Radtour

28.08.2014

Schauplätze der Geschichte

Auch die Holocaustgedenkstätte der „Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert“ wurde besichtigt.
Bild: ADFC Landsberg

Mit dem ADFC durch den Landkreis Landsberg

„Oberbayerisch-Schwäbische Barock- und KZ-Landschaften“ war der Titel einer Fahrradtour, die auf Initiative von Gerald Roith vom ADFC Kaufbeuren und unter der fachkundigen Begleitung von Anton Posset stattfand. Hier der Bericht dazu:

Mit von der Partie war die Piratenpartei in Person von Andreas Schürger vom Kreisverband Augsburg und des Bezirksvorsitzenden der Piraten, Thomas Blechschmidt aus Buchloe.

Am frühen Morgen des 20. Juli trafen sich also elf Radfahrer am Kaufbeurener Bahnhof und starteten gegen 8 Uhr in Richtung Landsberg. Vor den Toren der Münchener Schwesterstadt, kurz hinter Erpfting, erwartete die Radler Anton Posset. Der frühere Landsberger Gymnasiallehrer stammt aus München und ist seit 30 Jahren in seiner Wahlheimat Landsberg der wohl bekannteste, leidenschaftlichste und für viele unbequemste Bewahrer der Erinnerung an eine Zeit, die sehr viele am liebsten vergessen würden. Einen Großteil seines Lebens hat er in den Dienst der Erinnerung an die Geschehnisse in und um Landsberg und Kaufering während der NS-Zeit gestellt. Posset führte die Gruppe zu Beginn in die Maria- Eich-Kapelle bei Erpfting, in der er die Freskierung und das Deckenfresko des Rokoko-Malers Johannes Baptist Bader („Lechhansl“) aus Mundraching präsentierte und einen Bezug des Deckengemäldes zum aktuellen Gedenktag herstellte.

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Das Gemälde zeigt die Szene der Judith, die das Haupt des Tyrannen Holofernes der Öffentlichkeit präsentiert, nachdem sie es diesem abgeschlagen hatte. Symbolisch dafür, dass eine Tyrannei erst dadurch besiegt wird, dass man ihr das Haupt abschlägt und den Tyrannen tötet.

Nach dem Besuch des kirchlichen Kleinods wurde die Tour mit dem Besuch eines in unmittelbarer Nähe liegenden KZ-Friedhofs fortgesetzt, anschließend die Holocaustgedenkstätte, der „Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert“ besucht, auf der die Teilnehmer einen lebendigen Eindruck der Herausforderungen und Geschehnisse der damaligen Zeit erhielten. Posset verstand es, sehr anschaulich zu berichten und verfügt, durch seine dreißigjährige historische Forschung und die über die lange Zeit große Zahl an Gesprächen mit Zeitzeugen, über ein bemerkenswertes, authentisches Wissen über diesen Teil der Vergangenheit.

Die weitere Fahrt ging über einen weiteren Standort eines KZ bei Landsberg, erreichte dann Kaufering, wo sich die Gruppe im Gasthaus zur Brücke stärkte. Im Anschluss wurde eine kleine, unscheinbare Gedenkstätte am Gleisdreieck Kaufering Ost aufgesucht, der kleine Rest eines KZ, das nach dem Krieg zunächst zur Unterbringung sudetendeutscher Flüchtlinge diente und später zu einer Schrebergartenkolonie umfunktioniert wurde.

Anschließend ging es weiter nach Norden zu den Aussiedlerhöfen der „Kolonie Hurlach“. Dort gibt es nicht mehr viel zu sehen. Die Reste des dortigen KZ wurden durch eine Kiesabbaugenehmigung dem Abbruch überlassen und größtenteils vergraben. Etliche Gebeine der Ermordeten kamen bei den Baggerarbeiten zum Vorschein, da man offenbar vermutet hatte, alle Toten wären auf dem dortigen KZ-Friedhof bestattet worden. Dem einzigen KZ-Friedhof überhaupt, der sich direkt auf dem Gelände eines Lagers befand.

Ein Teil dieses ehemaligen KZ-Geländes ist heute landwirtschaftliche Nutzfläche. Die dort einstmals vorhandenen Bauten wurden gegen Ende des Kriegs mit Treibstoff getränkt und absichtlich in Brand gesteckt. Mitsamt den darin befindlichen Häftlingen, Lebenden wie Toten. Überreste des Brandes werden beim Pflügen immer noch sichtbar. Den westlichsten Teil dieses Geländes durchschneiden die Bahnlinie Augsburg-Kaufering, über die damals Häftlinge an- und abtransportiert wurden, und seit einigen Jahren die B17 als vierspurig ausgebaute Schnellstraße in Tieferlegung. Beim Bau dieser Straße vor wenigen Jahren wurden Betonbaureste von Kaufering IX und andere Relikte der Zeit gefunden.

Anschließend führte die Fahrt über Igling nach Holzhausen in den dortigen Biergarten. Dort verabschiedete die mittlerweile auf vier Teilnehmer geschrumpfte Gruppe sich von Anton Posset und machte sich auf den Rückweg nach Kaufbeuren, wo sie gegen 21.30 Uhr nach 85 Kilometern Radstrecke ankam. Übrig bleiben frisches Wissen, für den einen oder anderen Teilnehmer Antworten, wo vorher noch nicht einmal Fragen waren. Die Erkenntnis, dass geschriebene oder per Telemedien aufbereitete Geschichte doch etwas völlig anderes ist, als das, was man vor Ort erfahren kann, und ein paar neue Fragen.

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