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30.10.2007

"Wo ist der Mensch, den ich suche"

Sie wollte angeblich nur zum Einkaufen gehen. Eva-Maria Bischlager aus Landsberg verließ ihre Wohnung am 28. Dezember 1999 und kehrte nie mehr zurück. Seitdem gilt die damals 33-Jährige als vermisst. Ihre Angehörigen erhielten kein Lebenszeichen mehr von ihr. Nachdem ihr Reisepass im Februar 2000 in Tunesien gefunden wurde, schließt die Polizei ein Gewaltverbrechen nicht aus. Für die Angehörigen bleibt dennoch die Ungewissheit. "Wo ist der Mensch, den ich suche?" fragen sie sich. Es fällt ihnen schwer zu trauern, weil ein Funken Hoffung bleibt.

Der Journalist Peter Jamin aus Düsseldorf beschäftigt sich in einer Reihe von Büchern mit Menschen, die verschwinden und jenen, die sie suchen. "Wenn man jemanden lange Zeit vermisst, dann ist dies die größte psychische Katastrophe, die passieren kann", sagt Peter Jamin. Für den Sohn von Eva-Maria Bischlager gilt dies sicherlich auch. Zunächst hatten die familiären Umstände darauf hingedeutet, dass sich dessen seinerzeit 33-jährige Mutter nach Griechenland abgesetzt hat, teilt Volker Krahn von der Kriminalpolizei Fürstenfeldbruck mit. Zwischenzeitlich könne aber nicht mehr ausgeschlossen werden, dass Eva-Maria Bischlager das Opfer einer Straftat wurde.

Oft verschwinden Menschen in Konfliktsituation

"Nur ein Prozent aller Vermisstenfälle sind wirklich Kapitalverbrechen", sagt der 56-jährige Peter Jamin. 15 Prozent der Vermissten seien Personen, die geistig verwirrt sind. Meist verschwinden Menschen in Konfliktsituationen. Ausgebrannte Manager zum Beispiel oder Studenten im Prüfungsstress. "Aussteiger" werden diese genannt, sagt Volker Krahn.

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Für die Angehörigen von Vermissten beginnt ein täglicher Kampf, den sie meist ohne fremde Hilfe durchstehen müssen. Denn nicht immer kann die Polizei eine Fahndung einleiten (siehe Infokasten) - zumal jeder Mensch ein Recht auf körperliche Bewegungsfreiheit hat. Egal, ob der Ehemann, die Mutter, der Sohn oder die Großmutter nur für Tage, Wochen, Monate oder für immer verschwunden sind, der Schock dieses Schicksals-schlages und das Bedürfnis nach Hilfe und Beratung sind groß. Die Polizei trägt die Hauptlast bei der Suche nach den Vermissten, muss in vielen Fällen aber auch die Beratung und seelische Unterstützung der Betroffenen übernehmen, kritisiert Peter Jamin.

Nach den Erfahrungen von Volker Krahn reagieren die Angehörigen unterschiedlich auf die Situation. Viele Menschen seien sehr realistisch, wenn die Anhaltspunkte darauf schließen lassen, dass jemand zu Tode gekommen ist. "Je dürftiger die Informationen, desto größer die Spekulationen", sagt der Kriminalhauptkommissar. Als Beispiel nennt Krahn den Fall von Ludwig Maximilian Thoma aus Hurlach, der seit dem 7. Mai 2006 vermisst wird. Am selben Tag noch hatte der damals 24-Jährige mit seiner Mutter telefoniert und ihr gesagt, dass er auf einem Berggipfel sei und nun absteigen werde. Seitdem fehlt jede Spur von dem jungen Mann. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei ergaben, dass er im Zugspitzgebiet unterwegs war. Umfangreiche Suchaktionen von Polizei und Bergwacht blieben erfolglos. Nach Sachlage ist von einem Bergunfall auszugehen, sagt Krahn.

Die meisten Vermissten tauchen freiwillig unter

Jährlich werden in Deutschland rund 100 000 Menschen als vermisst gemeldet. 40 Prozent davon sind Kinder. Etwa 500 000 Angehörige sind betroffen. Die meisten tauchen freiwillig unter, doch wissen die Angehörigen oft nicht warum, sagt Peter Jamin. Nach Schätzungen des Bundeskriminalamtes klären sich die Hälfte aller Vermisstenfälle innerhalb einer Woche, 80 Prozent während eines Monats. Drei Prozent bleiben länger als ein Jahr verschwunden.

Neben den psychischen Folgen für die Angehörigen ergeben sich auch rechtliche Schwierigkeiten. Bis zur Todeserklärung können Pensionszahlungen verweigert werden. Auch Erbschaften können vielfach nicht abgewickelt werden. Nicht nur deswegen ruft Peter Jamin auf seiner Homepage zur Gründung eines Verbandes für die Angehörigen von Vermissten auf. Er unterhält auch ein Vermisstentelefon zur Beratung von Betroffenen.

Wenn man eine Person länger vermisst, sei Eigeninitiative beim Suchen manchmal ratsam, sagt Jamin, der schon empfohlen hat, eigene Suchaktionen zu starten. Er fordert einen Vermisstenberater, da die Angehörigen in ihrer Verzweiflung oft allein seien und professionelle Hilfe benötigen.

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