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Historie

21.04.2015

Als die Bomben fielen

Auf dem Viehmarktplatz in Pfaffenhausen standen Kanonen zur Verteidigung. Dieses Bild stammt von 1942.

Vor 70 Jahren wurden Pfaffenhausen und Hausen Ziele von Luftangriffen. Ein SS-Mann fand gleichwohl noch Zeit für Bürokratie

Bevor im Frühjahr 1945 der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, kam er mit Tieffliegern und ständigen Alarmen auch noch in die bis dato ziemlich ruhige Region.

Wie Mindelheim war auch Pfaffenhausen nahe daran, den Befehl der unbedingten Verteidigung auszuführen, was die Zerstörung des Ortes bedeutet hätte. Doch „das rasche Vordringen des Feindes hat die Verteidigung unmöglich gemacht“, steht in der Ortschronik. So wurde Pfaffenhausen am 26. April 1945 noch Ziel eines Tieffliegerangriffs. Nach Schilderung eines jungen Soldaten, eines 18-jährigen Weinbauernsohns aus Württemberg, galt er einem kleinen Trupp deutscher Gebirgsjäger mit ihren Mulis, die bei ihrem Rückzug in Pfaffenhausen kurz rasten wollten. Bei dem Angriff kamen drei der elf Kameraden und mehrere Mulis ums Leben. Außerdem wurden zwei Anwesen und ein landwirtschaftliches Gebäude in Brand geschossen. In einem Bericht des Blindenheims heißt es: „Man hörte schwere Bombeneinschläge und das Krachen und Klirren von Fensterscheiben ... Drei Häuser im unteren Markt waren durch Bombenabwürfe schwer mitgenommen, fast ganz zerstört. Von der Bevölkerung kam niemand ums Leben.“

Für Pfaffenhausen war der Angriff ein Schock: Im gesamten Ort waren die Fensterscheiben – auch die großen, prächtigen Kirchenfenster – zerbrochen. Etliche Dächer waren durch die Druckluft abgedeckt oder beschädigt worden.

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Insgesamt waren fünf Bomben gefallen, darunter ein Blindgänger. Als 1999 das Gesundheitszentrum gebaut wurde, kam er zum Vorschein und wurde nach einer Evakuierung der Umgebung entschärft. Seither ist die Fliegerbombe im Besitz des Veteranenvereins.

Der junge württembergische Soldat hat die Bombardierung und den Angriff mit Bordwaffen damals wie durch ein Wunder überlebt. Er war im Straßengraben liegend in das Mündungsfeuer eines Jagdfliegers geraten. Doch die auf ihn zukommende Geschoßgarbe verfehlte ihn ganz knapp. Etwa 40 Jahre später kehrte er nochmals dorthin zurück, wo er in den letzten Kriegstagen um ein Haar gefallen wäre. Jedoch „mit schlechtem Gewissen“, weil ihre unvorsichtige Militärgruppe damals den folgenschweren Angriff von vier amerikanischen Jagdbombern auf Pfaffenhausen ausgelöst habe.

Am gleichen Tag wurden auch im benachbarten Hausen einige Bauernhöfe von Tieffliegern in Brand geschossen. Dies waren furchtbare Stunden für die Bevölkerung. Viele Tiere kamen in den brennenden Ställen qualvoll um. Auch hier fehlte es wegen der Tieffliegergefahr an Helfern aus der Umgebung. Wie überliefert wird, eilten lediglich die jungen Mädchen und Frauen aus Egelhofen mit ihrer Feuerspritze zum Löschen nach Hausen.

Dass trotz der chaotischen Zustände zum Kriegsende sogar noch die deutsche Bürokratie blühen konnte, kann ein schier unwirkliches Schriftstück belegen.

Darin bestätigte am 27. April 1945, also nur wenige Tage vor Kriegsende, ein SS-Oberscharführer mit seiner Unterschrift und dem amtlichen Stempel des Marktes Pfaffenhausen die Beschlagnahme des Damenfahrrades der Landwirts-Ehefrau Anna Wegele, die sich damals auf dem Heimweg von Pfaffenhausen nach Weilbach befunden hatte.

In der auf dünnem Papier gefertigten „Bescheinigung“ steht: „Zum dringenden militärischen Einsatz, wurde das Fahrrad von Wegele, Anna … Marke Wanderer Nr. 594448…. an das SS-Pz!Gren.Ausb. und Ers.Btl.3 abgegeben. Rückerstattung laut Reichsleistungsgesetz. O.U., den 27. April 1945“.

Frau Wegele hat dieses Dokument sorgsam aufgehoben, wohl wissend, dass ihr „Kriegsopfer“ militärisch nicht mehr entscheidend und eine „Rückerstattung“ natürlich utopisch war.

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