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Mindelheim

13.07.2020

17 Schülerinnen verlieren ihr zweites Zuhause

Durch die Schließung des Maria-Ward-Internats in Mindelheim verlieren 17 Schülerinnen ihre zweite Heimat. Im MZ-Gespräch erzählen (von links) Tiziana Zachmeier, Bilecha Rolshausen, Kerstin Mosig und Alina Dalibor (nicht im Bild), was die Schließung des Internats für sie bedeutet.
Bild: Sandra Baumberger

Plus Die Schließung des Maria-Ward-Internats in Mindelheim war für die Schülerinnen ein Schock. Dass sie das Haus schon bald für immer verlassen müssen, stellt nun einige vor Probleme.

Nur noch wenige Tage, dann ist es vorbei: das Schuljahr und für 17 Schülerinnen des Maria-Ward-Internats auch ein Lebensabschnitt. Nach den Ferien werden sie nicht wieder nach Mindelheim zurückkommen, weil es ihr Internat dann nicht mehr geben wird. Wie berichtet (hier geht es zum Artikel: Kolping gibt das Maria-Ward-Internat in Mindelheim auf) hat Kolping in den Pfingstferien relativ kurzfristig entschieden, das Internat nicht mehr weiterzubetreiben. Für die Mädchen, die die Nachricht völlig unvorbereitet traf, war das ein Schock.

Tiziana Zachmeier saß neben ihrem Vater im Auto und hörte über die Freisprechanlage zufällig mit, als Internatsleiter Martin Ruf ihn über das Ende des Internats informierte. „Ich hab’s erst mal gar nicht geglaubt. Das war wie ein schlimmer Traum“, erzählt sie. Das sie nun schon wieder die Schule wechseln muss, ist für die 15-Jährige, die erst im September nach Mindelheim kam und sich inzwischen gut hier eingelebt hatte, „einfach fürchterlich“. „Ich finde schon wieder ein Internat, aber kein Zuhause wie hier. Hier ist es so warm und herzlich“, sagt sie und kämpft mit den Tränen.

Die Mädchen im Maria-Ward-Internat verbindet eine tiefe Freundschaft

„Der Punkt ist, dass das Internat mehr als ein Wirtschaftsunternehmen ist. Hier ging’s nicht nur ums Geld. Für manche von uns ist das Internat das zweite Zuhause – und für manche sogar das erste“, sagt auch die ebenfalls 15-jährige Kerstin Mosig. Mit ihren Zimmerkolleginnen verbindet sie eine intensive, innige Freundschaft. „Die sind ja immer da und kriegen alles mit. Die kennen mich so gut wie niemand anderer. Wir essen gemeinsam, lachen miteinander, führen lange Gespräche: Es ist schwierig, zu realisieren, dass das jetzt alles vorbei sein soll.“ Sie macht damit deutlich, was auch die anderen empfinden: Sie fühlen sich herausgerissen – und das in einer Lebensphase, die ohnehin nicht eben einfach ist. „Die Mädchen verlieren ihr Zuhause, ihr Fundament. Wir ziehen nicht einfach nur aus“, sagt sie.

Während Tiziana bereits eine neue Schule samt Internat gefunden hat, ist Kerstin noch auf der Suche: Eigentlich würde sie im neuen Schuljahr gerne eine gebundene Ganztagesschule besuchen, also eine, in der sie auch die Hausaufgaben erledigt. Denn die waren – zumindest vor ihrer Zeit im Internat – ein großes Problem. „Ich konnte mich einfach nicht für die Schule motivieren“, gibt sie zu. Die schlechten Noten, die daraus resultierten, belasteten das Verhältnis zu ihren Eltern, es gab viel Streit. Seit sie im Internat ist, ist das anders: Die festen Studierzeiten, in denen auch die anderen lernten, haben ihr sehr geholfen – und auch, dass immer jemand da war, den man bei Problemen fragen konnte. „Ich hab’s hier geschafft, alleine zu lernen“, sagt sie – und dass sie hofft, dass das auch an der neuen Schule klappt. Denn noch hat sie keine Ganztagesschule gefunden: So kurz vor Schuljahresende sind viele der begehrten Klasse schon voll und die Schulen nicht gezwungen, die 15-Jährige noch aufzunehmen. Sie ist zwar schulpflichtig, hat aber lediglich Anspruch auf einen Platz in einer Regelklasse. Und auch da muss erst einmal eine Schule gefunden werden, an der es die gleichen Zweige gibt, wie Kerstin sie jetzt am Maristenkolleg belegt hatte.

Viele Klassenkameradinnen in Mindelheim haben geweint

Dort ging seit November auch Bilecha Rolshausen zur Schule. Als sie Rektor Gottfried Wesseli informierte, dass sie das Mindelheimer Internat verlassen muss, hat er ihr angeboten, sie bei der Suche nach einem neuen Internat zu unterstützen. Und auch viele Mitschüler der Mädchen waren sehr betroffen. Einige von Tizianas Klassenkameradinnen haben ihr angeboten, dass sie bei ihnen wohnen und so doch noch an der Schule bleiben könnte, viele haben geweint. „Das hat mich noch trauriger gemacht, dass die so traurig sind, weil ich gehe“, sagt Tiziana. „Denn ich hatte eigentlich noch nie eine Klasse, die mich gemocht hat.“

Alina Dalibor schließlich hätte das Internat ohnehin verlassen. Sie hat gerade ihren Realschulabschluss gemacht, findet es aber trotzdem schade, dass es das Internat nicht mehr geben soll. Deshalb hat sie auch im Rathaus angerufen, um einen Termin mit Bürgermeister Stephan Winter zu vereinbaren und mit ihm nach einer Lösung zu suchen. Weil das frühere Maria-Ward-Kloster aber nicht der Stadt gehört, sondern dem Investor Pro Secur, ist es nicht dazu gekommen.

Stattdessen hat eine Klassenkameradin von Alina eine Online-Petition für den Erhalt des Internats ins Leben gerufen. 195 Unterstützer haben sie bislang unterzeichnet. „Das hat mich sehr berührt“, sagt Alina. Wie die anderen würde sie sich wünschen, dass das Internat in anderen Räumen weitermachen könnte. Doch so einfach ist das leider nicht, erklärt Internatsleiter Martin Ruf.

Um ein Internat wirtschaftlich betreiben zu können, müsste Platz für 20 bis 25 Mädchen sein

„Es wäre ja nicht damit getan, ein Wohnhaus zu mieten“, sagt er. Denn es müsste nicht nur den Auflagen der Heimaufsicht genügen, sondern außerdem Platz für mindestens 20 oder besser noch 25 Mädchen bieten, um das Internat wirtschaftlich betreiben zu können. Die Anmeldezahlen sind zuletzt jedoch eingebrochen, die sonst üblichen Neuanmeldungen rund um Ostern blieben komplett aus. „Im neuen Jahr wären es nur noch 14, 15 Mädchen gewesen“, so Ruf, der betont, dass die Schließung auch dem Personal sehr nahegeht – und zwar nicht aus Sorge um die eigene berufliche Zukunft, sondern in erster Linie wegen der Mädchen. „Wir hatten gehofft, dass wir noch eineinhalb Jahre haben, um eine passende Lösung zu finden“, sagt er. Doch dann kam Corona und verschärfte die finanzielle Situation zusätzlich: Über Wochen war das Internat geschlossen, dann durfte – wie in der Schule – nur die Hälfte der Mädchen vor Ort sein. „Die Zeit war einfach zu kurz“, so Ruf.

Das alles hat er auch den Mädchen erklärt, doch das macht die Situation für sie nicht leichter: Kerstin weiß, dass das frühere Kloster nicht mehr dem Konvent gehört, und ist doch von der katholischen Kirche enttäuscht. „Ich fühle mich im Stich gelassen“, sagt sie. „Es wird immer von Nächstenliebe gepredigt, aber am Schluss interessiert es dann doch keinen, dass es hier um junge Menschen geht und nicht um ein Gebäude, einen Garten in dem eine Tiefgarage gebaut werden soll oder ein Wirtschaftsunternehmen.“

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