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Amerika ist kein Vorbild mehr, Schluss mit der US-Fixierung

Kommentar Von Christian Grimm
07.01.2021

In Deutschland glauben immer noch viele an die Geschichte vom guten Amerika. Es wird Zeit, diese Erzählung über Bord zu werfen. Sie hat ohnehin nie gestimmt.

Ein verheißenes Land – so hat Barack Obama seine Autobiographie überschrieben. Nach der Stürmung des Kapitols in Washington, nach vier Jahren unter der Führung von Obamas Nachfolger Donald Trump,  nach einer seit zwei Jahrzehnten währenden Krise der politischen Kultur ist von der Verheißung Amerika nicht mehr viel übrig.

Und dennoch kommentiert die erste Riege der deutschen Journalisten und Politiker in den sozialen Netzwerken die Trump Rebellion in Echtzeit und in ehrlichem Entsetzen, als ginge das Paradies auf Erden unter. Empört wird ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump gefordert, dessen Amtszeit ohnehin in weniger als zwei Wochen endet.

Das demokratische System der USA ist nicht erst seit Donald Trump marode

Vergleichbar sind diese Aufrufe des Erschreckens mit dem Anbrüllen des Fernsehers, wenn in einem Finale der Fußball-Weltmeisterschaft einem Spieler der eigenen Mannschaft ein furchtbarer Fehler unterläuft. Doch der Spieler hört die Schreie nicht, genauso wenig wie es Trump und seine Fußtruppen jetzt tun. 

In Deutschland glauben noch immer viele aufgeklärte Menschen mit kindlichem Glanz in den Augen an die Geschichte vom guten Amerika. An die Geschichte vom GI, der Kaugummi an die Kleinen verteilt und an die Rosinenbomber, die Bonbons abwerfen. An die Geschichte vom Tellerwäscher, der es durch harte Arbeit, Fleiß und Disziplin zum Millionär bringen kann. Und an die Geschichte von der großen Freiheit, in der die Amerikaner angeblich leben.

Anhänger von US-Präsident Donald Trump haben das US-Kapitolgebäude gestürmt, in dem Abgeordnete den Wahlausgang bestätigen sollten.
Foto: Bryan Smith, dpa

Wie in allen guten Erzählungen stecken Wahrheits-Körnchen darin, der Rest gehört in das Reich der Legende. Amerika ist nicht das neue Jerusalem, das die Pilgerväter als glänzende Stadt auf einem Berg errichten wollten.

Die USA haben nach dem Krieg die Demokratie nach West-Deutschland gebracht und dafür gesorgt, dass die Herrschaft des Volkes fest verankert wird. Ihr eigenes demokratisches System ist allerdings nicht erst seit Donald Trump marode und kein leuchtendes Vorbild mehr. Selbst Obama, in dessen Amtszimmer ein Bild von Arbeitern hing, die die Fackel der Freiheitsstatue polieren, konnte den Verfall nicht stoppen.

Es wird Zeit, die Geschichte vom guten Amerika in einer Schublade verstauben zu lassen

Das Zweiparteiensystem aus Republikanern und Demokraten begünstigt die Polarisierung der Gesellschaft. Politik in Washington ist das Geschäft von Millionären und Milliardären, der Einfluss der Konzerne enorm, der Wahlkampf ein Werfen mit Schmutz. All das ist sattsam bekannt.

Amerika ist kein Vorbild mehr, Schluss mit der US-Fixierung
15 Bilder
Eindringlinge im Kapitol: Chaos in Washington
Foto: Andrew Harnik, dpa/AP

Für uns in Deutschland gibt es keinen Grund, in Schrecken und Entsetzen zu geraten, weil unser Amerika-Bild nun einen weiteren hässlichen Fleck bekommen hat. Denn erstens ändert sich durch Aufwallung, Appelle und Ermahnungen aus Germany in den USA rein gar nichts und zweitens brauchen wir Amerika nicht mehr als Vorbild und Rückversicherung für die Demokratie in Deutschland. Ihre Wurzeln – die antike Volksherrschaft, das Christentum mit seinem Gleichheitspostulat, die Reformation mit der Gewissensfreiheit und die Aufklärung – liegen ohnehin hier in der alten Welt.

Es wird Zeit, sich eine neue Nüchternheit zu verordnen, das kindliche Gebanntsein zu bannen und die Geschichte vom guten Amerika in einer Schublade verstauben zu lassen. Sie hat ohnehin nie gestimmt.

Alle Entwicklungen in den USA können Sie auf unserem Live-Blog verfolgen.

Auf dieser Seite finden Sie unsere Artikel zum Sturm auf das Kapitol in den USA.

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Die Diskussion ist geschlossen.

07.01.2021

Was hat sich denn viel geändert? Wer die früheren US-Präsidenten ohne wohlwollende Brille betrachtet, kommt zu dem Ergebnis: nichts Wesentliches. Obama z.B. war halt der Liebling der Deutschen. Der konnte sich alles erlauben.

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07.01.2021

Das Amerika gibt es ohnehin nicht. Es war schon immer ein Stück weit wild. Der wilde Westen eben. Für uns weichgespülte Deutsche sieht das archaisch und ungestüm aus. Ist es auch. Aber als einzig verbliebene, demokratische Weltmacht sind die USA so wichtig wie jemals zuvor. Was sind die Alternativen? China? Russland? Ein zerfahrenes Europa? Es bleiben nur die USA als Weltpolizei. Was ein Rückzug unter Obama und Trump bedeutet hat, kann man in Syrien beobachten. Wo die Ordnungsmacht fehlt, nehmen Diktaturen ihren Platz ein. Wir müssen endlich wieder das transatlantische Bündnis erneuern. Etwas besseres bekommen wir nicht.

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08.01.2021

Ein Staat wie die USA, der sich nicht an Gesetze hält, ich erinnere an Todesstrafe und Folter (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte), Angriffskriege (UN-Charta) oder Bruch internationaler Verträge (Iran-Atomabkommen), und der nationale Interessen (Amerika first) verfolgt, kann nicht Weltpolizist sein. Da alle Regierungen ihre nationalen und parteipolitischen Interessen in den Vordergrund stellen, kann kein Staat die Rolle des Weltpolizisten erfüllen, schon gar nicht ein solcher, der sich selbst dazu ernennt. Notwendig wäre die allgemeine Anerkennung der Autorität der UNO und des Internationalen Strafgerichtshof, die Abschaffung des Privilegs der Veto-Mächte im UN-Sicherheitsrat und die vollständige Abrüstung aller Staaten, um damit die Möglichkeit, eigene Interessen mit Gewalt und Krieg durchzusetzen, unmöglich gemacht wird. Doch dahin ist noch ein weiter und langer Weg. Hoffentlich erreicht die Menschheit dieses Ziel bevor sie sich selbst in einem Atomkrieg vernichtet oder durch die Umweltzerstörung ihre Lebensgrundlagen beseitigt hat.

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08.01.2021

"Anerkennung der Autorität der UNO"
Und wer ist als ständige Vertretung im UN Sicherheitsrat? China und Russland mit Vetorecht! Nein das ist kein Gremium, das Völkermorde verhindert. Trotz aller aufgezählter Fehler bleibt die USA die einzig halbwegs legitime Macht für die Interessen von Demokratien. Ohne die USA wären wir längst ein Vasallenstaat von Russland. Die Polen z.B. wissen um ihre Verletzlichkeit.

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07.01.2021

Dem Deutschen wurde mit Lassie, Fury, Flipper, Bonanza, Dallas etc. von Hollywood aus ein "American Way of Life" vermittelt, das vorbildlich war und dem er als guter Demokrat folgen sollte. Menschen die nie gereist sind und keine Vergleichsmöglichkeit hatten, haben dies konsumiert und fühlten sich wohl dabei. Seit Bush jun. besonders mit Trump erlebten wir eine USA ohne Maske. Trump hat es erstmals geschafft ohne neue Kriege auszukommen, mal schauen was Biden kann?

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07.01.2021

Dieser "American Way of Life" ist das Leitbild und Traumbild vieler Amerikaner. Der "normale" Amerikaner träumt diesen Traum, weil er keine Chancen hat, ein besseres Leben zu führen. Wenn man sich in den USA mit diesen Leuten unterhält, muss man feststellen, wie ungebildet (und auch uninteressiert) diese meistens sind. Da ist so einer wie Trump eine Lichtgestalt und ein Held, weil er es "geschafft" hat. Dort werden solche Leute angehimmelt und bewundert. Daher auch die bedingungslose Zustimmung und Gefolgschaft. Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist enorm. Eine (noch) gestandene Mittelschicht, wie bei uns, gibt es nicht

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07.01.2021

Noch vor wenigen Jahren wäre die Aussage „In Deutschland glauben immer noch viele an die Geschichte vom guten Amerika. Es wird Zeit, diese Erzählung über Bord zu werfen. Sie hat ohnehin nie gestimmt.“ von Christian Grimm als schlimmste Form des Antiamerikanismus verurteilt worden. Darüber, dass die US-Regierung unter Bush die Welt belogen hat mit der Behauptung, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen verfügt und sie einen Angriffskrieg gegen den Irak mit Hunderttausenden Toten führte, dass mit der Todesstrafe in einigen Bundesstaaten, den Morden mit Drohnen, den Folterungen und mit dem Gefangenenlager Guantanamo die Menschenrechte und internationales Recht verletzt werden, haben sich die Medien bei uns nicht aufgeregt. Ganz zu schweigen von der Unterdrückung der indigenen Einwohner. Die Liste lässt sich lange fortsetzen. Ich stimme dem Kommentator zu, dass die Erzählungen vom guten Amerika über Board zu werfen sind.
Ich habe Freunde und Freundinnen in den USA und möchte jedoch sehr stark differenzieren und nicht Amerika, obwohl hier die USA und nicht der ganze Kontinent gemeint ist, als Ganzes in falsches Licht zu rücken. Die Politik der US-Regierungen, einzelner Organisationen und Teile der Bevölkerung sind kritisch zu betrachten und gegebenenfalls zu verurteilen, jedoch nicht die USA als Ganzes.

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