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16.10.2011

Es geht um die Wurst

Am Münchener Flughafen hatte ich das Glück, an einem Imbiss drei Varianten meiner hoch geschätzten Currywurst angeboten zu bekommen: die original Berliner, die original Ruhrpott und die bayerische. Es war eine Übung in deutschem Föderalismus.

Die bayerische war die Extrawurst: Tiefrotes Fleisch lag in der üblichen roten Sauce. Die beiden aus West und Nordost hoben sich deutlich von der bayerischen ab und wiesen untereinander kaum wahrnehmbare Unterschiede auf. In den Pappschalen beider nichtbayerischen Varianten lagen keine roten, sondern taghelle Würste, ganz Schwein die Berliner, halb Schwein, halb Rind die aus dem Ruhrgebiet. Selbst ein Blick auf die Currywurst lässt also den Weißwurstäquator erkennen.

Solche einfachen Nahrungsmittel haben eine besonders enge Beziehung zur Heimat. Einige strahlen zugleich in die Welt hinaus. Man will wie bei Muttern essen, auch wenn man nicht bei Muttern ist. Der Currywurst ist das allerdings nicht gelungen, vermutlich, weil ihr Ursprung nicht Mutters Küche ist, sondern der Imbiss-Stand.

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Ganz anders die Pizza. Sie ist mit ihren italienischen Erfindern um die Welt gegangen. Die haben sie als ein Stück Heimat mit auf ihre Wanderschaften genommen. Und wo immer sie landeten, entdeckten die Einheimischen den kulinarischen Reiz der dünn gewalzten und geschleuderten, variabel belegten Teigware.

Aus Mutters Küche um die Welt

Auch der Preis sprach wohl für sie. Volksspeisen sind naturgemäß einfach und günstig. So haben auch die Döner-, Gyros- und Schawarma-Spieße griechischer, türkischer, levantinischer und nordafrikanischer Herkunft Europa erobert.

Der Höhepunkt dieser Betrachtung muss dem Hamburger gehören. Als Hamburger Rundstück, also als belegte Semmel, ist er – so heißt es – nach Übersee ausgewandert. Dort hat er eine Metamorphose erfahren, um dann in seiner neuen, scheinbar uramerikanischen Gestalt einen Siegeszug um die ganze Welt anzutreten.

Die Currywurst wirkt neben solchen Welteroberern wie ein Provinzler. Zum Glück wird sie oft mit einer Beilage von Welt gereicht: mit Fritten, auch Pommes genannt; in Amerika sind sie als French Fries zu praktisch allem zu haben, in England als Chips hauptsächlich zu paniertem Fisch. Was ist die Urheimat der Pommes frites? Sind sie Belgier oder Franzosen? Weltbürger sind die frittierten Kartoffelstäbchen auf jeden Fall.

Der Ordnung halber weise ich abschließend darauf hin, dass keines dieser Volksnahrungsmittel als Schlankmacher gilt. Bei Muttern aß man früher halt fetter.

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