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Landsberg

25.02.2018

Wie die kleine Tamar gerettet wurde

Tamar Dreifuss, die als Kind einige Zeit im DP-Lager Landsberg war, las in der Stadtbibliothek aus dem Buch ihrer Mutter Jetta Schapiro-Rosenzweig.
Bild: Julian Leitenstorfer

Tamar Dreifuss berichtet in der Stadtbibliothek aus ihrer Kindheit. Nach Jahren der Angst kam sie 1946 nach Landsberg und dann nach Israel. An ihrer Seite stand eine starke Mutter.

„In Landsberg hat mein Leben angefangen, davor hatte ich keines, keine Kindheit, nur Flucht und Angst“. Die Jahre 1946 bis 1948 hat Tamar Dreifuss mit ihrer Mutter Jetta Shapiro im Landsberger „DP Camp“, dem Sammellager für „Displaced Persons“ verbracht. Zusammen mit zigtausend anderen jüdischen und anderen „Entwurzelten“ und vom nationalsozialistischen Regime Verfolgten, warteten sie hier auf ihre Weiterreise nach Palästina beziehungsweise Israel. Denn erst mit der Gründung des Staates Israel 1948 erfüllte sich für viele, so auch für die überlebenden Mitglieder der Familie Shapiro, die Hoffnung auf Auswanderung. Tamar war zehn Jahre alt, als ihr jemand noch am Flughafen des neugegründeten Staates Israel eine Orange in die Hand drückte. „Endlich“, dachte das Mädchen damals, „endlich bin ich zuhause, das sind alles unsere Leute, hier brauche ich keine Angst mehr zu haben.“

Mit einem Jahr verlor sie ihr Elternhaus

Heute, mit knapp 80 Jahren, sitzt Tamar Dreifuss in der Stadtbibliothek Landsberg, erzählt aus ihrem Leben und liest aus der mit dem Deworschezki-Preis ausgezeichneten Autobiografie ihrer Mutter Jetta Shapiro-Rosenzweig „Sag niemals, das ist dein letzter Weg“.

Ein Jahr alt war Tamar, als sie aus einem wohlhabenden Elternhaus im litauischen Wilna vertrieben wurde. Fortan war ihr Leben geprägt von ständiger Flucht, abgedunkelten Verstecken, ständiger Angst vor den Massakern und Massenerschießungen von Juden in Ponar, einem kleinen Ort in der Nähe von Wilna, wo Tamar mit ihren Eltern eine Zeit lang versteckt lebte. Eine Tante trennte das Kind von den Eltern und versteckte es in einem Kloster. Doch auch dort zogen bald Nazis ein und die Familie flüchtete ins Getto Wilna. Der Vater wurde von dort abtransportiert und erst nach dem Krieg erfuhren Mutter und Tochter von seinem Tod im KZ.

Der eiserne Wille der Mutter rettete ihre Leben

Auch die restlichen Bewohner des Gettos wurden auf Viehwaggons geladen, so schreibt Jetta Shapiro, und tagelang durchs Land gefahren, bis sie (nach zwei vergeblichen Fluchtversuchen) an einer Rampe „selektiert“ werden. Mutter und Tochter sollten nach „rechts“ gehen, gleichbedeutend mit dem Tod. Auf wundersame Weise gelingt den beiden die Flucht und sie schlagen sich fortan als russische Arbeitskräfte durch, in der ständigen Angst als Jüdinnen enttarnt zu werden. Tamar Dreifuss erwähnt immer wieder den eisernen Willen, die Lebenskraft und den Optimismus der Mutter, ohne den sie wohl nicht überlebt hätten.

Das Landsberger DP-Lager durchliefen bis zu seiner Schließung im Herbst 1950 rund 23 000 Menschen. Zeitweise lebten bis zu 7000 Personen in der von den Amerikanern kontrollierten Saarburgkaserne. Die schwierigen organisatorischen, hygienischen und versorgungstechnischen Zustände sind bekannt, doch Tamar Dreifuss (damals acht bis zehn Jahre alt) erinnert sich nur an schöne Dinge. Endlich konnte sie zur Schule gehen und fand Gleichaltrige zum Spielen, erzählt sie.

1959 ging es zurück nach Deutschland

Ihre nächsten Erinnerungen spielen in Israel, ihrer neuen Heimat, aus der sie nie wieder wegwollte. „Doch das Schicksal wollte es anders“, sagt Dreifuss, sie geht mit ihrem Mann 1959 wieder nach Deutschland. In Köln lassen sie sich nieder und nach dem Tod ihrer Mutter übersetzte sie deren Biografie ins Deutsche und geht fortan auf Lesungen quer durch Deutschland. Als eines ihrer Enkelkinder sie aufforderte, „Oma, erzähl doch mal“, fängt sie an, auch in Schulen zu gehen und ein Kinderbuch mit ihrer Geschichte zu schreiben.

Man hätte dieser eindrucksvollen Frau ein größeres Publikum gewünscht, und vor allem Besuche in allen Landsbergern Schulen, denn die Zeit, in der heutige Jugendliche noch von Zeitzeugen lernen und sie befragen können, nähert sich dem Ende.

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