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Lagerlechfeld

07.07.2019

So versteckt arbeiten die Lotsen im Lechfeld-Tower

Hausbesuch im Tower am Fliegerhorst Lechfeld. Fluglotsen wie Adrian Palej (links) und Wolfgang Dietz sorgen hier für Sicherheit im Luftraum.
Bild: Marcus Merk

Der Kontrollturm am Lechfeld bringt nicht nur Flugzeuge sicher zum Boden, sondern auch das lokale Wetter in alle Handys. Und er hat für jeden Fall ein System in Reserve. Denn Sicherheit hat absoluten Vorrang.

Eine freundliche Stimme hallt entgegen: „Hereinspaziert“, sagt Mark Lütkenhus und öffnet eine schwere Gittertüre im plötzlich ganz schmal gewordenen Treppenhaus. Streng beschützt, dabei im wahrsten Sinne des Wortes weltoffen – das ist der Tower auf dem Flugplatz Lechfeld. Der Besucher hat mehrere Kontrollen zu passieren, ehe er vom Kasernentor in das Towergebäude gelangt. Eigentlich wirkt dieser für das Lechfeld so wichtige Arbeitsplatz recht versteckt. Nur vom Flugfeld aus ist der Turm als eine der Landmarken des Bundeswehrstandortes zu sehen. Kurz vor dem Eingangsbereich braucht es einen Begleiter mit einer der höchsten Sicherheitseinstufungen am Fliegerhorst. Doch abweisend ist hier niemand. Im Grunde ist der Kontrollturm nämlich ein Dienstleistungsbetrieb und dient auch der zivilen Welt. Nicht nur Fluglotsen wie Lütkenhus arbeiten hier.

Von hier kommen Wetterdaten für alle Handys

Halbstündlich sammeln die insgesamt sechs Wetterbeobachter in unmittelbarer Nähe zu den Fluglotsen eine ganze Liste an Daten und stellen diese unter anderem dem Deutschen Wetterdienst zur Verfügung. Sie dienen damit also nicht nur der Planung von Militärflügen. Es sind unter anderem diese Daten, die unsere Wetter-Apps auf dem Handy füttern. Am einfachsten sind die Werte mit den Stichworten „Wetter ETSL“ weltweit im Internet zu finden.

ETSL ist der internationale Luftfahrt-Code für den Flugplatz Lechfeld. Ungezählte Piloten schlugen seine Daten schon in ihrem Handbuch nach, ehe sie einen Flug ans Lechfeld planten. Ebenso vielen verhalf der Tower hier zu einer sicheren Landung oder zu einem gefahrlosen Überflug. Flugsicherung heißt das Stichwort hierfür. Und Fluglotsen sind es, die die drei Arbeitsplätze in der Glaskuppel an der Spitze des Kontrollturms besetzen.

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3000 Flugbewegungen in der ersten Jahreshälfte

Rund 3000 Flugbewegungen betreute der Tower in der ersten Jahreshälfte von 2019. Dazu zählen Starts und Landungen, Durchstartübungen mit und ohne Aufsetzen oder Überflüge unterhalb von rund tausend Meter über Grund. Das ist freilich wenig im Vergleich zu den aktivsten Zeiten des aufgelösten Jagdbombergeschwaders 32 vor dem Jahr 2013. Da wurden im Halbjahr rund 4300 Starts und Landungen gezählt. Mit allen Übungsflügen lagen die Rekordzahlen nach 2001 schon bei 40 000 bis gut 50 000 Flugbewegungen im Halbjahr.

Doch als Ausweichflugplatz ist die Piste am Lechfeld nach wie vor Ziel von Militärmaschinen. Vor allem für Übungen und Trainingsflüge wird der Fliegerhorst weiter gebraucht.

In Übung bleibt somit auch das Personal. Lebhaftere Zeiten werden wiederkommen - spätestens wenn der Flugplatz ab 2028 Heimatbasis für Transportmaschinen vom Typ A400M wird. Denn die Bundeswehr hat schon mehrfach verdeutlicht, dass sie den Standort Lechfeld als letzte Luftwaffen-Basis südlich der Donau nicht aufgeben wird. So hält die Flugplatzstaffel hier stets alles einsatzbereit.

Die Glaskuppel ist an jedem Werktag besetzt

Die Glaskuppel an der Spitze des Lechfeld-Towers ist jeden Werktag besetzt. Mehrere Fluglotsen in Uniform teilen sich den Dienst. Nicht alle müssen bei jedem Wetter ganz oben hinauf. Einige der acht Arbeitsstellen befinden sich im separaten Radarraum. Zwar ohne Rundumblick, dafür weniger beeinflusst von Sonnenstrahlung oder Regenschauer.

In engem Zusammenspiel mit Piloten sowie verschiedenen Stellen der Flugsicherung - insbesondere am Airport München - wird die Enge des Luftraums in geordnete Korridore aufgeteilt. Die andauernde Steuerung soll ein flexibles Luftraummanagement ermöglichen. Drei Kriterien haben sich dazu Mark Lütkenhus und seine Kollegen als Ziel gesetzt: „Sicher, reibungslos, wirtschaftlich“ soll das Ergebnis sein.

Dazu gehört auch Flexibilität, wenn es darum geht, wer gerade Vorrang bekommt oder wer auf seine Startfreigabe warten muss beziehungsweise eine Warteschleife zu ziehen hat. Nicht alles von dem spielt sich über oder vor dem Lechfeld-Tower ab. Aber der Kontrollturm ist ein wichtiges Relais in dem Netz von militärischer und ziviler Flugsicherung in Deutschland.

Eine Sonderstellung hat der Flugplatz Lechfeld dabei durch seine Lage zwischen Ein- und Abflugbereich des Flughafens München einerseits und dem unter der Woche meist für militärische Übungen reservierten militärischen Luftraum zwischen Lech und schwäbischer Alb andererseits.

Wenn dort oben Fluglärm dröhnt, können die Fluglotsen nichts dafür. Ihre Hausmacht beschränkt sich auf die An- und Abflugverfahren ihres eigenen Flugplatzes. Die entsprechenden Flugwege sind im Grunde klar geregelt und führen je nach Flugrichtung im Norden um Augsburg beziehungsweise um Bobingen herum; im Süden sollen die Piloten einen Bogen unter anderem um Klosterlechfeld schlagen. Doch nicht allen gelingt dies immer. Insbesondere ortsfremde Flieger könnten sich beim Anflug in Richtung Lechfeld schon mal vertun und dann trotz Radarsignals oder Lotsenansage zu spät oder zu früh eine der vorgegebenen Kurven ansteuern. „Bei mehreren hundert Stundenkilometern genügen einige Sekunden, um einige hunderte Meter vom vorgegebenen Kurs abzukommen.“ Das ist jedoch schnell korrigiert.

Für viele Piloten war das Lechfeld einst die Home-Base

Lütkenhus weiß von Piloten, die sich hingegen durch ihre präzisen An- und Abflüge am Lechfeld einen Namen gemacht haben. Die sahen die Autobahn und ein paar Kirchtürme im Augenwinkel und düsten auch ohne Leitstrahl auf Idealkurs zu ihrer „Home-Base“. Besonders gut daran findet Lütkenhus: „Viele Piloten waren schon früher mal am Lechfeld stationiert, also klappt es hier in der Regel sehr gut.“

Die Flugsicherung baut allerdings nicht nur auf Erfahrung und Ortskenntnis. Sie setzt eine Vielzahl an technischen Mitteln ein. Es sind ausgeklügelte Systeme. So dient eine lange Lichterkette dem Anflug auf Sicht. Farben und verschieden breite Balken sowie Blitzlichtstrecken markieren den Weg bis zum Aufsetzpunkt und darüber hinaus. Radartechnik hilft beim sogenannten Präzisionsanflugverfahren. Das erlaubt auch ohne freie Sicht eine sehr sichere Landung mittels Zielansprache durch Lotsen. Die dritte Alternative ist künftig das Instrumentenlandesystem, bei dem der Pilot autark handelt.Falls sämtliche Systeme auf einen Schlag ausfallen sollten, gibt es noch eine letzte Reserve: eine Lichtkanone. Ihre Blinksignale können einem Piloten dann immer noch die wichtigsten Informationen geben. Doch das ist ein Relikt aus alter Zeit, als die Elektronik anfälliger für Störungen war.

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