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Integration

24.02.2015

Willkommen und gut aufgehoben

Inzwischen kann die 14-jährige Mitra wieder lachen. Nach beinahe einjähriger Flucht aus ihrem Heimatland Afghanistan ist sie nun mit ihrer Familie in Landsberg angekommen. Ihre Integration unterstützt unter anderem Dieter Schmid.
Bild: S. Reiter

In der Übergangsklasse an der früheren Schlossbergschule spielt die Sprache die zentrale Rolle

Iran, Türkei, Griechenland, Bulgarien, Serbien, Rumänien, Ungarn – zu Fuß hat Mitra (14) aus Afghanistan mit ihrer Familie diese Länder auf ihrem Weg nach Deutschland durchquert: Anstrengung, Angst und Erschöpfung über fast ein Jahr. Erst ab Ungarn ging es mit dem Zug weiter. 2014 dann die Ankunft in Deutschland. Davor hatte die Familie längere Zeit im Iran gelebt, doch waren Flüchtlinge aus Afghanistan dort unbeliebt, der Vater fand kaum Arbeit, Mitra und ihre drei Geschwister konnten nicht in die Schule gehen. In Landsberg ist das anders: Seit September 2014 besucht Mitra die Übergangsklasse an der Schlossbergschule. Mit 15 Buben und Mädchen aus acht Ländern im Alter von zwölf bis 17 Jahren lernt sie Deutsch, um möglichst schnell in eine Regelklasse wechseln zu können. Der 14-jährige Simeon hatte einen kürzeren Weg aus dem rumänischen Ploiesti. „Mein Vater hat hier Arbeit, in Rumänien nicht“, erzählt Simeon.

Von „Null Bock auf Schule“ ist in dieser Klasse nichts zu spüren, im Gegenteil. Mit größtem Interesse lauschen die Jugendlichen ihrer Klassenlehrerin Christine Stahl und Konrektor Ralf Schütt. Gemeinsam schauen alle die Nachrichten im Kinderkanal. Dann fragen die Lehrer, was die Schüler verstanden haben. Und das ist schon sehr beachtlich: Da wird über die Befreiung der kurdischen Stadt Kobane gesprochen, den Schneesturm in den USA, über 3D-Drucker oder den aktuellen Milchpreis. Christine Stahl, die Deutsch als Fremdsprache studiert hat, führt geschickt durch den Unterricht, korrigiert Fehler, vermittelt neue Wörter.

An der Wand hängen 15 Plakate, gestaltet von den Schülerinnen und Schülern. Jeder erzählt darauf die eigene, manchmal dramatische Geschichte über sich und sein Land. Während Simeon, Mitra oder die 15-jährige Marcelle aus Gabun keine Scheu haben, Deutsch zu sprechen, sind andere schüchtern, notieren sich lieber etwas. Doch Sprechen ist wichtig. Christine Stahl und Ralf Schütt achten genau darauf, dass alle zu Wort kommen: „Wer hat heute noch nichts gesagt?“, fragt Ralf Schütt und stellt gezielt seine Fragen. Einfühlungsvermögen und Geduld müssen die Lehrer haben, denn die Bandbreite an Vorkenntnissen bei den Schülern ist so groß wie der Altersunterschied.

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Die LT-Reporterin wird in acht Sprachen begrüßt, anschließend erzählen die Jugendlichen auf Deutsch, was sie bislang in ihrer neuen Heimat schon erlebt haben. Gerade kommen sie vom Schullandheim in Garmisch zurück, gemeinsam mit der 7. Klasse waren sie dort. „Wir machen viel mit anderen Klassen, denn die Schüler sollen nicht isoliert sein, sondern Kontakte knüpfen“. Dieter Schmid, studierter Germanist und 28 Jahre lang Erzieher und Internatsleiter im Landheim Schondorf, unterstützt Christine Stahl. „Wir wollen die Schwächeren und die Stärkeren fördern, daher arbeiten wir einmal die Woche getrennt mit den Gruppen“, erklärt Schmid. Ihm macht diese Arbeit „unglaublich viel Spaß“, auch Anita Büttner und Roswitha Friedrichsdorf, die mit ihm arbeiten.

Hauptsächlich wird in der Übergangsklasse Deutsch gelernt, aber auch alle anderen Fächer werden unterrichtet. Und es gibt Einblicke in die Sprachen der Klassenkameraden. An Geburtstagen singen alle ein deutsches Geburtstagslied. Inzwischen können alle diese Lieder singen.

Auch deutsche Bräuche lernen die Jugendlichen kennen. Hier unterstützt die Landsbergerin Kathe Hiltl aus dem Alt-hilft-Jung-Team. „Wir haben Kürbisse geschnitzt und an Weihnachten Plätzchen gebacken und an Senioren verschenkt“, erzählt Marcelle. Gemeinsam wurde im Seniorenheim gefeiert. „Das war sehr bewegend“, schwärmt Kathe Hiltl. Dieter Schmid ging mit der Klasse in die Landsberger Eishalle, wo viele zum ersten Mal auf Schlittschuhen standen und organisierte einen Besuch in der Bäckerei Pfatischer in Unterdießen. „Dort ist ein schöner Kontakt zur Realschule entstanden“, freut sich Hiltl. Denn Bäckerstochter Nina Pfatischer sollte mit zwei Mitschülerinnen an der Johann-Winklhofer-Realschule ein Referat über Flüchtlinge halten. Da erzählten Yalda (17) und Lida (15), zwei afghanische Mädchen aus der Übergangsklasse, von ihren traumatischen Erlebnissen im Mittelmeer. Acht Tage waren die beiden Schwestern in einem winzigen Boot mit 25 anderen Flüchtlingen auf dem Meer unterwegs, heute sind die beiden jungen Frauen voller Zuversicht, hoffen auf ein gutes Leben, auf gute Chancen.

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