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Dießen

31.10.2018

Wie alte Rübengeister zum Leben erweckt werden

Die Dießener Trachtenkinder mit ihren Rübengeistern, die sie unter Anleitung von Andreas Huber geschnitzt haben.
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Die Dießener Trachtenkinder mit ihren Rübengeistern, die sie unter Anleitung von Andreas Huber geschnitzt haben.
Bild: Gerald Modlinger

Beim Dießener Trachtenverein lassen die Kinder einen alten Brauch wieder aufleben. So mancher erinnert sich noch an die Zeit, als Halloween bei uns noch ein Fremdwort war.

Lange bevor sich die Kürbis-Fratzen vor Allerheiligen („Halloween“) breitmachten, machten bei uns um diese Zeit die Rübengeister die Runde auf den Dörfern. In Dießen tauchen sie jetzt wieder auf: Die Kinder beim Heimat- und Trachtenverein „D’Ammertaler Dießen-St. Georgen“ haben kurz vor Allerheiligen fleißig Zuckerrüben geschnitzt, die mit darin aufgestellten Teelichten an den langen Abenden für gruselige Stimmung sorgen, wenn sie vor den Häusern aufgestellt werden.

„Der Rübengeister-Brauch reicht bis in das 19. Jahrhundert zurück und wurde in allen bayerischen Regionen praktiziert, in denen Futterrüben angepflanzt worden sind“, sagt Michael Ritter vom Landesverein für Heimatpflege. Es sei darauf zurückzuführen, dass arme Leute aus der Futterrübe Suppen machen mussten, um sich im Winter ernähren zu können. „Es gibt auch Berichte von Kriegsflüchtlingen, die die Rüben zweckentfremdet haben.“ Kinder hätten aus den harten Schalen dann aus Spaß Geister geschnitzt, woraus schließlich die Rübenlichter entstanden seien. Kinder und Erwachsenen zogen dann im Oktober und zu Allerseelen mit den Rübengeistern von Haus zu Haus. Sie hofften, etwas Nahrhafteres abzubekommen - Schmalz, Eier und Mehl beispielsweise. Dazu sagten sie dann einen kleinen Spruch wie „Wir sind die Rübengeister und kommen heut zu dir. Gib uns bitte was zu Essen, der Himmel dankt es dir.“

Heute sind die Rüben nur noch Herbstdeko

Dieser Brauch habe auch dazu gedient, die Dorfgemeinschaft zusammenzuhalten und einen sozialen Ausgleich zu schaffen. „Die Reichen konnten Almosen geben und den Armen war damit sehr geholfen“, so Ritter. Die Rübengeister würden sich damit in andere Heischebräuche im Herbst und Winter einreihen. „Der Rübengeister-Brauch ist zu vergleichen mit den Sternsingern“, sagt Ritter. Dies sei der einzige Heischebrauch, den es heute noch gibt. „Er konnte aber nur überleben, da er eine neue Sinngebung erfahren hat.“ Im Gegensatz zu früher würde man jetzt um Gaben für arme Menschen in Afrika bitten.

Wie alte Rübengeister zum Leben erweckt werden

Den Brauch, mit den Rübengeistern von Haus zu Haus zu ziehen, gibt es nicht mehr. Heute stellen die leuchtenden Rübengesichter eine herbstliche Dekoration vor den Häusern dar. „Im Laufe des 20. Jahrhunderts ist er verschwunden, da es weniger Armut gab und es somit seine Bedeutung verloren hat.“ Die Kürbisgeister, wie man sie heute kennt, seien erst in den 1990er-Jahren mit Halloween aufgekommen.

Halloweengeister und die Rübengeister haben wenig gemeinsam

Obwohl die Rübengeister und Halloween ähnliche Formen seien, seien sie nicht zu vergleichen. „Denn die beiden Bräuche haben unterschiedliche Ursprünge. Halloween stammt aus dem Keltischen und die Rübenlicher aus ländlichen Regionen Bayerns“, so Ritter. Auch Heinrich Widmann vom Bauernhofmuseum Jexhof bei Schöngeising erinnert sich noch an den alten bayerischen Brauch. Widmann erzählt, er sei auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen und habe bei der Arbeit mit anpacken müssen. „In meiner Kindheit in den 60er-Jahren haben wir bei der Ernte der Runkelrüben geholfen und im Keller eingeschichtet.“

Das sei harte Arbeit gewesen, da man die Rüben per Hand ernten musste. Da sei es dann eine schöne Abwechslung gewesen, in der Zeit um Allerheiligen aus den Rüben Geister zu schnitzen. „Die Tage sind kürzer geworden, mit dem Herbst ist auch der Nebel gekommen und man konnte beim Schnitzen einfach seine Fantasie spielen lassen.“ Widmann erzählt, er habe die Rüben ausgehöhlt, Ohren, Nasen, einen Mund reingeschnitzt und ein Teelicht hineingestellt. So entstand dann ein gruseliger Geist. „Sie sahen schon fast menschlich aus, da die Rüben eine helle Farbe haben und mit der Zeit runzlig geworden sind.“

Das Zuckerrübenschnitzen ist eine klebrige Angelegenheit

Damit das Rübenschnitzen nicht in Vergessenheit gerät, bietet Widmann um Allerheiligen Kurse für Kinder an. Auch dieses Jahr sei der Andrang groß. „Die Kinder haben immer sehr viel Spaß dabei. Und die Mütter sind immer froh, dass sie Dreck von den Schnitzarbeiten nicht zu Hause haben.“

Ungefähr eine Stunde dauert es, bis aus einer Rübe ein Geist wird. So war es auch bei den Trachtenkindern in Dießen, die unter Anleitung von Andreas Huber mit Messern und Schnitzgerätschaften zu Werke gingen und Zuckerrüben in Geister verwandelten. Zuerst wurde dazu an der Spitze ein Deckel abgeschnitten, darin wurde ein Kamin geschnitten, dann musste fleißig ausgehöhlt werden – ganz schön anstrengend –, bevor am Ende an einer Seite der Rübe ein Gesicht geschnitzt wird.

Die Zuckerrüben sind zwar nicht so farbig wie die Futterrüben, vor allem sind sie aber auch nicht so groß. Daher können sie recht schnell ausgehöhlt werden. Ein Nachteil ist aber, dass das Zuckerrübenschnitzen wegen des hohen Zuckeranteils eine recht klebrige Angelegenheit werden kann, aber der Boden im Dießener Trachtenheim war mit großen Planen ausgelegt.

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