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Landsberg

11.02.2019

Wie der Brexit in Landsberg Familien trennen würde

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Celia Wiblishauser hat jetzt auch einen deutschen Pass. Die gebürtige Britin lebt mit ihrem Mann Martin in Hurlach.
Bild: Romi Löbhard

Von A wie Afghanistan bis S wie Syrien: So viele Menschen sind 2018 im Landkreis Landsberg eingebürgert worden. Bei einem Empfang geht es um Papierkram und Ehrlichkeit.

Sie haben Beratungsgespräche geführt, ihre privaten Papiere von der Abstammungsurkunde bis zum Einkommensnachweis zusammengesucht, sich ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache und der Rechts- und Gesellschaftsordnung bestätigen lassen, einen Lebenslauf geschrieben und einen Einbürgerungsantrag gestellt. Im Landkreis Landsberg haben sich im vergangenen Jahr 80 Personen aus 32 Nationen diesem Prozedere unterzogen. Dafür haben sie jetzt ihre Einbürgerungsurkunde und die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten.

Die meisten Neulinge kommen aus einem europäischen Land

Für sie, ihre Angehörigen und Freunde richtete der Landkreis zum zweiten Mal einen Empfang im Sitzungssaal des Landratsamts aus. Erstmals gab es dabei auch eine professionelle Moderation durch Nicole Noevers, die gleich zu Beginn ihre ganz persönliche Geschichte erzählte: „Vergangenes Jahr saß ich da, wo Sie alle heute sitzen.“ Noevers ist Niederländerin, lebt aber schon sehr lang in Deutschland. Als dann die doppelte Staatsbürgerschaft für sie als Holländerin möglich war, habe sie den Schritt gewagt und gehörte zu den Neueingebürgerten des Jahres 2017. Auch 2018 ließen sich Niederländer, zwei an der Zahl, im Landkreis einbürgern. Den Vogel aber schossen die Briten ab: 17 Insulaner beantragten 2018 die deutsche Staatsbürgerschaft. Der Grund: Es ist - zumindest für einige von ihnen - der drohende Brexit, der sie zu diesem Schritt antrieb.

Wenn Familien am Flughafen getrennt werden

Dazu gehört auch Celia Wiblishauser, die mit Ehemann Martin – neben einem Gitarrenensemble der Städtischen Sing- und Musikschule – für die musikalische Umrahmung des Empfangs sorgte. Celia ist Engländerin und das war nie ein Problem. „Aber sollte der Brexit wirklich kommen“, sagt Martin Wiblishauser, „dann werden wir als Familie auf den Flughäfen getrennt.“ Er und die vier gemeinsamen Kinder würden dann den Durchlass für EU-Bürger nutzen, Celia den für Nicht-EU-Bürger. Das soll mit der jetzt doppelten Staatsbürgerschaft verhindert werden. Ein weiterer, sehr gewichtiger Grund für das in Hurlach lebende, seit 17 Jahren verheiratete Paar: „Celia bezahlt Steuern in Deutschland, durfte aber noch nie mitwählen.“

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Einige mussten ihren alten Passa abgeben

Weitere Gründe, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen und zu erwerben, erfragte Nicole Noevers bei einem Podiumsgespräch mit vier Neueingebürgerten. Für den Engländer David Richard Hutton ist es natürlich auch der Brexit, aber auch die „stets funktionierende Infrastruktur“. Für die Russin Anna Borisovna Bühler sind es die vielen Kontrollen und die ständig neuen Bürgerpflichten in ihrem Heimatland. Sie musste übrigens - wie auch sieben weitere Neueingebürgerte - ihre Staatsangehörigkeit zugunsten eines deutschen Passes abgeben.

Wie die Neuen die deutsche Kultur sehen

Ob jemand seine bisherige Staatsangehörigkeit abgeben muss oder behalten kann, liegt an den zwischenstaatlichen Regelungen. EU-Bürger (mit Ausnahme der Österreicher) haben kraft Gesetz zwei Staatsangehörigkeiten. Der Syrer Talal Kuzbari schätzt an Deutschland nicht nur die Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. „Wenn ich als Syrer nach Jordanien möchte, benötige ich ein Visum. Mit deutschem Pass fragt keiner danach“, erzählt er. Der Nigerianer Nelson Ifeanyi Onyemaobi sorgte mit seiner Feststellung „in Deutschland sagen alle die Wahrheit“ für Gelächter unter den Anwesenden. „Fast alle“, schränkte er dann ein.

Und was gefällt an Deutschland nicht so? „Zu viel Paperkram“, hieß es unter anderem, und „die Leute sind sehr reserviert, Kontakte knüpfen dauert sehr lang.“ Grüß Gott sollte mit einem Lächeln gesagt und bei Festen mehr gefeiert, auch getanzt werden. Heimweh? „Deutschland ist jetzt mein Heimatland“, sagt der Syrer Kuzbari, „aber Damaskus bleibt in meinem Herzen.“

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