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Kaufering

10.01.2019

Wie Vater und Tochter einen Tankstellenräuber überwältigten

Harald Röbel und Tochter Vanessa überlisteten am Mittwochmorgen einen jungen Mann, der ihre Tankstelle in Kaufering überfallen wollte.
Bild: Julian Leitenstorfer

Als ein Mann mit Waffe die Tankstelle von Familie Röbel in Kaufering ausrauben will, zeigen Vater und Tochter Mut. Es war nicht das erste Mal, dass der Betreiber beherzt zupackte.

Nein, Angst hatte Harald Röbel nicht. Als seine Tochter Vanessa am Mittwochmorgen an der Kasse der Agip-Tankstelle in Kaufering (Kreis Landsberg) überfallen wurde, stürmte er in den Verkaufsraum und überwältigte den Täter.

„Wenn einer meine Tochter bedroht, dann kenne ich nichts“, sagt der 56-jährige Tankstellenbetreiber. Zwar konnte der Täter zunächst flüchten, aber Röbel nahm mit einem Kunden die Verfolgung auf und hielt den 18-Jährigen fest, bis die Polizei eintraf und den Mann festnahm. Harald und Vanessa Röbel haben unserer Zeitung die bangen Minuten während des versuchten Raubüberfalls geschildert.

Am Tag danach ist alles wie immer. An den Zapfsäulen herrscht Betrieb, Stammgäste ratschen bei Kaffee und Butterbrezen im kleinen Bistro in der Tankstelle an der Haidenbucher Straße. Harald Röbel lächelt freundlich und kassiert Kunden ab. Der Mann mit der tiefen Stimme und dem feinen Münchnerisch ist seit Jahrzehnten im Geschäft. Er betreibt die Tankstelle in Kaufering seit rund einem Jahr. Am Mittwochmorgen sah er allerdings kurzzeitig Rot. Er und seine Frau saßen gerade im rückwärtigen Gebäudeteil im Büro. Tochter Vanessa stand an der Kasse.

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Der Mann bedroht die Kassiererin und fordert Geld

Gegen 8.30 Uhr betritt ein junger Mann die Tankstelle. „Er hatte eine Jogginghose an, eine Bomberjacke mit Kapuze und ein Tuch über der Nase“, erzählt Vanessa Röbel. Zunächst verstand sie den vermummten Mann nicht so recht und dachte sich auch nichts. „Es war ja kalt draußen und ich dachte, er hat deswegen das Tuch im Gesicht. Plötzlich zog er eine Waffe und wollte Geld. Ich hab’ ihn noch gefragt, ob das jetzt sein Ernst sei, und er meinte: ’Geld her, sonst knallt’s.’“ Die junge Frau mit den tätowierten Armen gehorcht. Trotz ihrer Angst vor dem bewaffneten Mann hält sie ihn hin. „Ich habe ihm gesagt, dass ich unter der Kasse in einem Safe noch Geld habe.“ In Wahrheit greift Röbel unter der Theke zum Telefon und tätigt einen internen Anruf, um Vater Harald im Büro zu erreichen.

Der Vater sieht es auf der Überwachungskamera

Der greift zum Hörer und wundert sich. „Ich habe nichts am Telefon gehört und dann gleich auf den Bildschirm der Überwachungskamera geschaut. Da hab’ ich den Mann gesehen, wie er eine Waffe auf meine Tochter hält.“ Röbel stürmt aus dem Büro in Richtung Verkaufsraum. Sein Vorteil: Er kommt seitlich von links auf den Räuber zu, der ihn nicht bemerkt. Das Überraschungsmoment glückt. „Ich habe ihn von hinten gepackt und ihn in den Schwitzkasten genommen“, schildert Röbel sein beherztes Eingreifen. Von hinten entreißt seine Ehefrau dem Mann die Waffe. Die Pistole fällt auf den Boden. Im Handgemenge kann sich der Täter losreißen und will flüchten.

Womit Röbel in diesem Moment nicht rechnet: Ein weiterer Kunde sieht das Handgemenge und hält den Tankstellenbetreiber fest. Denn der Maskierte ist nicht besonders groß. „Von hinten hat er wie eine Frau ausgesehen und der Zeuge dachte, hier gibt es einen Beziehungsstreit. Ich habe nur gesagt: ’Das ist ein Raubüberfall. Danke, jetzt kann der Täter flüchten.’“ Röbel und der Kunde nehmen die Verfolgung auf. Der eine zu Fuß, der andere mit dem Auto. Rund 200 Meter von der Tankstelle entfernt, kurz vor der Ottostraße, kann Harald Röbel den Täter stellen. „Ich habe ihn an der Jacke gepackt und festgehalten. Er meinte noch: ’Lass mich los, alter Mann.’“ Aber Röbel packt fest zu.

Auf diese Kauferinger Tankstelle wollte ein 18-Jähriger am Mittwoch einen Raubüberfall verüben.
Bild: Julian Leitenstorfer

Harald Röbel hält den Täter fest, bis die Polizei kommt

Früher hat der 1,87 Meter große Mann Judo gemacht und sein Gegenüber ist fast zwei Köpfe kleiner. Ein Passant alarmiert die Polizei, die den Täter festnimmt. Bei ihm handelt es sich um einen 18-jährigen Arbeitslosen, der aus Geldnot die Tankstelle überfallen wollte. Die Pistole, mit der er Vanessa Röbel bedroht hatte, stellt sich als Dekowaffe heraus. Der junge Mann sitzt jetzt wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung und Körperverletzung in Untersuchungshaft. Ihm droht sogar eine mehrjährige Haftstrafe.

Für Vanessa Röbel war der Mittwoch gelaufen. Obwohl sie den Täter überlisten konnte, hatte sie Angst. „Ich wusste ja nicht, dass es keine echte Waffe war. Sie sah zwar alt aus, aber dennoch echt.“ Bei der Polizei musste die 20-Jährige noch eine Zeugenaussage machen und bekam psychologische Hilfe angeboten. Doch die lehnte sie ab.

Vor 20 Jahren packte Röbel schon einmal beherzt zu

Am nächsten Tag stand sie schon wieder hinter der Theke, kassierte, bereitete Kaffee zu und belegte Semmeln. „Im Grund war die ganze Aktion dilettantisch. Allein schon, dass er versucht hat, morgens bei Tageslicht die Tankstelle zu überfallen und nicht abends.“ Und ihr Vater ergänzt: „Viel Beute macht man an einer Tankstelle nicht, weil die Kasse regelmäßig geleert wird. Dazu ruft auch ein spezielles Computerprogramm auf.“

Dass seine spektakuläre Rettungsaktion auch nach hinten hätte losgehen können, hat Harald Röbel zu keiner Sekunde in Betracht gezogen. „Zivilcourage ist mir sehr wichtig. Und wenn einer auf meine Tochter losgeht...“ Vor 20 Jahren, als die Familie noch eine Tankstelle in München betrieb, stahl ein Dieb Röbels Frau den Geldbeutel. Er verfolgte den Täter und stellte ihn.

Lesen Sie auch den Kommentar: Nach Überfall: Mut kann man nicht erklären

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