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Kaufering

07.12.2018

Wie ein Trauerbegleiter aus Kaufering Kindern hilft

Oliver Junker aus Kaufering begleitet trauernde Kinder. Als „Eisbrecher“ kommt dabei öfter mal der Handpuppenhund Schnuffi zum Einsatz.
Bild: Thorsten Jordan

Oliver Junker hat sich auf die Begleitung trauernder Mädchen und Buben spezialisiert. So hilft er Kindern aus der inneren Krise.

In dem großen hellen Zimmer im Dachgeschoss liegt so einiges: Kampfsport-Pratzen (eine Art Handschuh, mit dem man Schläge aufnehmen kann), ein Klavier, viele Bücher und Spiele, eine Papiertaschentuchbox, kleine Biege-Püppchen (für Rollenspiele), ein unglaublich flauschiger, großer Handpuppenhund namens Schnuffi („mein Eisbrecher“) sowie ein bestimmt drei Kilo schwerer brauner Stoffdackel. „Den brauchen manche Kinder in der ersten Stunde zum festkrallen“, sagt Oliver Junker. Er ist Trauerbegleiter für Kinder und Initiator der landkreisweit ersten Kinder-Trauergruppe in Kaufering.

In vielen Familien gibt es keinen Raum für Trauer

Der Tod eines lieben Menschen ist ein Thema, das viele am liebsten ausblenden. Doch Unfälle, schwere Krankheiten und Suizide passieren. Manchmal von heute auf morgen, manchmal mit Ankündigung. Nichts ist dann plötzlich mehr wie zuvor im Leben der Familie. Wie verarbeiten eigentlich betroffene Kinder den Verlust, wer kümmert sich um ihr Seelenheil?

Kinder trauern anders als Erwachsene, sagt Oliver Junker. Nicht in Phasen, sondern in Wellen, die immer mal wieder kommen. Oft hätten Erwachsene den Eindruck, das Kind sei „wie immer“ oder hätte gar nicht verstanden, was der Tod eines nahestehenden Menschen bedeute. Manchmal gebe es in Familien keinen emotionalen Raum zu trauern. Das traurige Thema mache da jeder mit sich selber aus, Väter verdrängen vielleicht, Mütter weinen leise unter der Dusche, um die Kinder nicht zu belasten. „Aber wie sollen die Kinder das Trauern lernen, wenn ihre Vorbilder die Trauer nicht zulassen?“ Das Sterben gehöre nun mal zum Leben, damit umzugehen falle niemandem leicht.

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Die Gedankengänge von Kindern sind kompliziert

Doch ausblenden führe nur zu späteren Problemen - sei es autoaggressiver Natur in der Pubertät oder zu psychosomatischen Krankheiten im Erwachsenenalter. Das sind die Erfahrungen des 51-Jährigen aus den vergangenen beiden Jahrzehnten, seit er sich mit der Krisenintervention, der Stress- und Trauerbewältigung sowie der Akutbetreuung von Kindern beschäftigt. Dabei seien gerade Kinder besonders offen für die großen Fragen des Lebens und Sterbens sowie für die Hilfsangebote nach traumatisierenden Erfahrungen.

Vier Themen sind es, die in einem Trauerfall, die meisten Kinder beschäftigen, erläutert Junker. Da ist die Angst (dass jetzt auch der Mama noch was passiert, beispielsweise). Da ist die verwirrende Trauer (die aus einem Beschützerinstinkt oft zurückgehalten wird, um die Mama nicht noch trauriger zu machen). Dann die Wut (auf die Ärzte vielleicht oder auf Gott) und das zermalmende, subjektive Gefühl der Schuld (ich war nicht lieb genug). In der Schule wird man vielleicht ausgelacht, wenn man weint, obwohl der Tod des Vaters schon einige Jahre zurückliege. Und so fressen viele Kinder ihre Gefühle in sich hinein.

Der Rettungsdienst hat Oliver Junker stark geprägt

Oliver Junker und seinem Team geht es darum, den Kindern Bewältigungsstrategien anzubieten. Stärkende oder würdigende Rituale etwa, aber auch selbst gebastelte Erinnerungskästchen, ein Tröstebär-Kuscheltier, altersgemäße Reflexionen, Malen und Basteln, Körperübungen, die beim Umgang mit dem inneren Durcheinander helfen. In der Gruppe merken die Kinder sehr schnell, dass auch andere Kinder leiden und dass man sich gegenseitig trösten kann. Auch die Eltern werden in der letzten halben Stunde in die Gruppe eingebunden.

Wer ist dieser Mensch, der sich freiwillig und ehrenamtlich mit derart emotional schwierigen Themen beschäftigt? Oliver Junker ist in Beuerbach aufgewachsen und hat am Ignaz-Kögler-Gymnasium in Landsberg Abitur gemacht. Er wollte eigentlich „was mit Kindern machen“, aber der Jobberater riet zu Hotelfach in einem Kurhotel in Murnau. Nach der Lehre wechselte Junker in einen kaufmännischen Job, seit mehr als zehn Jahren ist er festangestellter Kommunikationstrainer sowie Kundenservice- und Führungskräfte-Coach. Das, so sagt der Familienvater dreier erwachsener Kinder, ist sein Beruf, mit dem er genug Geld verdiene, um sich seiner Berufung zu widmen.

Sein Wissen hat er sich aus Eigenantrieb angeeignet

Seit 1987 fährt er als ehrenamtlicher Rettungssanitäter beim Roten Kreuz mit. „Das hat mein Leben geformt.“ Seit 1997 gibt es ein Kriseninterventionsteam beim Roten Kreuz, davor waren sowohl die Helfer wie auch die Unfallopfer oder Angehörigen mehr oder weniger sich selbst überlassen mit ihren traumatischen Erfahrungen. Junker hat einfach in Eigeninitiative Anti-Stress-Kurse belegt, um mit der eigenen Belastung umgehen zu können. Die Wirkung hat ihn so überzeugt, dass er selbst Trainerscheine machte und seit 1992 Entspannungstherapie anbot. 1995 ging er damit in Kindergärten. Auf Elternnachfrage entwickelte er ab 1997 eine Art „Selbstsicherheitstraining für Kinder“. Gab Fortbildungen, hielt Vorträge, schrieb Artikel für Fachzeitschriften, brachte ein Buch zum Thema heraus, kooperierte mit Kriseninterventionsteams und wurde allmählich zum Spezialisten für die „Akutbetreuung“ und die Trauerbegleitung von Kindern.

Seit 2005 ist seine Website online und Eltern aus dem ganzen deutschsprachigen Raum suchen seinen Rat. Oliver Junker arbeitet mit der Diakonie zusammen, mit Krankenkassen und Gemeinden, die eigene Trauerratgeber herausgeben wollen. Neben der Einzeltrauerarbeit bietet er ab 26. Januar im Team mit seiner Frau Maria und der Pädagogin Romy Kratzer eine feste Trauergruppe an. Die zehn, jeweils dreistündigen Sitzungen (etwa all 14 Tage) für eine feste Gruppe von bis zu zehn Kindern im Alter von acht bis zwölf Jahren finden im Seniorenstift Kaufering statt und sind kostenfrei. „Kinder können in der Regel gut mit dem Thema Tod umgehen“, das ist Junkers Überzeugung, „wenn man sie denn lässt.“

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