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Kommentar von Markus Günther
12.11.2010

Was aus der Steckdose kommt

Dr. Markus Günther, Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen.
Foto: Ulrich Wagner

Wenn es stimmen würde, was Atomkraftgegner glauben, könnte Deutschland bald ohne Kernenergie auskommen. Doch das Ganze ist ein Szenario aus Hoffnungen und Halbwahrheiten. Von Markus Günther

Wenn es stimmen würde, was Atomkraftgegner glauben, könnte Deutschland bald ohne Kernenergie auskommen. Dann würden Sonnen- und Windenergie an die Stelle der Atomkraft treten, womit auch die klimaschädlichen Kohlekraftwerke überflüssig würden. Was dann noch an Energie fehlt, könnte importiert werden. Aber so viel würde gar nicht fehlen, weil sich der deutsche Energieverbrauch bis 2050 ja halbieren soll. Und die CO2-Emissionen würden bis dahin sogar um 80 Prozent reduziert - sagt auch die Bundesregierung. Das alles ist zu schön, um wahr zu sein. Es ist auch nicht wahr. Die Prämissen sind falsch, die Zahlen illusorisch, das Ganze ein Szenario aus Hoffnungen und Halbwahrheiten.

Dreh- und Angelpunkt in der deutschen Energiepolitik ist allzu oft der Wunsch und nicht die Wirklichkeit. Was fehlt, sind kühle Logik und nüchterner Realitätssinn.

Zwar sind der Ausstieg aus der Atomkraft und die Ablösung von fossilen Brennstoffen auf Dauer unausweichlich, aber der Übergang ins Zeitalter erneuerbarer Energien ist viel langwieriger, teurer und komplizierter, als viele wahrhaben wollen. Und Politiker, die es besser wissen, sagen die Unwahrheit, weil die Wahrheit im grün-bewegten Deutschland unpopulär ist.

Dass schon das Energiekonzept der Bundesregierung eine Milchmädchenrechnung ist, zeigt sich an einem Beispiel. Die Hoffnung, den Energieverbrauch bis 2050 zu halbieren, gründet auf dem Ziel, in den nächsten 40 Jahren 20 Millionen Gebäude zu sanieren. Das ist nicht finanzierbar. Für die Stadt Köln hat man ausgerechnet, was das konkret heißt: 390 000 Häuser müssten isoliert werden, also fast 10 000 Gebäude pro Jahr. Die Kosten würden sich in Köln auf 10 Mrd. Euro summieren; für Deutschland müsste man in 40 Jahren 2,6 Billionen Euro aufbringen. Für neue Stromleitungen kommen noch einmal Unsummen hinzu.

Aber die Kosten sind nicht das einzige Problem. Die neuen Energien führen auch zu neuen Problemen. Solarzellen und Windräder verschandeln die Landschaft. Und wenn sie in der Wüste oder im Meer stehen, müssen neue hässliche Überlandleitungen gebaut werden, die auf neuen Protest stoßen. Solche Genehmigungsverfahren dauern schon jetzt zehn Jahre.

Und von allen Details abgesehen: Jede Energiepolitik, die Klimaziele zur Maxime macht, stellt die Dinge auf den Kopf. Die zuverlässige Verfügbarkeit der Energie und ihre Finanzierbarkeit sind für ein Industrieland wie Deutschland entscheidend. Der Strom kommt nicht, wie es heißt, einfach aus der Steckdose, er ist das Ergebnis einer bestimmten Energiepolitik. Die hat auch eine Bedeutung fürs globale Klima, das ist wahr. Vor allem aber muss sie eine Gesellschaft versorgen, in der alles von Energie abhängt: wirtschaftlicher Erfolg, Arbeitsplätze, Wohlstand und politische Stabilität. Von Markus Günther

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