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Bad Wörishofen

12.02.2018

Auch mit 68 noch ein aufrichtiger „68er“

Die Studentenbewegung der 68er war auch für den Bad Wörishofer Stefan Ibel eine Revolution: Rudi Dutschke (hier in der Bildmitte mit erhobener Faust) war für ihn ein Idol.
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Die Studentenbewegung der 68er war auch für den Bad Wörishofer Stefan Ibel eine Revolution: Rudi Dutschke (hier in der Bildmitte mit erhobener Faust) war für ihn ein Idol.
Bild: dpa

Stefan Ibel war als 18-jähriger von der Studentenbewegung fasziniert und stand für seine Überzeugungen ein – auch wenn es manchmal schwer und folgenreich für ihn war.

Was war das für eine Zeit – die „68er“-Jahre, als die Studentenbewegung vor inzwischen 50 Jahren ganz Deutschland ergriff und nachhaltig veränderte. Nichts blieb, wie es war. Und noch heute gilt die Zeit der „68er“ als wegweisend. Für das Land – und für die Menschen, die sich damals engagiert und gegen das „Establishment“ und überkommene, verkrustete Strukturen in der Gesellschaft gestemmt und für ihre Überzeugung auch erhebliche persönliche Nachteilen in Kauf nahmen. Stefan Ibel aus Bad Wörishofen war eine dieser „68er“ – und er ist bis heute einer geblieben.

Ja, das war damals eine turbulente, wilde, prägende und auch schöne Zeit. Mittendrin der 18-jährige Stefan Ibel, Gymnasiast am Klosterinternat in Ettal.

Und diese Diskussionen. Alles war politisch, alle waren politisch. Die Gräuel des Vietnamkriegs wurden auch von den Jugendlichen in Bad Wörishofen heftig diskutiert, die Jugend muckte auf, war kritisch und rebellisch – auch hier auf dem Land, wo die „Langhaarigen“ vielleicht noch argwöhnischer beäugt wurden als in der Großstadt.

Ein „stock-konservatives“ Elternhaus

Schon der Tod des Studenten Benno Ohnesorg bei der Demonstration am 2. Juni 1967 in West-Berlin gegen den Staatsbesuch von Schah Mohammad Reza Pahlavi erschütterte den 17-jährigen Stefan Ibel heftig. Ein West-Berliner Polizist erschoss den 26-Jährigen mit einem Pistolenschuss aus kurzer Distanz in den Hinterkopf. Die ganze Jugend war wütend und stemmte sich gegen das Establishment – und damit auch gegen die Generation ihrer Eltern.

Auch Stefan Ibel lag mit seinen Eltern immer wieder quer – er hatte es aber auch alles andere als leicht, stammte er doch nach eigener Aussage aus einem „stock-konservativen“ Elternhaus. Und dann der Bub als „Möchtegern-Revoluzzer“? Vater und Mutter Ibel waren zwar beileibe nicht mit allem einverstanden, was der Bub so anstellte, doch sie standen immer hinter ihrem Sohn – auch dann noch, als er zunehmend in der Schule aneckte.

Ein aufmüpfiger Jugendlicher in einem katholischen Internat? Konnte das gutgehen? Zuerst ja: Stefan Ibel war Klassenbester und beteiligte sich intensiv am Schulleben. Doch dann, als er immer politischer wurde, war er den bigotten Verantwortlichen der Klosterschule ein Dorn im Auge. Als er nach dem Attentat auf Rudi Dutschke, dem Wortführer der Studentenbewegung, an Ostern 1968 im „Schulfunk“ seine Zusammenfassung der Ereignisse senden wollte, kam es zum Eklat. Entweder der Zwölftklässler geht freiwillig von der Schule – oder er fliegt! Oder, na ja, er könnte sich ja auch von diesen ach so wirren politischen Forderungen lossagen, bot man ihm an. Dann könnte man vielleicht doch noch ein Auge zudrücken...

 Wegen „linksradikaler Umtriebe“ musste er die Schule wechseln

Doch da war mit Stefan Ibel kein Handel zu machen. Als ihm von der Schulleitung dann im Beisein seiner Mutter öffentlich „linksradikale Umtriebe“ vorgeworfen wurden, verließ er nur allzu gerne das erzkatholische Internat – auch wenn dies bedeutete, dass er an eine neue Schule wechseln musste. Als guter Schüler, der er war, baute er sein Abitur dann eben am Gymnasium in Kaufbeuren. Der Wechsel war nicht immer einfach – doch wieso sollte es sich Stefan Ibel auch einfach machen? Er hatte doch schließlich seine Überzeugungen.

Und er wusste, dass er sich nicht verbiegen oder gar brechen lassen wollte: „Für mich war klar: Ich gebe nicht klein bei!“, sagt er heute und schmunzelt dabei, während sein Blick etwas vergessen in die Ferne – in die Vergangenheit – schweift.

„Nestbeschmutzer“ schimpften ihn damals manche – oder gar Gesindel. Doch das ließ ihn vollkommen kalt. Er war überzeugt, dass er sich wehren, dass er sich quer stellen musste. Mach kaputt, was Dich kaputtmacht, hieß es damals. Stefan Ibel war aber immer auch bodenständig genug, um Grenzen zu erkennen: Spätestens die blutige Niederschlagung des demokratischen Wandels in der damaligen Tschechoslowakei zeigte ihm drastisch auf, wie schnell eine Idee zur Ideologie verkommen und missbraucht werden kann. Träumereien von einem sozialistischen Staat wie der DDR oder gar dem Kommunismus prallten daher immer an ihm ab. Das sorgte dann auch für eine Premiere in Bad Wörishofen: Ibel und seine Mitstreiter organisierten im August eine Demo in der Kneippstraße. 15 Teilnehmer etwa, aber immerhin die wohl erste „linke“ Demo in der Kneippstadt.

Von „abseilen“ konnte keine Rede sein

Dass er nicht zur Bundeswehr gehen würde, war sowieso klar. Er verweigerte den Kriegsdienst und war statt an der Waffe als Zivildienstleistender im Einsatz. „Abseiler“ nannten ihn damals einige. Doch er wusste, dass von „abseilen“ überhaupt nicht die Rede sein konnte. Im Gegenteil: Die Zeit als Zivi auf einer Krebsstation war nicht nur sehr anstrengend und arbeitsintensiv. Sie war auch für ihn persönlich ein wichtiger, prägender Abschnitt.

Als Student zog es ihn dann in die Landeshauptstadt München, er studierte Germanistik und Geschichte, um später Lehrer zu werden. Natürlich tobte auch in München die Studentenbewegung, doch Stefan Ibel zog es immer mehr in seine Heimatstadt Bad Wörishofen. Hier war er 1971 in die SPD eingetreten, weil er von der Ostpolitik von Willy Brandt tief beeindruckt war. Hier vor Ort war er dann als einer der führenden Köpfe der Jungsozialisten (Jusos) immer dabei, wenn es um Veränderungen ging.

Mit der Gründung der „Initiative Jugendzentrum“ erfüllten sich er und eine Gruppe Gleichgesinnter einen Traum und als das Jugendzentrum in der ehemaligen „Kuhne-Bau“ – einer aufgelassenen Fabrik in der Gartenstadt – seine Pforten öffnete, war dies mehr als ein Meilenstein.

Aus dieser Gruppe Gleichgesinnter rekrutierte sich die Basis des SPD-Ortsvereins Bad Wörishofen, dem damals gut 60 Mitglieder angehörten. Neben einer großen Gruppe Heimatvertriebener waren es eben vor allem auch „die Jungen“ um Stefan Ibel, Sigmar Kasnitz, Rolf Semm, Edi Pfeiffer oder Bernd Schmeink, die dann auf Jahrzehnte hinaus die Verantwortung in der örtlichen SPD übernahmen. „Das war eine tolle, wilde Zeit. Die Freundschaften von damals halten ein Leben lang“, sagt Stefan Ibel.

Er ist ein Kämpfer geblieben

Bis heute sitzt Stefan Ibel für die Sozialdemokraten im Bad Wörishofer Stadtrat. Eine weitergehende politische „Karriere“ strebte er nie an, er war mit sich im Reinen und seinen Ämtern in Bad Wörishofen gut ausgelastet – und vollkommen zufrieden. Als Deutschlehrer habe er immer versucht, seine Schüler auch für Politik zu begeistern. Ob ihm das gelungen ist? „Leider viel zu selten“, sagt Ibel heute selbstkritisch und man spürt, dass er sich Sorge um die wachsende Politik-Verdrossenheit in der Gesellschaft macht.

Sein politisches Leben hat ihm immer viel gegeben (und manchmal auch ganz schön viel Nerven gekostet): Dass seine Heimatstadt nicht mehr getan habe, um die Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten, das ärgert ihn bis heute. Nur ein paar Seiten habe Bad Wörishofen der Nazi-Zeit in der Stadtchronik eingeräumt – viel zu wenig, wie Ibel betont. Und da spürt man wieder den Kämpfer, den Revoluzzer, der sich nicht in die Schranken weisen lassen will, wenn es um seine Überzeugungen geht.

Zufrieden ist er heute, der 68-jährige. Zufrieden, wenn er auf sein Leben und seine politische Überzeugung blickt. Er sei sich immer treu geblieben, sagt er. Er sagt es mit fester Stimme und man spürt seine unerschütterlichen Überzeugungen. Er war ein 68er – und er ist immer ein 68er geblieben. Darauf ist Stefan Ibel stolz. Zu Recht.

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