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Bad Wörishofen

31.05.2020

Auf Fassbinders Spuren in Bad Wörishofen

Der preisgekrönte Regisseur Christian Wagner mit der legendären ARRI16BL, jener Kamera, mit der Rainer Werner Fassbinder „Berlin Alexanderplatz“ drehte. Wagner dreht in Bad Wörishofen einen Kurzfilm, der zum Fassbinder-Jubiläum erstmals gezeigt wird.
Bild: Wagner

Plus Der Kurort als Drehort: Der Geburtsort des berühmten Regisseurs rückt zum Jubiläum in den Mittelpunkt einer ungewöhnlichen Hommage.

Festivals: nicht möglich. Kinos: noch geschlossen. Corona macht es nicht einfach, einen Mann wie Rainer Werner Fassbinder gebührend zu ehren, jenen Fassbinder, der an einem 31. Mai in Bad Wörishofen das Licht der Welt erblickte und nun 75 Jahre alt geworden wäre. Jenen Fassbinder, der heute zu den wichtigsten Vertretern des „Neuen Deutschen Films“ gehört, der schnell lebte, noch schneller drehte – und viel zu früh starb. Wie macht man das also? Die Antwort darauf gibt am Sonntag, 31. Mai, der Verein Fassbindertage – mit eigens produzierten Kurzfilmen, die nun gemeinsam Premiere feiern – im Internet.

Die ungewöhnliche Fassbinder-Hommage wird nur online zu sehen sein, auf einer eigens dafür geschaffenen Plattform (www.fassbindertage.de). Zwei der Filme wurden unlängst in Bad Wörishofen abgedreht, unter anderem im Geburtshaus Fassbinders auf dem Gelände des Hotels Sonnengarten. Dort war Bundesfilmpreis-Träger Christian Wagner („Wallers letzter Gang“) am Werk. In nur vier Tagen hat er den Kurzfilm „Null Komma Null“ gedreht, in Fassbinder-Geschwindigkeit, sozusagen.

Rainer Werner Fassbinder bei den Dreharbeiten zu „Lola“. Der in Bad Wörishofen geborene Filmemacher starb mit nur 37 Jahren in München. Fassbinder schaffte es in nur 16 Jahren, mit hoher Arbeitsgeschwindigkeit insgesamt 45 Filme zu produzieren.
Bild: Wagner

Ein indisches Filmteam macht in dem Streifen in den Siebzigern ein Feature über das Genie Rainer Werner Fassbinder und landet in: Bad Wörishofen. Dort treffen sie auf Kur-Bademeisterin Gerti Brehm, gespielt von Traute Hoess, die auch schon in Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“ und „Lilli Marleen“ zu sehen war. Die Bademeisterin kannte Fassbinder schon als Säugling und Lausbub und plaudert aus dem Nähkästchen. Zum Zug kam dabei auch genau jene ARRI 16BL Kamera, mit der Fassbinder selbst „Berlin Alexanderplatz“ drehte.

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Die Regisseurin Anna McCarthy war ebenfalls noch bis vor wenigen Tagen in Bad Wörishofen tätig, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, was die Organisatoren auch genauso wollten. McCarthys Film trägt den Titel „Spirit of Fassbinder Conspiracy“, man sollte als Zuschauer gute Nerven mitbringen. „Gruslig“ sei er, sagt Ferdinand Leopolder, der Vorsitzende des Vereins. Am Geburtshaus Fassbinders beschwören Frauen den Geist Fassbinders – und rufen ihn erfolgreich herbei.

Fassbinder und Irm Hermann - in Bad Wörishofen gibt es eine besondere Verbindung zwischen dem Regisseur und seiner Schauspielerin

„Beide Beiträge sind Teil unserer Aktion ’Fassbinder zum 75 – Münchner Künstler schenken Miniaturen“, erklärt Leopolder. Er nennt das, was da entstanden ist, ein „Online-Benefiz-Event für die Münchner Kulturkinos“. Das Besondere: Die Filme sind nur am 31. Mai um 20 Uhr zu sehen. Ein bisschen wird das nun auch zu einer Erinnerung an die Schauspielerin Irm Hermann, welche kurz vor dem Fassbinder-Jubiläum starb, am vergangenen Dienstag. Hermann und Fassbinder, das gehörte zusammen, sie wirkt in vielen seiner Filme mit.

Hermann war auch der Stargast, als die Stadt Bad Wörishofen 2004 ihren berühmten Sohn mit einer Gedenktafel ehrte. Diese wurde am Kino von Rudolf Huber an der Bahnhofstraße angebracht. Der damalige Bürgermeister von Bad Wörishofen und heutige Baustaatssekretär Klaus Holetschek hatte das bald nach seiner Wahl möglich gemacht, nachdem die Kurstadt zuvor viele Jahre lang keine Anstalten gemacht hatte, dem Enfant terrible des deutschen Films ein Denkmal zu setzen. „Fassbinder gehörte zweifelsohne zu den großen Filmemachern“, sagte Holetschek am Freitag vor dem Jubiläum. „Vor allem hatte er auch keine Scheu, sich mit zeitkritischen Themen auseinanderzusetzen.“

Das war 2004: Die vor wenigen Tagen verstorbene Fassbinder-Schauspielerin Irm Hermann war Stargast, als in Bad Wörishofen die Fassbinder-Gedenktafel enthüllt wurde. Das Foto zeigt sie mit Künstler Gerhard Schröder, Kinobetreiber Rudolf Huber und dem damaligen Bürgermeister Klaus Holetschek (rechts).
Bild: Wagner

Der Standort Kino wurde damals gewählt, da Fassbinders Geburtshaus, das Handwerker-Erholungsheim in der Lindenallee 5, der heutigen Adolf-Scholz-Allee, heute zu einem Hotel gehört und das Haus seiner Eltern im Lauf der Jahre zu unansehnlich wurde. Vor dem Kino hat Betreiber Huber mittlerweile eine Art Wörishofer Walk of Fame angelegt. Im Pflaster finden sich Namen großer Schauspieler, die im Kino zu Gast waren. Auch Irm Hermanns Name ist dort verewigt, nur wenige Meter von Fassbinders Gedenktafel entfernt.

Huber, für sein hochwertiges Programm mehrfach preisgekrönt, will Fassbinder heuer ebenfalls noch ehren. Er werde im Herbst eine Fassbinder-Retrospektive zeigen, sagte er. „Fassbinders Sichtweise und seine Visionen haben bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren“, findet Huber. Als Beispiel nennt er den Film „Angst essen Seele auf“, der Fremdenfeindlichkeit thematisiert. „Jede Zeit muss die Aktualität des Rainer Werner Fassbinder für sich neu entdecken“, sagt Huber. „Der Zuschauer kann durch Zeiten und Geschichten wandern, und wird bald feststellen, dass er sich auf einer großen Wanderung durch das Leben befindet.“ Huber will auch das neue Fassbinder-Biopic „Enfant terrible“ von Oskar Roehler zeigen. Der Film hätte eigentlich am 31. Mai in die Kinos kommen sollen. Nun soll es Anfang Oktober soweit sein.

So verlief Fassbinders Leben, nachdem seine Familie Bad Wörishofen verließ

Die Besucher können dann auch die Inschrift auf der Fassbinder-Gedenktafel lesen, die der Türkheimer Künstler Gerhard Schröder schuf: „Viele Filme machen, damit mein Leben zum Film wird“, steht dort geschrieben. In nur 16 Jahren schuf Fassbinder 45 Filme; Ende der Siebziger feierte ihn die „New York Times“ als „faszinierendsten, begabtesten, fruchtbarsten, originellsten jungen Filmemacher in Westeuropa“.

Rainer Werner Fassbinder wurde am 31. Mai 1945 in Bad Wörishofen als Sohn einer Übersetzerin und eines Arztes geboren. Allerdings verbrachte er nur fünf Monate seines Lebens tatsächlich in Bad Wörishofen. Nach der Scheidung seiner Eltern wuchs er bei der Mutter auf. München wurde sein Lebensmittelpunkt. Er verließ die Schule vor dem Abitur und nahm privaten Schauspielunterricht. Als Statist bei den Münchner Kammerspielen sammelte er erste Bühnenerfahrungen. Seine ersten Kurzfilme drehte Fassbinder mit 21 Jahren und debütierte nur wenig später mit „Leonce und Lena“ als Theaterregisseur.

1969 folgte Fassbinders erster Kinofilm, „Liebe ist kälter als der Tod“. Für „Angst essen Seele auf“ erhielt er den Bundesfilmpreis, für „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ (1981) den Goldenen Bären.

Fassbinder lebte mit dem Schauspieler Günther Kaufmann zusammen und war mit Ingrid Caven verheiratet. Juliane Lorenz, mit der er sechs Jahre zusammenlebte, fand ihn am 10. Juni 1982 tot in der gemeinsamen Münchner Wohnung.

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