder Konflikte entstehen. Das Christentum mache in Indien nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung aus, 80 Prozent seien hinduistisch und 13 Prozent islamisch. Pater Shibu erklärt, dass sich die Situation unter dem aktuellen Premierminister Narendra Modi, der seit fünf Jahren im Amt ist, verschlechtert habe. Seine Partei habe beispielsweise Regeln verschärft, welche die soziale Arbeit der christlichen Orden erschwerten.

Pater Shibu kommt, wie auch der in Utting ansässige Pater Xaviour, aus dem indischen Bundesstaat Kerala, der an der Küste im südwestlichen Indien liegt. Beide gehören dem Orden „Little Flower Congregation“ an. In diesem Sommer ist Pater Shibu das erste Mal im Bistum Augsburg tätig. Pater Xavier habe ihn gebeten, die Urlaubsvertretung in Utting-Schondorf zu übernehmen. Davor habe er Vertretungen im Bistum Regensburg in den Pfarreien in Schwandorf, Kelheim und Mengkofen übernommen.

Eigentlich studiert Pater Shibu seit vier Jahren Philosophie in Innsbruck. Die Urlaubsvertretungen übernimmt er jedes Jahr in seinen Semesterferien. Sein Orden habe ihn nach Europa geschickt, um dort zu studieren und anschließend in Kerala an der Philosophischen Hochschule zu lehren. Dazu habe er bereits in Indien ein Jahr lang Deutsch gelernt. Einige seiner Ordensbrüder studieren ebenfalls in Europa – in Italien, Deutschland und Belgien.

Seinen Master in Philosophie hat der 42-Jährige nun nach vier Jahren abgeschlossen. Im Herbst beginnt er mit der Promotion auf dem Gebiet der Philosophie des Geistes. Er möchte in seiner Doktorarbeit eine Verbindung zwischen dem mittelalterlichen Philosophen Meister Eckhart und dem zeitgenössischen Philosophen David Chalmers herstellen. „In der Philosophie lernt man, wie man richtig denkt.“

Bereits mit 16 Jahren entschied sich Pater Shibu für das Priesterseminar. Zuerst habe er drei Jahre lang das Knabenseminar durchlaufen – einer seiner Lehrer war Pater Xavier. Es folgten das einjährige Noviziat, drei Jahre an der Philosophischen Hochschule, ein praktisches Jahr und schließlich vier Jahre an der Theologischen Hochschule. Die zwölfjährige Ausbildung sei nicht einfach gewesen: „Von 18 Kandidaten am Anfang waren am Ende noch vier übrig“, sagt Pater Shibu unserer Zeitung. Nach seiner Priesterweihe sei er ein Jahr lang in einer Schule in seiner Provinz und zwei Jahre im Knabenseminar tätig gewesen. Anschließend habe er sechs Jahre an der Philosophischen Hochschule in Indien gearbeitet und einen Master in Philosophie abgeschlossen, bevor er dann nach Europa geschickt wurde.

Ob Pater Shibu Kuliraniyil nach seinem Studium, wenn er nach Indien zurückgekehrt ist, wieder einmal nach Deutschland kommt, hänge von seinem Orden ab. Dass er hier jederzeit willkommen ist, ist eindeutig: Nach einer Messe sei einmal eine Frau zu ihm gekommen und habe gesagt, sein Vorname „Shibu“ stehe für das bayerische „scheena Bua“ – schöner Bub.

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