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Pfaffenhausen

30.08.2019

Als Mensch und Tier noch eng zusammenlebten

Enten, Hühner und Gänse gehörten früher auf jeden Bauernhof. Manchmal gesellte sich sogar ein prächtiger Pfau dazu.
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Enten, Hühner und Gänse gehörten früher auf jeden Bauernhof. Manchmal gesellte sich sogar ein prächtiger Pfau dazu.
Bild: Sammlung Hölzle

Das direkte Miteinander von Mensch und Tier war in Unterallgäuer Dörfern bis vor etwa 60 Jahren keine Besonderheit. Ein Rückblick.

Die aktuellen Skandale um Massentierhaltung und das Tierwohl sind derzeit Thema einer großen Diskussion. Sie dreht sich auch um aktuelle Probleme der Landwirtschaft. Sie blickt kritisch in riesige Ställe, in tiefe Güllegruben oder in vereinsamte Bauerndörfer. Sie entdeckt auch das Bauernsterben und beklagt die Nachkommen- und Auskommens-Probleme.

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Es sind Sorgen, die auch zurückblicken lassen in die Zeit der Großväter-Generation. Nicht, um die ärmliche, kleinbäuerliche Zeit zu glorifizieren oder gar wieder herbeisehnen zu wollen. Ein Rückblick zeigt, wie riesig die Unterschiede zum Heute sind und wie ärmlich, rückständig und arbeitsreich die kleinbäuerliche Welt einst war.

Im Unterallgäu waren kleine Höfe in der Mehrzahl

Die Unterallgäuer Dörfer waren bis vor etwa 60 Jahren noch typische Bauerndörfer mit überwiegend kleineren landwirtschaftlichen Betrieben, wie noch viele Zeitzeugen wissen. Die täglichen Abläufe bestimmten weitgehend das Zusammenleben. Die bäuerliche Welt mit festen Stallzeiten, Feld- und Erntearbeiten gab den Takt von Haus zu Haus vor. Ein Dorf war Lebens- und Arbeitsgemeinschaft zugleich. Das Dorf als „Kosmos“ war gebildet aus traditionellen Bauernhöfen, vielen kleinen „Hoimata“ und ein paar Handwerkern.

Als Mensch und Tier noch eng zusammenlebten

Diese bäuerlichen Familienbetriebe waren geprägt von überlieferten Arbeitstechniken, von den Mühen des Tages, vom kirchlichen Leben, vom Brauchtum und auch vom Kampf um ein bescheidenes Auskommen. Doch allmählich kam der Strukturwandel. Das Höfesterben und der Überlebenskampf der bäuerlichen Landwirtschaft begannen. Das Ergebnis ist bekannt. Das Dorf als „Schicksalsgemeinschaft“ gibt es kaum noch.

Auch Nutztiere gehörten im Unterallgäu zur Familie

Weitgehend verloren gegangen ist dabei auch die einst selbstverständliche und enge Lebensgemeinschaft zwischen den Menschen und den vielerlei Tieren. Tiere dienten früher den Bauern als Quelle zum Lebensunterhalt oder als Arbeitstiere. Sie gehörten quasi zur Familie. Die typischen kleinen Bauernhäuser, die man auch „Hoimat“ nannte, drückten diese enge Symbiose aus. Alle wohnten und lebten Tür an Tür und unter einem Dach.

Wer ein schwäbisches Bauernhaus betrat, wurde meist von Stallgeruch empfangen. Kein Wunder. Der Kuhstall war nur durch eine Zwischentür vom Wohnbereich abgetrennt. Er war als Viehbehausung auch der wichtigste Arbeitsplatz des Landwirts. Hier wurde täglich zweimal gemolken; es wurde gefüttert und gemistet. Hier stand aber auch das „Kapital“ des Landwirts, das gehütet und auch zum Handelsobjekt wurde. Ihre Milch wurde in die Molkerei geliefert.

Größere Bauern besaßen auch Pferde und hatten dann dafür einen eigenen Stall. Das Vieh war im kleinbäuerlichen Kreislauf neben Fleisch-, auch Milch-, Fett- und Düngerlieferant. Ein gesundes Kalb war wie Bargeld, ein krankes Tier eine Krise. Im kalten Winter vermittelte der Kuhstall wohlige Wärme. Man nutzte ihn deshalb auch gerne als Arbeitsplatz zum Flechten oder Reisig-Hacken. Selbst die Badewanne kam hier zum Einsatz.

Mäuse gab es in den Bauernhäusern mit ihren Futtervorräten mehr als genug. Sie zu fangen, war Aufgabe der „Maus-Katzen“, die auf einem Hof nie fehlten. In einem oft recht dunklen Saustall grunzte es in mehreren Zellen. Zur Weihnachtszeit wurde meist eine Sau geschlachtet, um Vorräte an Wurst, Fleisch und Schmalz anzulegen. Hunde hielten die Landwirte in der Regel als Wachhunde, aber auch als Spielkameraden für die Kinder.

Auch Hühner gehörten zu jedem Bauernhof. Das vom Eierhändler eingenommene „Eiergeld“ gehörte üblicherweise der Bäuerin. Es war quasi deren Haushaltsgeld. Gänse und Enten schnatterten ebenfalls in vielen Höfen. Der Federvieh-Nachwuchs wurde alljährlich im Hof aufgezogen und durfte in den ersten Tagen nach dem Schlüpfen oft in einer Kiste in der warmen Küche bei den Menschen leben. Die Gänse waren dagegen zum Braten geboren und endeten meist als Weihnachtsgans. In ihrem Leben mussten die Gänse unter lautem Wehgeschrei oft auch Federn lassen, wenn sie von der Bäuerin gerupft wurden. Die „Gaus-Fedra“ als Bettenfüllung galten für die Aussteuer der Töchter als besondere Mitgift.

Fast wie eine Arche Noah

Nimmt man noch die Tauben im Taubenschlag, die Stallhasen und die Bienenhäuser hinzu, dann ist die Tierfamilie auf einem herkömmlichen Bauernhof ziemlich komplett. So war früher eine „Hoimat“ fast auch eine kleine Arche Noah, auf der in einem kalten Winter Tier und Menschen noch enger zusammenrückten und sich gegenseitig Schutz und Wärme gewährten. Die oft großen Familien lebten meist bescheiden, aber zufrieden – weil sie auch nichts anderes kannten.

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