Solo für einen Kontrabass: Das hört man bei Konzerten sehr selten. Gar nicht so selten ist das jedoch auf der Theaterbühne. „Der Kontrabass“ von Patrick Süskind war in den 1980er-Jahren einmal das meistgespielte Stück im deutschen Sprachraum. Im Landsberger Stadttheater war eine gleichermaßen einfühlsame wie höchst unterhaltsame Inszenierung des Ein-Personen-Dramas zu sehen. Es spielte vor ausverkauftem Haus mit beeindruckender Bühnenpräsenz und Persönlichkeit Michael A. Grimm unter der Regie von Georg Büttel vom Hofspielhaus München.
„Der Kontrabass“ ist an sich schon eine Art Kabarettstück für einen Mann und ein sperriges Instrument. Gepaart mit der Persönlichkeit von Michael A. Grimm wurde es zum Hochgenuss. Schon Marcel Reich-Ranicki sagte 1985 in der FAZ, an Süskinds Stück zeige sich dessen „Humor, sein nahezu diebisches Vergnügen an der Sprache und seine keineswegs larmoyante und an Tschechow erinnernde Schwäche für die Benachteiligten und Zukurzgekommenen“.
Das Psychogramm eines Hinterbänklers
Das Stück ist das Psychogramm eines Hinterbänklers, der sein Schicksal beklagt, nicht wahrgenommen zu werden, da er stets ganz hinten stehe, nur tiefe Töne spielen könne und überhaupt hinter seinem übergroßen Instrument verschwinde. Erst lobt er dessen Qualitäten, dessen Unverzichtbarkeit für jedes Orchester („Ein Orchester kann leicht ohne Dirigenten spielen, vor allem ohne Gastdirigenten, aber nicht ohne Kontrabass!“).
Die Stellung in der Hierarchie des Orchesters
Während der Musiker erzählt, betrinkt er sich maßlos und öffnet ganz nebenbei eine Bierflasche nach der anderen (neun Stück bis zur Pause, mindestens drei davon waren echt!). Mit zunehmender Trunkenheit (Grimm spielt das ganz fließend und subtil) lässt er seinem Frust über das sperrige Instrument immer freieren Lauf, das ihn am Leben hindert. Der Bass, prominent in der Mitte der Bühne platziert, wird immer wieder zur Person, der Musiker unterstellt ihm, dass er ihn beobachte und auslache, zum Beispiel, wenn er versucht, mit Frauen intim zu werden. („Ich hatte zwei Jahre keine Frau mehr, und schuld ist er!“) Tiefsinnige Gedanken („Wir sind die Zerberusse vor den Katakomben des Nichts!“) wechseln mit wüsten Beschimpfungen („Er sieht aus wie ein fettes altes Weib!“), philosophische Überlegungen mit erotischen Fantasien, und das alles in aberwitzigen, messerscharfen Formulierungen, die höchstes Vergnügen bereiten. Psychoanalytisch gesehen, so der Bassist, stelle das Instrument die eigene Mutter dar, die er mit dem Bogenstrich permanent vergewaltige. „Warum lebt ein Mensch mit einem Instrument zusammen, das ihn nur behindert?“, klagt er. Auch über seine Stellung in der Hierarchie des Orchesters klagt er, denn der Kontrabass stehe stets an allerletzter Stelle – sogar noch unter der Pauke.
Er hegt eine heimliche Liebe zu einer Mezzosopranistin, doch die ist am vorderen Ende des Orchesters platziert und somit unerreichbar für ihn – es sei denn, er provoziert bewusst einen Skandal und macht so auf sich aufmerksam, auch wenn es ihn seine Beamtenstelle kosten würde. Am Ende macht sich der Musiker auf zur Abendvorstellung. Wird er den Mut haben, einen Skandal zu provozieren, oder wird er höchstens ein paar Noten überspringen?
Michael Grimm und die Inszenierung des Hofspielhauses erhielten lang anhaltende Standing Ovations und Jubelrufe.