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Landsberg

03.11.2017

Wenn die Seele tiefe Narben trägt

Die Fachstelle für sexuellen Missbrauch in Landsberg besteht seit einem Jahr. Eine Filmvorführung macht dabei drastisch deutlich, wie Menschen zerstört werden können.

Tina Reuther hatte sich nichts sehnlicher gewünscht als eine heile Familie. Als traumatisierte erwachsene Frau reflektierte die Mittfünfzigerin das Drama ihres Lebens im Film „Nirgendland“. Diesen zeigte die Fachstelle für sexuellen Missbrauch (SeM) im SOS-Familien- und Beratungszentrum Landsberg zu ihrem einjährigen Bestehen im Stadttheater – und lenkte damit drastisch den Blick auf das, womit sich die Fachstelle beschäftigt.

Eine Doku, die unter die Haut geht

Für die mehrfach ausgezeichnete Dokumentation hat Regisseurin Helen Simon Tina Reuther über zwei Jahre begleitet. Dabei hat sie viel über sie erfahren. Bei Reuther gab es einen bewunderten Übervater, der sie jahrelang sexuell missbrauchte, und eine hilflose Mutter. Als erwachsene Frau und Meisterin des Verdrängens konnte Tina Reuther die eigene Tochter Sabine, genannt Floh, nicht vor dem Zugriff des Opas schützen. Erst, als Floh in die Drogen- und Prostituiertenszene abrutschte und nach einem Déjà-vu, als ein Onkel die kleine Cousine von Sabine ebenfalls bei den Großeltern übernachten ließ, fanden Tina und Sabine den Mut, ihren Peiniger anzuzeigen.

Einfühlsam, mit stillen, unaufdringlichen Landschaftsbildern und in normal erscheinenden Alltagssituationen gedreht, lässt dieser Film Tina Reuther ihre tragische Lebensgeschichte bis über den Prozess hinaus sehr emotional erzählen. Der Staatsanwalt forderte fünf Jahre Haft für den bereits in Untersuchungshaft sitzenden Vater, der jedoch am vierten Verhandlungstag freigesprochen wurde. Das Gericht schenkte Floh keinen Glauben. Daraufhin schied sie mit einer Überdosis Insulin aus dem Leben. Die Verbrechen an Tina waren, da bereits verjährt, für das Strafmaß nicht mehr relevant. Da blieben viele Fragen offen, denen sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion unter der Moderation von SOS-Bereichsleiterin Margit Erades-Peterhoff stellten.

Im Publikum gibt es Nicken

„Es hat sich sehr viel getan in den letzten Jahren, um die Opferrechte zu stärken“, berichtete Kriminalhauptkommissarin Silke Poller vom Polizeipräsidium München. Kinder würden während der Hauptverhandlungen nicht mehr so oft befragt, sondern im Vorfeld per Video vernommen. Inzwischen sei ein Nein ein Nein, auch das von Kindern. Edgar Gingelmaier vom Weißen Ring wies auf die Hilfsangebote hin, die es für Betroffene und Beobachtende gebe. Bianca Karlstetter von SeM ermutigte die Lehrerinnen, die sich interessiert an der Diskussion beteiligten, auf Signale zu achten, zu hinterfragen, was dahintersteckt, und sich an SeM zu wenden, wo es auch einen kleinen Handlungsleitfaden und professionelle Hilfe gebe. Und Tina Reuther konnte einige Frauen im Saal ausmachen, denen die Floskel „Es ist doch gar nichts passiert“ durchaus bekannt war.

Viel Beifall gab es für Ursula Bußler, die als Analytische Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche über ihre Arbeit mit traumatisierten Kindern sprach. Sie forderte dezidiert eine bessere Ausbildung der Gutachter ein, die sich für eine sinnvolle Befragung die nötige Zeit lassen müssten.

Tina Reuther stellte sich couragiert den zahlreichen, oft sehr persönlichen Fragen. So erzählte sie, von einer Verurteilung des Vaters hätte sie nichts gehabt. Sie hätte es sich aber so sehr gewünscht, ihn einmal sagen zu hören, es täte ihm leid.

Beim Ausklang im Foyer, wo ihr Rat gefragt war, wurde sie belagert und für ihre Offenheit bewundert. Zu einem wichtigen Thema gab es viel Gesprächsbedarf und zugleich Ermunterung, angebotene Hilfe ohne Scheu in Anspruch zu nehmen.

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