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Echo 2018

13.04.2018

Der Aufstieg des Rüpel-Raps - Provokationen und Tabubrüche

Die Rapper Kollegah (links) und Farid Bang bekamen einen Echo. Die Aufregung darüber war nicht nur bei der Preis-Verleihung am Donnerstagabend in Berlin groß.
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Die Rapper Kollegah (links) und Farid Bang bekamen einen Echo. Die Aufregung darüber war nicht nur bei der Preis-Verleihung am Donnerstagabend in Berlin groß.
Bild: Britta Pedersen, dpa

Deutsch-Rapper Kollegah und Farid Bang wurden beim Echo 2018 als erfolgreichste Musiker ausgezeichnet. Provokationen und Tabubrüche sind Teil ihrer Musik.

Es ist ein Skandal, der zugleich Tradition hat und ein Zeichen unserer Zeit ist. Denn dass die Deutsch-Rapper Kollegah und Farid Bang nun mit Reimen, die moralische Grenzen verletzen, als eine der erfolgreichsten Musiker mit dem Echo ausgezeichnet wurden, verweist auf zweierlei: Hip-Hop mit seinen Spielarten ist zur kommerziell erfolgreichsten Musikrichtung der Welt aufgestiegen, kreiert globale Stars und immer weiter wachsende nationale Szenen; und seine Wurzeln liegen in den sozial prekären US-Vierteln, in deren Sprache die Gewalt, Beschimpfung und tabulose Härte aus der Beschreibung der unmittelbaren Lebenskämpfe Einzug hielten.

Rap-Superstar Kendrick Lamar aus den USA steht für eine reflektiertere Form des Textens.
Bild: Jose Sena Goulao, dpa

Das soll nun freilich nicht rechtfertigen, kann aber erklären. Dass Polizisten mindestens „pigs“ (Schweine), dass Frauen „bitches“ (Huren), dass Schwarze „nigger“, dass Schwächlinge „faggot“ (Schwuchteln) waren, gehörte ebenso zum Straßen-Slang wie Knarren zum Alltag gehörten – und für die Beschimpfung des Halsabschneiders die Figur des Juden herhalten musste.

Im Battle-Rap geht es ums Kräftemessen

Aus der anfänglichen Abbildung des Tatsächlichen durch den Rap ist aber eine Pose geworden, die den harten Kerl in der Härte seiner Sprache und die Stärke seiner Position in der tabulosen Unerbittlichkeit beim ehrabschneidenden „Dissen“, also Schlechtmachen, anderer beweist: das reimende Kräftemessen im Battle-Rap. Wer am fiesesten die Mutter des anderen zu beschimpfen und den anderen am gewitztesten auszuweiden verstand, war Sieger.

Das Wachstum des Rap aus der Nische heraus in die weltweiten Jugendkulturen und in die Charts hat damit eine Pose und eine Sprache nicht nur in die Aufmerksamkeit des Mainstreams gespült – die Haltung und der Wettbewerb der Derbheiten haben auch längst in die Debatten der sozialen Netzwerke Einzug gehalten.

Das breitbeinige Sitzen der Männer gehört im Rap mit dazu

Und wenn man sich heute, in Zeiten der #MeToo-Debatte etwa über das sogenannte „Manspreading“, das breitbeinige Sitzen der Männer, empört – im Rap ist das geradezu die klassische Pose.

Gewesen. Denn in den USA hat sich inzwischen zumeist eine reflektiertere Form des Textens durchgesetzt, aktuell etwa mit Stars wie Kendrick Lamar. In Deutschland aber feiert seit einigen Jahren neben Nettigkeiten wie Cro der sogenannte Rüpel-Rap Urstände.

Die Echo-Verleihung hat eine Debatte ausgelöst

Und sind einstige Protagonisten wie Sido oder Bushido älter und gemäßigter geworden – es stehen mit Typen wie Haftbefehl, Frauenarzt oder King Orgasmus One (die nennen sich ja nicht umsonst schon so) immer neue harte Typen auf, die meinen, die alte Pose mit immer neuen Provokationen aufrechterhalten, ja immer aufs Neue überbieten zu müssen.

Trotz scharfer Kritik haben Rapper Kollegah (rechts) und Farid Bang den Echo in der Kategorie „Hip-Hop/Urban National“ erhalten. Im Vorfeld wurden Antisemitismusvorwürfe laut wegen einer fragwürdigen Textzeile. Die Ethik-Kommission des Echo prüfte daraufhin die Texte des Duos.
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Bild: Jörg Carstensen, dpa

Und noch immer gilt, gerade in Zeiten des medialen Überangebots und des gestiegenen Wettkampfs um Aufmerksamkeit: Skandale helfen. Aber wie soll man damit umgehen, wenn der kommerzielle Erfolg der Rapper sie unweigerlich in den Fokus von Hitparaden und Preisverleihungen rückt? Durch Zensur? Die Echo-Verleihung hat auch diese Debatte ausgelöst.

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