Sprachen

04.01.2012

Wieder in Giazza

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Bruno Schweizer (rechts) mit Gerardo dal Bosco, einem der Gewährsleute des Dießener Sprachwissenschaftlers bei seinen Feldforschungen zum Zimbrischen in Giazza.

70 Jahre nach den Forschungen Bruno Schweizers in den 13 Gemeinden ist jetzt ein Buch dazu erschienen

Dießen Mehr als 50 Jahre nach seinem Tod finden die zu seinen Lebzeiten meist unveröffentlicht gebliebenen Studien zunehmendes wissenschaftliches Interesse: Vor Kurzem ist wieder ein Buch über die Zimbern-Forschungen des Dießener Sprachwissenschaftlers Bruno Schweizer (1897-1958) erschienen. Auf die vor drei Jahren gedruckte fast 1000 Seiten umfassende „Zimbrische Gesamtgrammatik“ ist jetzt ein eher populärwissenschaftlich konzipierter Band zum Thema „Das Zimbrische von Giazza“ erschienen.

Das Dorf Giazza (zimbrisch Ljetzan) ist die letzte der sogenannten 13 Gemeinden bei Verona, in denen teilweise noch Zimbrisch gesprochen wird. Seit dem Sprachforscher Johann Andreas Schmeller fanden die 13 Gemeinden und die ebenfalls in dieser Alpenregion liegenden sogenannten sieben Gemeinden immer wieder lebhaftes wissenschaftliches Interesse. Die Sprache dieser Ortschaften wurde als letzter Rest des bairisch geprägten Mittelhochdeutschen erkannt. Die Zimbern waren als Zuwanderer aus Bayern (teilweise sogar aus dem westlichen Oberbayern) und Tirol während der mittelalterlichen Warmzeit vom 11. bis 13. Jahrhundert in abgelegene Berggebiete in den Südalpen gekommen. In der Abgeschiedenheit der Berge und Hochtäler erhielt sich ihre mittelhochdeutsche Sprache bis in die Neuzeit hinein.

Am intensivsten erforschte Bruno Schweizer die zimbrische Sprache und legte seine Erkenntnisse in Tausenden Manuskriptseiten nieder. Die Zeitumstände ließen jedoch keine Veröffentlichung zu, galt seine Arbeit nach 1945 als „belastet“. Schweizer hatte zwar bereits 1933 erstmals die Zimbernregion zu Forschungszwecken bereist. Er arbeitete in den folgenden Jahren aber zeitweilig für die SS-Forschungseinrichtung „Ahnenerbe“.

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Dieses Institut hatte eine klar formulierte Aufgabe zu erfüllen, nämlich „Raum, Geist, Taten und Erbe des nordrassischen Indogermanentums zu erforschen, die Forschungsergebnisse lebendig zu gestalten und dem Volke zu vermitteln“. Das Ahnenerbe sollte der nationalsozialistischen Rassentheorie eine vermeintlich wissenschaftliche Fundierung geben, wie der Verfasser des neuen Schweizer-Buches, Ermenegildo Bidese, schreibt. 1940/41 setzte Schweizer seine Zimbernforschungen als Mitarbeiter der Südtiroler Kulturkommission fort. Diese dokumentierte die Kultur der deutschsprachigen Südtiroler, bevor sie ins Deutsche Reich umgesiedelt werden sollten.

Daneben standen nach dem Krieg Themen der Volkskunde und des „Deutschtums“ in den Sprachminderheiten generell unter Verdacht. Vor diesem Hintergrund – aber auch weil Schweizer an seiner sogenannten Langobardenthese zur Herkunft des Zimbrischen festhielt – wurden seine Arbeiten dreimal an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität als Habilitationsschrift abgelehnt. Als Schweizer 1958 starb, wurde sein Nachlass der Forschungsstelle für den Deutschen Sprachatlas an der Philipps-Universität in Marburg überlassen, wo er jahrzehntelang weitgehend unbeachtet lagerte. Erst zu Schweizers 50. Todestag gab der US-amerikanische Sprachwissenschaftler James R. Dow dann die „Zimbrische Gesamtgrammatik“ heraus.

„Das Zimbrische von Giazza“ vermittelt einem breiteren Publikum diese Kleinstsprache aus den nordostitalienischen Alpen. Das Buch gibt viele von Schweizer in den 1930er-Jahren und 1941 geführte Gespräche mit Bewohnern von Giazza/Ljetzan wieder. Sie lassen nicht nur die sprachlichen Merkmale des Zimbrischen erkennen, sondern überliefern auch viele volkskundliche Informationen, etwa über die örtliche Geschichte, mythische Gestalten, Hexen- und Zauberer-, Tier- und Jagdgeschichten, aber auch Schwänke und Erzählungen aus dem Volksmund.

Eine DVD mit den digitalisierten Tonaufnahmen Schweizers und einer Reihe von Fotografien und Filmaufnahmen des Dießener Forschers aus dem alten Giazza führen den Leser bzw. Hörer ganz dicht an die Zimbern und ihre Sprache heran. (ger)

Ermenegildo Bidese: Das Zimbrische von Giazza, Innsbruck-Wien-Bozen 2011, 212 Seiten, mit Daten-DVD.

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