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27.03.2007

Ran an die heilige Kuh!

Die Erfolgsgeschichten unseres Schulsystems sind gleichzeitig auch Geschichten von Nie derlagen: Mit der jungen Palästinenserin, die es schafft, sich vom Förderschulzögling zu entpuppen und Ärztin zu werden, mag man sich schmücken. Seht her, welch tolle Chancen unser Schulsystem bietet, wie durchlässig es ist! Jeder kann es zu etwas bringen, egal, woher er kommt!

Die Erfolgsgeschichten unseres Schulsystems sind gleichzeitig auch Geschichten von Niederlagen: Mit der jungen Palästinenserin, die es schafft, sich vom Förderschulzögling zu entpuppen und Ärztin zu werden, mag man sich schmücken. Seht her, welch tolle Chancen unser Schulsystem bietet, wie durchlässig es ist! Jeder kann es zu etwas bringen, egal, woher er kommt!

Das stimmt schon und stimmt auch wieder nicht. Zum einen hätte das Mädchen nie in der Förderschule landen dürfen, nur weil es Sprachdefizite hatte. Zum anderen haben sich erfahrene Pädagogen in Modelleinrichtungen des Kindes angenommen, seine Begabung entdeckt und es so gefördert, wie es im Normalfall nie geschehen wäre.

Zu schnell werden hier die Schul-Schubladen aufgezogen und Kinder einsortiert: Die Reichen und Wohlhabenden landen in den oberen Fächern, weil sie schlauer sind? Die Kinder mit Migrationshintergrund oder aus Sozialhilfe-Familien werden in die unteren gesteckt, weil sie dümmer sind?

Begabung ist vererbbar. Wenn Eltern hochintelligent sind, dann sind es die Kinder oft auch. Wenn Eltern hochintelligent sind, dann wachsen Kinder oft mit vielen Büchern und guten Gesprächen auf. Wenn Eltern arm sind, dann können sie auch dumm sein, müssen es aber nicht sein. Sie sind in jedem Fall ungebildet und können ihren Kindern nichts mit auf den Weg geben. Die Gene kann niemand verändern, die Umstände aber schon.

Schaffen wir es, kleinen Kindern schon im Kindergartenalter - dann, wenn alle aufnahmebereit und lernfähig sind, wie nie mehr später im Leben - Bildung in Grundzügen beizubringen, haben wir bereits die halbe Miete eingefahren. Schaffen wir es darüber hinaus, den Buben und Mädchen in einer Grundschule Zeit zu lassen, um ihre Begabungen zu entwickeln, dann haben wir schon fast gewonnen. Ob die gemeinsame Schulzeit sechs Jahre oder länger dauern soll, ob danach wieder dreigleisig gefahren werden soll oder nur auf einer Gymnasial- und einer kombinierten Real- und Hauptschulschiene, darüber lässt sich trefflich streiten.

Vor allem in Bayern ist bekanntlich das dreigliedrige Schulsystem eine heilige Kuh. Aber auch heilige Kühe können geschlachtet werden. Wer erinnert sich nicht an den massiven Widerstand der bayerischen Bildungspolitiker gegen Ganztagsschulen noch vor wenigen Jahren. Jetzt gibt es viele Ganztagsmodelle und selbst vor echte Ganztagsschulen scheut Minister Schneider nicht mehr zurück.

Als Nächstes kommt das dreigliedrige Schulsystem dran. Weil das System versagt. Es treibt viel zu viele Nebenzweige. Und auf die sollte man nicht stolz sein: Wenn über ein Drittel der Studenten über den Umweg von Fachschulen und beruflicher Bildung die Hochschulreife erlangen, dann haben die meisten von ihnen den "geraden" Schulweg nicht geschafft - oder sie sind falsch einsortiert worden. Was nutzt es, hier krampfhaft an uralten, überholten Strukturen festzuhalten, wenn die Zukunft in anderen Ländern schon längst begonnen hat?

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