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Riederau

28.01.2020

Wie ein Fahrlehrer aus Riederau Menschen mit Handicap schult

Fahrschülerin Klara Schlagenhauser mit Fahrlehrer Klaus Schneider.
Foto: Julian Leitenstorfer

Plus Der Riederauer Klaus Schneider bringt Menschen mit Behinderung das Autofahren bei. Was er dabei alles erlebt und warum er oft Einfühlungsvermögen braucht.

Behinderungen haben viele Gesichter. Das weiß der Riederauer Fahrlehrer Klaus Schneider sehr genau. 40 Prozent der Kunden seiner Fahrschule haben eine Behinderung. Tendenz steigend. Der Germeringer Betrieb, den er zusammen mit einem Kollegen führt, gehört zu den rund 150 Fahrschulen bundesweit, die auf Menschen mit Behinderungen spezialisiert sind. Dem LT hat Klaus Schneider erzählt, was er aller erlebt hat und warum er Prüflinge hat, die eigentlich gar nicht mehr Autofahren wollen.

1972 hat Schneider die Lizenz zum Fahrunterricht erworben, seit 1987 ist er selbstständig, 2006 Jahre hat sich der heute 71-Jährige zur Weiterbildung als Fahrlehrer für Behinderte entschlossen. Dazu besuchte er ein Institut in Norddeutschland. „Es gibt keine besonderen Voraussetzungen. Rein formal kann das jeder, der die Fahrlehrerlizenz hat.“

Fast jeder Zehnte in Deutschland lebt mit einer Behinderung

Etwa 7,8 Millionen Schwerbehinderte hat das Statistische Bundesamt Ende des Jahres 2017 gezählt. Grob gerechnet lebt also jeder zehnte Bundesbürger mit einer Behinderung. Zu Klaus Schneider kommen zum Beispiel Menschen mit nur einem Bein, manche haben gar keine mehr. Querschnittgelähmte, die nur noch die Arme bewegen können, und Menschen, die unter fortgeschrittener Multipler Sklerose leiden, fragen bei ihm nach Unterrichtsstunden. Zurzeit bringt er einer Frau, die beide Beine verloren hat, das Fahren bei. Auch Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, sind unter seinen Kunden, genauso wie Kleinwüchsige.

Aber es gibt auch Kundengruppen, die ihn aufgrund ihres hohen Alters aufsuchen. Schneider erzählt von einem 93-jährigen Bewohner des Dießener Augustinums, der wissen wollte, ob er noch fahrtüchtig ist. „Wir machen mit dem Kandidaten eine einstündige Probefahrt auf einer Standardstrecke.“ Schneider beurteilt die Reaktionsfähigkeit und das gesamte Fahrverhalten. „Besteht er den Test, gebe ich ihm eine Art Zertifikat zur Bestätigung.“ Dieses sei natürlich nicht amtlich. Aber es müsse auch niemand befürchten, den Schein zu verlieren, wenn er bei Klaus Schneider eine Probefahrt macht. „Ich spreche nur Empfehlungen aus, wie eventuell vorhandene Defizite ausgeglichen werden können. Manchmal muss ich aber auch abraten, weiter ein Auto zu fahren.“ Häufig wollen die Prüflinge gar nicht mehr mit dem Auto fahren: „Die Gewissheit, dass sie könnten, wenn sie wollten, tut ihnen gut.“

Auch ältere Menschen kommen zu ihm

Dann wiederum gab es auch in Dießen den Fall einer Frau, die behauptete, ihr Schwiegervater könne nicht mehr Auto fahren. „Der Mann kam ziemlich aufgelöst und verzweifelt zu mir.“ Er habe sich mit ihm ins Auto gesetzt und der Mann bestand. Das habe Schneider ihm dann auch schriftlich attestiert. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie stolz der war.“ Der Sohn einer Ärztin mit beginnender Demenz habe ihn vor einiger Zeit gebeten, seine Mutter zu prüfen. „Leider musste ich ihr mitteilen, dass sie nicht mehr fahren darf. Da gab es Tränen.“ Das sei auch für ihn traurig, aber: „Ich konnte das nicht verantworten.“ Manchmal kommen zu Klaus Schneider auch Menschen, die vom Landratsamt geschickt werden. Häufig seien das Schlaganfallgeschädigte. Mit der neurologischen Abteilung einer Klinik hat er einen Test ausgearbeitet, der ihm in solchen Fällen bei der Beurteilung hilft.

Manche Fahrschülerin haben keine Beine mehr

Einfühlungsvermögen ist eine ganz wichtige Fähigkeit, die ein Fahrlehrer für Behinderte haben muss, stellt der Riederauer fest. „Anders als normale Fahrschüler wollen diese Menschen unbedingt den Führerschein erwerben.“ Mobilität sei ihnen enorm wichtig.“ Das Auto, mit dem im Unterricht gefahren wird, ist entsprechend ausgestattet. So hat es eine spezielle Vorrichtung, mit der Menschen mit Behinderung mit der Hand Gas geben können. Es hat auch ein Gestänge, das jemandem, dem das rechte Bein fehlt, erlaubt, mit dem linken Fuß Gas zu geben. Mit 71 Jahren steht Klaus Schneider noch mitten im Berufsleben. Er fühlt sich wohl und fit und überzeugt mit einer jungenhaften Ausstrahlung. „Ich mache die Arbeit noch solange, wie es mir Spaß macht und ich die körperlichen und geistigen Voraussetzungen erfülle.“

Rücksichtslose Autofahrer haben oft nur wenig Geduld

Die Arbeit mit Fahrschülern sei prinzipiell schwerer geworden, nicht nur die mit Behinderten, meint Schneider. Andererseits fehlt oft auch anderen Verkehrsteilnehmern das Verständnis für Menschen mit Behinderungen im Straßenverkehr. „Da wird schon mal aus Ungeduld heraus heftig gehupt und geschimpft.“

Klaus Schneider nimmt das aber gelassen und zeigt den Brief einer jungen Landsbergerin, die querschnittgelähmt ist: Klara Schlagenhauser. „Sie hat bei mir Fahren gelernt und jetzt die Führerscheinprüfung bestanden.“ Die 26-Jährige hat lange nach einem Fahrlehrer suchen müssen, erzählt sie. „Besonders im Landkreis Landsberg ist es extrem schwierig.“ Nicht nur, dass sie sehr „durchwachsene“ Erfahrungen bei ihrer Anfrage gemacht hat, auch eine andere Enttäuschung musste sie erst mal wegstecken. „Eine Fahrschule meinte, sie könne mir Stunden geben, hatte dann aber nur ein Automatik-Auto zur Verfügung.“ Umso größer war die Freude, als sie auf Klaus Schneider getroffen war. „Er ist nicht nur total kompetent, er ist auch so menschlich.“ So hatte die lange und zeitraubende Suche ein sehr glückliches Ende.

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