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Landkreis Donau-Ries

09.01.2021

Als die Cholera in der Region wütete

Auf dem Pestfriedhof von Trugenhofen fanden 19 der Cholera-Toten aus Kienberg ihre letzte Ruhestätte. Längst sind Büsche über die nicht mehr sichtbaren Gräber gewachsen, Relikte der Bruchstein-Friedhofsmauer sind erhalten.

Plus Schon lange vor Corona haben Epidemien und Pandemien das Leben der Menschen bitter beeinträchtigt und tausende Tote gefordert. Ein Blick in die Geschichte

Seuchen als Geißeln der Menschheit hat es immer wieder in der Geschichte gegeben. Lange vor Corona haben Epidemien das Leben dramatisch auf den Kopf gestellt. Und doch passierte am 21. März 2020 eine Situation, die man wohl so noch nicht gekannt hat: Es war der Beginn des ersten Corona-Lockdowns in Deutschland. Es gab praktisch kein öffentliches Leben mehr. Vieles, was eine funktionierende menschliche Gesellschaft ausmacht, wurde weitestgehend heruntergefahren.

Ausgangssperren, die ansteckenden Krankheiten geschuldet waren, waren bis dahin auf seltene Ausnahmen beschränkt. Beispielsweise hatte die Maul- und Klauenseuche 1920 und 1965 in unserer Region dafür gesorgt. Von dieser Tierseuche betroffene Gehöfte waren damals vorübergehend abgeriegelt. Das öffentliche Leben allerdings war nicht betroffen.

50 Millionen Tote bei der Spanischen Grippe

Auch die Spanische Grippe 1918, bei der weltweit geschätzt über 50 Millionen Menschen starben, war eine Pandemie, die uns jetzt an Corona erinnert. Blicken wir aber noch weiter auf Seuchen zurück, die tiefe Einschnitte hinterlassen haben:

München, Samstag, 15. Juli 1854: Im „Glaspalast“ wurde die „Erste Allgemeine Deutsche Industrieausstellung“ eröffnet. 6588 Aussteller waren vertreten. Am 27. Juli wird die erste Cholera-Erkrankung festgestellt, von der bis 5. April 1855 allein in der Hauptstadt 4834 Menschen (ohne die damals noch selbstständigen „Vorstädte“) schwer betroffen waren. 2223 Personen starben.

Reiseaufkommen war mit ein Grund für die Ausbreitung

Dr. Aloys Martin (1818–1891), der 1856 den von der Königlichen Kommission erstellten „Haupt-Bericht über die Cholera-Epidemie 1854 im Königreich Bayern“ redigierte, sah das verstärkte Reiseaufkommen zwar mit als ursächlich für die Ausbreitung. Aber weiter heißt es: „So darf nicht übersehen werden, dass die überwiegende Zahl der Besucher aus Gegenden kamen, welche von Cholera gänzlich frei waren.“

Der Hygieniker und Chemiker Professor Dr. Max von Pettenkofer (1818–1901) aus Lichtenau glaubte nicht, dass die Seuche allein von einem Erreger ausgelöst wird, sondern maß der Boden- und Grundwasserbeschaffenheit die Hauptbedeutung zu. Bestärkt wurde die These unter anderem, weil bei der ersten Epidemie 1836 und dann 1854 ein sehr hoher Grundwasserstand zu verzeichnen war. 1836 starben in München mit seinen Vorstädten über 1000 Personen, in ganz Bayern waren es 3957. Der Bereich Donauwörth, Rain und Neuburg war laut Statistik nicht betroffen, lediglich bei einem Todesfall in Rain wurde Cholera vermutet.

Robert Koch entdeckte den Erreger

Erst Robert Koch konnte 1884 den Erreger entdecken. Dennoch sind drei Verdienste untrennbar mit Pettenkofer und dem Jahr 1854 verbunden: Die heute in der Epidemiologie übliche Ortsbesichtigung und ausgiebige statistische Erfassung und Auswertung des Seuchengeschehens wurde von ihm und seinen Schülern eingeführt. Er bewirkte bei König Ludwig II. die Stärkung des Wissenschaftsfaches „Hygiene“. Schließlich erfolgte auf sein Drängen die hygienische Sanierung der Stadt München.

Augsburg, Sonntag, 6. August 1854: In Schwabens Hauptstadt tritt die Cholera erstmals auf – und sollte bis zum 20. Oktober 1236 registrierte Todesopfer fordern, also mehr als drei Prozent der 39.340 Einwohner.

Das Grab von Johann Baptist Leuthenmayr an seinem letzten Wirkungsort Rain.

Erster Cholera-Fall in Rain

Rain, Donnerstag, 17. August 1854: Von München eingeschleppt, tritt der erste Cholera-Krankheitsfall auf. 19 der 40 Infizierten sterben. Gendarm Kaltenegger, der sich in der Hauptstadt angesteckt hatte, wurde wieder gesund. Aber der ihn pflegende Andreas Fröhlich aus Thierhaupten wurde das erste Todesopfer. Die Schilderung der Rainer Verhältnisse ist dem Gerichtsarzt Dr. Johann Baptist Wolff und dem Chronisten Ludwig Wilhelm Fischer (1817–1890) zu verdanken.

Fischer, mittlerweile Assessor am Landgericht Weiler (Allgäu) hielt fest, was ihm Benefiziat Joseph Baumann am 27. September 1854 schrieb. Trotz Verlegung der Gendarmerie und vieler Vorsichtsmaßnahmen griff die Seuche vor allem im Bereich des Liebfrauenbenefiziums (westlich der Stadtpfarrkirche, jetzt Teil der Firma Höringer) um sich. Baumann schreibt an Fischer: „Du kannst dir die traurige Stimmung denken, die sich allgemein kundgibt …“ und „Man hält besondere Andachten und fürchtet sich nicht wenig“. Abschließend ein Lichtblick: „Da die Krankheit jetzt nervös wird, meint Dr. Wolff, sie hätte ihren magischen Charakter verloren, und wir wären bald davon befreit, was Gott geben möge.“ Wolff sollte recht behalten: An besagtem 27. September war der letzte Todesfall in Rain zu beklagen.

Der Märtyrer Sebastian (hier in der Wallfahrtskirche Kienberg) ist Schutzpatron der Sterbenden und gegen Seuchen.

Ein Bettelweib starb

Ein glimpfliches Ende gab es in Oberpeiching. Dort sei, so der Bericht von Dr. Wolff, eines Morgens ein Bettelweib todkrank auf einem Feld gefunden und ins Hüterhaus gebracht worden, wo es starb. Fünf Tage nach der Beerdigung erkrankte die Leichenwärterin, später auch ihr Mann. Beide – über 60 Jahre alt – erholten sich von der Krankheit, und es kam zu keinen weiteren Ausbrüchen.

In Feldheim schlug dagegen die Cholera ab 31. August mit voller Wucht zu. Der junge Dr. Ignaz Muggenthal, selbst gesundheitlich angeschlagen, wohnte vorübergehend im Dorf, um den vielen Cholera-Kranken beizustehen. Trotzdem starben 21 Personen – fünf Prozent der 420 Einwohner. Im Rainer Gerichtsbezirk waren weiter Münster mit Königsbrunn (21 Tote, ab 28. September), Thierhaupten (fünf) und Niederschönenfeld (zwei) besonders betroffen. Die Dörfer im „Hinterland“, das bis Baar, Pöttmes, Schönesberg und Illdorf reichte, hatten keinen einzigen Krankheitsfall.

Oberndorf, Donnerstag, 17. August 1854: Der 22-jährige Fabrikarbeiter Xaver Prucker, an seinem Wohnort Augsburg soeben aus dem Krankenhaus entlassen, verbrachte die Nacht zum Freitag bei der Familie Deininger im Hirtenhaus. Der Weg in sein Heimatort Buchdorf endete dann bereits in Eggelstetten, wo er um 15 Uhr starb. Trotz dieses Vorfalls blieb Eggelstetten von weiteren Infektionen verschont.

21 Tote binnen 35 Tagen in Oberndorf

In Oberndorf aber forderte die Cholera binnen 35 Tagen 21 Menschenleben: Am 1. September verschied laut Sterberegister die Schäferin Maria Anna Holzhauser, am 7. September deren Mann Anton. Am 3. September war bereits Maria Anna Deininger der Krankheit zum Opfer gefallen. Drei weitere Tote sind ebenfalls unter der Hausnummer 19 registriert, zudem starben drei Personen im Armenhaus. Die Statistik des Gerichtsbezirk Donauwörth berichtet von 33 Toten: Oberndorf 22 (amtliche Zahl), Eggelstetten, Kaisheim (jeweils einer), Ellgau (sieben) und Zirgesheim (zwei). Der Kaisheimer Fall wurde allerdings heftig diskutiert, denn der Betroffene war bereits 21 Tage vorher aus München-Au ins Arbeitshaus verlegt worden – und es blieb der einzige Fall inner- und außerhalb der früheren Klostermauern. Von Mertingen und Donauwörth ist jeweils ein schwerer Krankheitsverlauf überliefert. Alle anderen Orte waren nicht betroffen.

In den Gerichtsbezirken Rain und Donauwörth konzentrierte sich das Geschehen auf die Orte beiderseits des Lech. Markant war auch die Ausbreitung in drei Orten nahe der Donau – in Burgheim und Stepperg (Bezirk Neuburg) sowie Bertoldsheim (damals Bezirk Monheim).

Burgheim, Sonntag, 10. September 1854: Spät im Vergleich zum Umfeld trat die Seuche auf – 33 der 1086 Einwohner starben. Neuburg, seit 31. August betroffen, hatte ebenso nur zwei Todesfälle wie Karlskron. Stärker betroffen waren im Gerichtssprengel Stepperg (22 von 326 Einwohnern), Karlshuld (13 von 1006) und das kleine Dezenacker (vier). Außerdem starben 57 Personen in den Gemeinden südlich von Ingolstadt, die bis 1879 nach Neuburg zugeordnet waren. Von Dr. Scheppach ist ein ausführlicher Bericht über das Burgheimer Infektionsgeschehen bis 28. Oktober erhalten. Dr. Kraus, Neuburg, stellt für Stepperg fest, dass die Häuser unmittelbar an der Ussel am meisten betroffen gewesen seien.

Auf dem Heimweg gestorben

Hagau bei Wolferstadt, Samstag, 21. Oktober 1854: Um 18 Uhr starb der 54-jährige Kienberger Jacob Rainer. Er war am 16. Oktober im Regen aus seinem Heimatort, in dem es zuvor schon Tote gab, zur Beerdigung der Schwägerin (17. Oktober) gekommen. Am 23. Oktober erkrankte sein Bruder Andreas, genas aber nach sechs Tagen. Am 31. Oktober trat die Krankheit in einem Nachbarhaus auf, wo das Ehepaar binnen weniger Tage starb. „Sonst ereignete sich im ganzen Landgerichtsbezirke Wemding kein Cholerafall“, berichtete Dr. Hessler.

Trugenhofen, Montag, 30. Oktober 1854: Vier Totengräber mit rauchenden Tabakpfeifen, Pfarrer Johann Baptist Leuthenmayr und ein Ministrant nehmen auf dem Pestfriedhof Abschied von der elfjährigen Maria Anna Biber und dem 35-jährigen Willibald Waigl. „Wachte Tag und Nacht bei drei Kranken und versah an deren Stelle Haus- und Feldarbeiten“, hielt der unerschrockene Pfarrer im Sterbebuch über Waigl fest.

Mit einer Straßenbezeichnung erinnert Trugenhofen an die Toten von Pest und Cholera.

Sechsjähriges Kind auf dem Pestfriedhof beigesetzt

Die gleiche Szenerie auf dem Pestfriedhof gab es schon am Vortag mit einem sechsjährigen Kind und einem 47-jährigen Knecht, am Vorvortag mit zwei Verstorbenen, immer wieder seit zwei Wochen. Am 24. Oktober waren gar sechs Einwohner von Kienberg zu Grabe getragen worden. Am 30. Oktober abends 18 Uhr schloss sich das Grab über einer 66-jährigen Kienbergerin – das Ende der Epidemie in dem Dorf, das vorher 93 Einwohner zählte und nun auf 66 Personen dezimiert war. Neben den 25 Matrikeleintragungen im Pfarramt Trugenhofen und dem in Hagau verstorbenen Jacob Rainer hält der zitierte „Haupt-Bericht“ über Mathias Fischer aus Kienberg fest, „auswärts gestorben auf der Flucht vor der Cholera“.

Nach Kienberg kamen am 22. Oktober statt des beorderten Arztes der Nadler Beck und der Badergehilfe Ammermüller aus Monheim unter anderem zur Desinfektion. Dr. Aloys Martin besuchte im November 1855 eigens Kienberg als bezüglich Todesrate am stärksten betroffenen Ort in Bayern. Im „Haupt-Bericht“ sind seine Eindrücke und Zeitzeugengespräche festgehalten.

Bayernweit in der zweiten Welle 7404 Tote

Die meisten Opfer im Gerichtsbezirk Monheim gab es in Bertoldsheim, wo die Seuche von 10. September bis 14. November wütete und 33 der 522 Einwohner starben. Nach dem Bericht von Dr. Gleitsmann lagen die betroffenen Häuser verstreut im Dorf, während sich das Geschehen andernorts oft auf Ortsbereiche konzentrierte. Weiter betroffen waren Gansheim (sieben Tote), Marxheim (vier), Hatzenhofen, Tagmersheim (je zwei) sowie Monheim, Rennertshofen, Schweinspoint und Treidelheim mit jeweils einem Todesfall. Bayernweit registrierten die Behörden bei der zweiten Welle 7404 Cholera-Tote – fast doppelt so viele wie 1836/37.

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