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Zeitgeschichte

29.04.2015

Als der Einmarsch stockte

und heute
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und heute

Warum die Amerikaner im April 1945 in Mindelheim feststeckten

Anton Dirr war im April 1945 neun Jahre jung. Er ist Mindelheim aufgewachsen. Heute lebt er in Sulzberg im Allgäu. Dirr hat seine Erinnerungen über die Zeit des Kriegsendes in Mindelheim aufnotiert.

Der Bub wohnte mit seinen Eltern und seiner zwei Jahre jüngeren Schwester in dem kleinen Haus an der Ecke Teckstraße / Westernacher Straße. Das ist neben dem Reichsadler. Sein Vater hatte bereits vor Tagen mit dem Volkssturm und einem mit Wehrmachtsgütern beladenen Pferdegespann der Lammbrauerei das friedliche und beschauliche Mindelheim verlassen müssen.

Dass Krieg ist, wussten die Kinder natürlich. Die Buben waren seit dem Winter 1944/45 in einer Gaststube des Gasthofes „Hirsch“ in der Gerberstraße unterrichtet worden. Ein warmes Klassenzimmer hatten sie nur, wenn jedes Kind etwas Brennholz mitbrachte. Die Knabenschule diente zu dieser Zeit als Kriegslazarett.

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Die Kinder bestaunten auch ein notgelandetes und demoliertes englisches Jagdflugzeug, das nördlich von Oberauerbach in einer Wiese lag. Am Tag X, dem Anrücken der Amerikaner, hörte man seit Tagesbeginn ein fernes, eigenartiges und unheilverkündendes Brummen und Dröhnen. Es kam von Nordwesten auf Mindelheim zu. Erwachsene erzählten, dass amerikanische Panzer den westlichen Waldrand von Westernach erreicht hatten.

Den ersten Panzer bekam Anton Dirr dann am Westernacher Tor zu sehen. Er versuchte durchzufahren, war aber zu breit. Plötzlich dann ein Ruck, ein knirschendes Geräusch, wie wenn Eisen in ein festes Mauerwerk gerammt wird, und der Panzer blieb im Torbogen stehen. Der Fahrer versuchte zwar im Vorder- und Rückwärtsgang, das Gefährt wieder flott zu bekommen. Es half aber alles nichts, der Panzer steckte fest. Der Einmarsch der Amerikaner stockte, und Anton Dirr sah alles aus unmittelbarer Nähe.

Plötzlich herrschte hektisches Treiben zwischen seinem Wohnhaus und dem Westernacher Tor. Schwerbewaffnete Jeeps mit aufgebauten Maschinengewehren und dunkelhäutigen Soldaten waren vorgefahren. Kommandos in einer Sprache schallten über den Platz, die die Kinder nicht verstanden.

Anton und seine Schwester starrten wie gebannt auf die Szene. Dabei merkten sie gar nicht, dass ihre Mutter den Küchenbesen geholt hatte und ein weißes Tuch daran gebunden hatte. Damit ausgerüstet verließ sie das Haus.

Den Besenstiel schwenkend ging sie auf eine Gruppe amerikanischer Soldaten zu. Sie fuchtelte wild mit den Armen und deutete in Richtung Westen. Es dauerte eine Weile, bis die Amerikaner begriffen. Am Ende der Teckstraße war die Spedition und Kohlenhandlung Hofmann. Von dort führte die Gerberstraße ohne größere Hindernisse ins Stadtzentrum. Der Panzer blieb im Tor stecken, der Rest machte sich auf in Richtung Teckstraße und verschwand in der Gerberstraße.

Nachdem die Kinder bemerkt hatten, dass sich die Amerikaner sehr friedlich benahmen, bestaunten sie tags darauf den steckengebliebenen Panzer. Ein Extratrupp mit schwerem Gerät rückte an und machte das Fahrzeug wieder flott.

Für die Kinder begannen in dieser Zeit abenteuerliche Wochen. Bald hatten sie ausgekundschaftet, wo die Amerikaner in ihren teilweise schlecht bewachten Versorgungslastwagen ihre eisernen Rationen versteckt hatten. Schokolade, Puddingdosen, Nescafé, Kaugummi, Zigaretten und anderes zog die Kinder magisch an. Eine neue Zeit war angebrochen, nicht nur für die Kinder. (mz)

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