1. Startseite
  2. alfa unplatziert
  3. Papst Franziskus gerät wegen Missbrauchs-Skandal in der Kritik

Vatikan

26.11.2015

Papst Franziskus gerät wegen Missbrauchs-Skandal in der Kritik

Papst Franziskus stellt mit einer Bischofs-Nominierung seine Glaubwürdigkeit im Missbrauchs-Skandal aufs Spiel.
Bild:  Claudio Peri (dpa)

Der Papst hat immer wieder erklärt, dass die Verbrechen von Klerikern an Kindern nicht geheim gehalten werden dürften. Wegen einer Bischofs-Nominierung kommen Zweifel.

Wie ein rot strahlender Leuchtturm steht der Glockenturm der Kirche Sagrado Corazón de Jesús im Nobelviertel der chilenischen Hauptstadt Santiago. El Bosque, der Wald, heißt die Gegend, in dem die chilenische High Society in den Jahren der Militärdiktatur von Augusto Pinochet lebte. Wie viele andere besuchte damals auch der junge Bankierssohn Juan Carlos Cruz die Pfarrei und ihren über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Priester Fernando Karadima. Inzwischen lebt Cruz in Philadelphia, er kann gar nicht weit genug von diesem Ort des Schreckens entfernt sein. Denn Karadima, der von der damaligen chilenischen Führungsschicht verehrte Pfarrer, hatte ihn jahrelang sexuell missbraucht.

Der Fall Karadima kam 2010 ans Licht, als neben Cruz auch zwei weitere Opfer des Priesters mit ihren Anschuldigungen an die Öffentlichkeit gingen. Der Vatikan suspendierte den heute 85 Jahre alten Mann ein Jahr später von seinem Amt, strafrechtlich waren seine Taten aus den 80er Jahren verjährt. Aber die Affäre, die in Chile immer noch nicht ganz aufgeklärt ist, setzt auch Papst Franziskus in ein zweifelhaftes Licht. Cruz, inzwischen 51 Jahre alt und Kommunikationschef eines amerikanischen Chemiekonzerns, behauptet, Papst Franziskus stehe trotz aller gegenläufiger Bekenntnisse auf der Seite der Vertuscher.

Auslöser für diesen Verdacht ist die Nominierung eines Bischofs in der chilenischen Stadt Osorno durch den Papst. Am 10. Januar nominierte Franziskus den 59 Jahre alten Juan Barros und löste damit heftige Proteste aus. Obwohl die Glaubenskongregation im März bekanntgab, keine „objektiven Gründe“ gegen die Nominierung von Barros gefunden zu haben, geriet dessen Amtseinführung zu einem Chaos. Gläubige aus Osorno und Umgebung versuchten den Bischof beim Betreten der Kirche zu behindern und stimmten während der Einführungsmesse Sprechchöre an. „Barros raus!“ forderten sie.

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

Die drei Männer klagen in einem Zivilprozess gegen die Diözese Santiago

Juan Carlos Cruz kennt Barros persönlich. „Er war dabei, als Karadima mich berührte“, berichtet der Exil-Chilene vom Missbrauch in den 80er Jahren. „Er küsste Karadima. Ich sah, wie er abscheuliche Dinge tat“, sagt Cruz am Telefon mit bebender Stimme. Nicht nur Barros war aus Karadimas katholischer Kaderschmiede, einem aus Psychodruck und Vergewaltigung bestehenden System, in El Bosque hervorgegangen, sondern Dutzende andere Priester, die heute in Chile Pfarrgemeinden leiten und über die Taten ihres ehemaligen Mentors schweigen. Neben Barros sind drei weitere von Karadima herangezogene Bischöfe in Chile im Amt. Auch sie schweigen. Und Franziskus, der Papst, der Missbrauch und Vertuschung den Kampf angesagt hat, nominierte einen von ihnen.

Schlimmer noch. Anfang Oktober veröffentlichte das Nachrichtenportal Ahora Noticias einen Videomitschnitt, auf dem der Papst anlässlich einer Generalaudienz im Zwiegespräch mit Gläubigen auf dem Petersplatz zu sehen ist. Auf die Probleme in der Diözese Osorno angesprochen, verteidigt Franziskus Barros. Der Papst sagte wörtlich, die Gläubigen in Osorno sollten sich „von diesen ganzen Linken, die diese Sache aufgebauscht haben, nicht an der Nase herumführen lassen“ und bezeichnete die Vorwürfe als „Dummheiten“. Die harten Worte des Papstes standen damit denen dreier Missbrauchsopfer konträr gegenüber. Cruz, José Andrés Murillo und James Hamilton, die ihr Missbrauchtwerden durch Karadima und die Anwesenheit von Barros bei diesen Gelegenheiten öffentlich gemacht hatten, sagen, sie fühlten sich vom Papst verletzt.

Die drei Männer klagen wegen der Misshandlungen durch Karadima in einem Zivilprozess gegen die Diözese Santiago auf Schadensersatz in Höhe von 600000 Dollar. Murillo, der heute einem Verein für Kinderschutz in Santiago vorsteht, wirft dem Papst „Doppelmoral“ vor. Cruz, der aus einem streng konservativen Elternhaus stammt, twitterte nach den Worten des Papstes über die angeblich linke Verschwörung in Osorno ironisch ein Bild mit Hammer und Sichel. Doch die Sache ist viel ernster: Cruz ist immer noch in Therapie wegen des Missbrauchs von vor 30 Jahren. Er erzählt, er weine oft und sei depressiv. Er sagt: „Ich habe Freunde, die sich umgebracht haben.“

Weitere Seiten
  1. Papst Franziskus gerät wegen Missbrauchs-Skandal in der Kritik
Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren