1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Äußere Pracht und innere Ergriffenheit

23.07.2008

Äußere Pracht und innere Ergriffenheit

Was macht die Faszination einer militärischen Barock-Festmusik, die eigentlich nicht für den Kirchenraum geschrieben und doch die wesentlichen Kriterien geistlicher Musik erfüllt, die "höhere Ehre Gottes zu preisen und die Gläubigen zu erbauen" aus? Und was verlangt Georg Friedrich Händel, dieser deutsche musikalische "Gastarbeiter" im Dienste des englischen Königs George II. in der Mitte des 18. Jahrhunderts von seinen Sängern und Musikern?

Die Antwort auf alle diese Fragen gaben die Interpreten in Mindelheim: Es musizierten ein hervorragend disponiertes Streichorchester (Kammer- und Kirchenorchester, Einstudierung Gabriele Laxgang), ausgezeichnete, prachtvoll aufspielende Holz- und Blechbläser und vor allem ein stets musikalisch präsenter und begeisternd singender stimmlich ausgewogener Chor (Kirchenchor St. Stephan und Kammerchor Total Vocal), eingeübt von Chorleiter Jürgen Michels, der auch die Gesamtleitung hatte.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

Dieser Inhalt ist älter als 30 Tage und steht daher nur Abonnenten mit einem Plus+ Abo zur Verfügung.
Jetzt ab 0,99 € testen

Das Dettinger Te Deum, basierend auf dem ambrosianischen Lobgesang, dessen deutsche Übersetzung wir in den 11 Strophen des Gotteslob-Liedes Nr. 257 "Großer Gott, wir loben dich" kennen, faszinierte ob seiner Klangfülle und seines Melodienreichtums die Chorleiter und ihre Chöre in Bad Wörishofen (Heinrich Brandner, 1982, 1985); Türkheim (Franz Eimansberger, 2007, 2008) und Karl Paletta und Andreas Herb (1967, 1974 und 1992 in Mindelheim). Beeindruckend die Aufführung von 1974, die sich der 78-jährige Musikdirektor Karl Paletta selbst zum Abschiedsgeschenk machte. Jürgen Michels entstammt einer anderen Generation. Er beugt einer eher pathetischen, gefühlsbeladenen Interpretation vor, indem er authentisch, streng werkgetreu vorgeht.

Er verlangt die englische Originalsprache; die Tempi im Eingangs- und Schlusschor werden sehr zügig gewählt. Dadurch gelingt ihm eine mehr kammermusikalisch gehaltene Aufführung, wie wir sie aus den CD-Produktionen kennen. Allerdings leidet durch den großen Nachhall, da Chor und Orchester im Chorraum der Stadtpfarrkirche platziert sind, die Textverständlichkeit; auch agieren die Sänger, bedingt durch die ungewohnte barocke englische Sprache des 18. Jahrhunderts zunächst verhalten. Diese Zurückhaltung weicht jedoch; eine Begeisterung und Sicherheit stellt sich ein, die den Höhepunkt der Aufführung mit dem Chor Nr. 11 "Day by day we magnify Thee" ("Tag für Tag sei Dank und Lob dir") findet: Man erlebt eine prachtvoll spielende Solotrompete (Johannes Steber) und einen respondierenden Chor, der die figurierte Melodie und die große Fuge "Wir preisen deinen Namen auf ewig" überzeugend singt.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Die andere Seite in der Dialektik der Barockmusik zeigt sich in der Demut, dem Wissen um die irdische Unvollkommenheit und dem Leid. Im Dettinger Tedeum erscheint der Hinweis auf das Leiden des Mensch gewordenen Christus und die Bitte um Hilfe. Der junge Maximilian Lika singt diese Basspartien ausdrucksvoll und ergreifend.

Die Stimmführer des Orchesters (Monika Herb, Angela Börner, Monika Laxgang, Stephanie Wiedemann, Verena Laxgang, Peter Maas, Orgel) sekundieren einfühlsam. Ebenso sicher gestalteten die Chorsolisten Anja Reichart, Alt und Alois Amberger, Tenor, zusammen mit M. Lika, Bass die Heilsbitte "Du sitzest zu der Rechten des Herrn", dem nach dem "Dann kommst du herab zum Gericht", das berühmte Zapfenstreichthema, der beiden Trompetensolisten (Johannes Steber, Berthold Leicht) folgte.

Sozusagen als barockes Entrée spielte Peter Maas das Orgelkonzert g-Moll, op. 4/1: Musikalisch überzeugend mit glänzenden Figurationen in den langsamen Sätzen, technisch vollkommen im Allegro und tänzerisch delikat im Finalsatz; fein korrespondierte dazu das Kammerorchester und die Holzbläsersolisten (Stephan Reitschuster, Werner Egle, Oboe und Wolfgang Zahn, Fagott).

Am Schluss dieses Lob- und Dankkonzertes des Kirchenchores St. Stephan für den scheidenden Stadtpfarrer Wolfgang Schneck, der gerührt Chorleiter Jürgen Michels dankte, ergriffenes Schweigen, dann minutenlanger Beifall der rund 600 Besucher in der Stadtpfarrkirche.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren