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Bad Wörishofen

22.04.2020

Als der 2. Weltkrieg vorbei war, der Fanatismus aber nicht

Wendelin Volk spielt zu Weihnachten 1944 seinen Lazarettkollegen Lieder auf der Violine vor.

Plus Das Ende des 2. Weltkrieges vor 75 Jahren in Bad Wörishofen. Was Zeitzeugen über das Treiben der Nazis an den letzten Tagen berichten.

Mit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Bad Wörishofen am 27. April 1945 begann vor 75 Jahren die Nachkriegsgeschichte eigentlich schon einige Tage vor dem offiziellen Kriegsende am 8. Mai. Dass aber von diesem Ende auch hier vor Ort einige fanatische Anhänger des Regimes davon noch nichts wissen wollten, zeigen zwei dokumentierte Ereignisse. Von weiteren Zeitzeugen ließ sich erfahren, wie es in einigen Bereichen danach hier weiterging.

Leicht zu einer Katastrophe hätte führen können, was eine Gruppe junger Leute noch einige Tage vor dem Einmarsch veranstalten wollten. Martin Springer, der Lazarett- und Disziplinaroffizier der Heeres-Sanitätsstaffel von Wörishofen hat dies in einem Schreiben festgehalten.

Demnach entdeckte er noch am 24. April auf der Straße vor dem damaligen Postgebäude eine Gruppe von zwei Dutzend zwölf- bis 16-jährigen Buben, die befehligt von einem Major Wiedemann, mit Pickel und Hacken beschäftigt waren, Straßensperren zu errichten, um den feindlichen Vormarsch zu stoppen. Dies konnte Martin Springer nach seinen eigenen Aussagen gerade noch verhindern, die Folgen beim Einmarsch wären wohl unabsehbar gewesen. Auch ein anderes Ereignis zeigt, wie uneinsichtig in den letzten Kriegstagen auch in dem eigentlich als Lazarettort deklarierten Wörishofen noch gehandelt wurde.

Als der 2. Weltkrieg vorbei war, der Fanatismus aber nicht

Am Vorabend von Hitlers Geburtstag „schenkten“ sich Kinder in Bad Wörishofen dem Führer

Noch am 19. April, dem Vorabend von Hitlers Geburtstag, fand im Filmtheater eine Feier zur Aufnahme zehnjähriger Buben und Mädchen in die Hitlerjugend HJ statt.

Sie „durften“ sich dabei zum „Geschenk für den Führer“ machen. Derartiges veranstalteten nachweislich überzeugte Anhänger wie Gustav Fleck als damaliger Jugendführer in Bad Wörishofen bis zuletzt. Im Kino schließlich lief der letzte Film vor einer neuen Zeit am 25. April. „Wen die Götter liebten“, hieß er und war eine Dokumentation über Wolfgang Amadeus Mozart. Zwei Tage später war der Krieg in Bad Wörishofen vorbei und wurde mit der Verhaftung von Bürgermeister Sommer durch die Amerikaner besiegelt.

Auch zu dieser nachfolgenden Zeit gibt es interessante Geschichten, die das damalige Geschehen anschaulich widerspiegeln. Wendelin Volk zum Beispiel war als Kriegsversehrter nach Bad Wörishofen ins Lazarett gekommen, wie seine Frau Rosalinde zu erzählen weiß. Noch an Weihnachten spielte der musikalisch begabte junge Mann seinen Lazarettkollegen zur Aufmunterung auf der Violine Lieder vor.

Wendelin Volk spielt zu Weihnachten 1944 seinen Lazarettkollegen Lieder auf der Violine vor.

Nach dem Ende blieb er als Lehrer hier und erlebte die Schulraumnot dieser Zeit hautnah mit. Es gibt noch etliche Wörishofer, die sich daran erinnern, dass ihre Schulstunden in Gasthäusern wie dem „Gary“ oder dem späteren „Consulata“ stattfanden. Das Schulhaus an der Schulstraße war ja ebenfalls belegt gewesen.

Dennoch begann am 1. Oktober unter Schwester Klara als Schulleiterin das erste Schuljahr nach dem Krieg.

Später war Wendelin Volk selbst beliebter Rektor an der Wörishofer Grundschule.

So begann in Bad Wörishofen allmählich das öffentliche Leben nach dem Krieg

Aus einem anderen Blickwinkel berichtet Malermeister Erwin Stegmaier, Jahrgang 1924, über das Geschehen in Bad Wörishofen kurz nach dem Wiederbeginn des normalen, öffentlichen Lebens. Er war letztmals an Weihnachten 1944 zu Hause gewesen und kehrte nach vielen Kriegseinsätzen, die er glücklich überstand, im August 1945 erst wieder endgültig hierher zurück.

Der Wunsch nach Normalität dürfte sehr groß gewesen sein, denn seine Erinnerungen beziehen sich nicht zuletzt auf sein geliebtes Fußballspiel. „Kaum war der Krieg vorbei und so ging es gleich im Sommer 1945 damit wieder los.

Malermeister Erwin Stegmaier, Jahrgang 1924, erinnert an das Geschehen in Bad Wörishofen kurz nach dem Kriegsende.

Gespielt wurde zunächst beim Segelflugplatz, ehe wieder der Platz im Kurpark bezogen werden konnte. Gerne erinnert sich Stegmaier an Namen wie die Gebrüder Maurer, die „Berchtoldbuben“, an Max Meitinger, der als kostbares Gut einen Ball besaß, oder „Leat“ Leindecker.

Wandernde Kinder irrtümlich in Bad Wörishofen verhaftet

Eine besondere Rolle habe schon damals Fritz Thiemann gespielt. „Er schaute uns zuerst nur zu und fragte dann, ob er mitspielen dürfe. Wir merkten dann gleich, dass er mit dem Ball besonders gut umgehen konnte.“

Dies war kein Wunder, stellte sich doch heraus, dass dieser früher bereits höherklassig in der Gauliga gespielt hatte. Noch eine andere lustige Anekdote wusste Stegmaier aus den Nachkriegstagen zu erzählen: „Mit zwei anderen Fußballern waren wir eines Tages, etwas außerhalb des Ortes, unterwegs und marschierten mit dem Lied „Ein Stock, ein Hut, ein Regenschirm“ gut gelaunt durch das Land. Als uns dabei ein Trupp der Amerikaner entdeckte, wurden wir sofort verhaftet. Sie hatten geglaubt, wir würden uns militärisch bewegen. Zum Glück klärte sich das Missverständnis bald auf.

Dennoch wartete auf die Bevölkerung insgesamt und auch auf Bad Wörishofen noch eine sehr harte Nachkriegszeit. Die Kriegsfolgen waren heftig, in fast allen Familien waren Opfer zu beklagen und dennoch mussten die Felder bestellt und das Leben irgendwie weitergehen. „Heute ist es kaum vorstellbar, welche Last in dieser Zeit besonders auch auf den Frauen lag, die dies oft ohne Männer bewältigen mussten“, so die Aussage einer dieser Frauen, die dies selbst miterleben mussten.

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