Hofaufgabe in Apfeltrach

02.12.2017

Aus und vorbei

Sebastian Dausch und seine Tochter Maria Schmid hätten den Hof gerne weitergeführt. „Aber es hat ja keinen Sinn“, sagt Maria. Das Ende der Landwirtschaft ist auch das von Kuh Ovelia, die in ihrem fast 20-jährigen Leben 15 Kälber zur Welt gebracht und 109119 Liter Milch gegeben hat.
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Sebastian Dausch und seine Tochter Maria Schmid hätten den Hof gerne weitergeführt. „Aber es hat ja keinen Sinn“, sagt Maria. Das Ende der Landwirtschaft ist auch das von Kuh Ovelia, die in ihrem fast 20-jährigen Leben 15 Kälber zur Welt gebracht und 109119 Liter Milch gegeben hat.
Bild: Sandra Baumberger

Ovelia und Johanna sind die letzten Kühe auf dem Hof von Sebastian Dausch aus Apfeltrach. Dass er aufhört, liegt  auch an der Haltungsform, die ihm beim Stallbau empfohlen wurde.

Man kann nur hoffen, dass Ovelia nicht weiß, was sie am nächsten Tag erwartet. Ergeben trottet die Kuh am Halfter hinter Sebastian Dausch aus dem Stall nach draußen, um für ein letztes Foto zu posieren. Denn schon am nächsten Tag ist es vorbei. Mit Ovelia, die ihrer letzten noch verbliebenen Kollegin Johanna zum Schlachthof gefahren wird, aber auch mit dem, was seit mindestens 55 Jahren Sebastian Dauschs Lebensinhalt war: Die Landwirtschaft in Apfeltrach, in der er aufgewachsen ist, die er 1974 von seinem Vater übernommen hat – und die jetzt einfach keine Zukunft mehr hat.

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22 Hektar hat der 70-Jährige für seine ehemals rund 30 Kühe bewirtschaftet. Zuletzt hatte seine Tochter Maria den Hof von ihm im Nebenerwerb gepachtet. Doch weil sie als Metzgereifachverkäuferin inzwischen bis 20 Uhr arbeiten muss, konnte sie daheim im Stall kaum noch mithelfen und die Hauptarbeit blieb an den Eltern hängen. „Das geht einfach nicht mehr“, sagt Maria. Und die Arbeit aufgeben, um sich ganz um die Landwirtschaft zu kümmern, geht eben auch nicht. Es lohnt sich einfach nicht. „Früher war das hier mal groß“, sagt die 29-Jährige und deutet auf den Stall. „Heute ist das nichts mehr.“ 30 Tiere stehen bei modernen Landwirten teils allein schon im Jungviehstall.

Was, wenn die Anbindehaltung verboten wird?

Aus und vorbei

Überhaupt der Stall: 1981 hat ihn Sebastian Dausch neu gebaut und hätte seinen Kühen gerne einen Laufstall geboten. „Aber damals hieß es, dass sich das bei unter 40 Kühen nicht lohnt.“ Inzwischen ist das anders, auch kleine Betriebe bekommen eine Förderung. Aber was ist mit denen, die wie Sebastian Dausch nach damaligem Stand einen klassischen Anbindestall gebaut haben? Der ist bis heute zwar nicht verboten, aber viele fürchten, dass es irgendwann so weit sein könnte. Und was dann? Schon jetzt werde den Betrieben Druck gemacht, sagt Sebastian Dausch.

Doch ihm fehlt am jetzigen Standort für einen Laufstall der Platz und Aussiedeln ist auch keine Option: „Man braucht ja auch Flächen zum Reinfüttern“, sagt der Landwirt, der sich in diesem Jahr trotzdem zwei kleinere Laufställe angesehen hat. Dass er oder seine Tochter keinen bauen, liegt jedoch weniger an der Platzfrage als am Geld: „Für so einen Stall muss man 300000 Euro hinlegen – Minimum. Das muss ja mit der Milch erst wieder reinkommen.“ Er ist stolz darauf, dass er nur einmal in seinem Leben Geld aufnehmen musste, um eine neue Halle zu bauen. Die 5000 Euro, um die es damals ging, waren schnell zurückgezahlt. Aber 300000 Euro? Auch Tochter Maria schüttelt den Kopf. „Da muss bloß mit dem Partner mal was sein.“

Zumal ein Neubau sehr wahrscheinlich eine Vergrößerung bedeutet hätte – und damit noch mehr Kosten und noch mehr Schulden. „Ich will nicht wissen, wie viele Bauern auf einem Hof leben, wo ihnen nichts mehr gehört“, sagt Sebastian Dausch, der die Entwicklung von kleinen Bauernhöfen zu mehr oder wenigen riesigen Agrarbetrieben ohnehin kritisch sieht. Schließlich bedeuten mehr Kühe auch mehr Arbeit „und wenn man bis nachts um zehn oder elf Uhr schaffen muss, dann ist das doch kein Leben mehr“. Mehr Kühe produzieren mehr Gülle, die irgendwo hin muss, sie brauchen mehr Futter, für das die Landwirte teils weit entfernte Flächen pachten müssen, wodurch nicht nur Geld, sondern auch viel Zeit auf der Strecke bleibt.

Der längste Urlaub war sechs Tage lang

Und schließlich geben mehr Kühe auch mehr Milch, die es doch ohnehin schon fast im Überfluss gibt und so die Preise kaputtmacht. „Mit 25 Cent für den Liter kann auch ein Großer nicht fortmachen“, sagt Sebastian Dausch. 50 Cent müssten es seiner Meinung nach sein. Aber wenn der Preis so gut wäre, glaubt er, würde noch mehr Milch produziert. So lange, bis der Preis eben wieder im Keller sei. „Wenn jeder ein bisschen bremsen würde, wär’s für alle besser – auch für die Umwelt.“ Er sagt das nicht vorwurfsvoll. Es klingt eher wie eine Feststellung.

So wie er später sagt: „Ich find’ schon eine Arbeit.“ Bisher ist er jeden Morgen um 5.30 Uhr aufgestanden, hat kurz die Zeitung gelesen und ist dann in den Stall gegangen. „Das war immer die erste Arbeit“, sagt seine Frau Rosmarie und dass es bestimmt erst einmal komisch sei, wenn das jetzt wegfällt. Aber es sind ja noch die zwei Schweine zu versorgen, die rund 30 Hühner und die acht Katzen und vielleicht bleibt auch ein bisschen mehr Zeit für die Hobbys: Sebastian Dausch schießt im Schützenverein, seit 40 Jahren ist er Mitglied im 66er-Club und geht jeden Mittwoch zum Kartenspielen, vor allem aber schraubt er leidenschaftlich gerne an seinen Eicher-Traktoren herum. Zusammen mit seinem Bruder war er vor mehreren Jahren mit der Oldtimer-Zugmaschine sechs Tage im Schwarzwald unterwegs, das war der längste Urlaub, den er je hatte.

Im Prinzip also könnte sich Sebastian Dausch auch freuen, dass er jetzt unabhängiger ist. Wäre da nicht der Hof, den der Vater 1938 gekauft hat, und auch nicht Ovelia, die vor sechs Jahren hierherkam, weil ihr Vorbesitzer seinen Betrieb wie jetzt er aufgegeben hat. Wie das wohl ist, wenn sie am nächsten Tag abgeholt wird und der Stall endgültig leer steht? „Nicht gut“, ist alles, was Sebastian Dausch mit hörbarem Kloß im Hals dazu sagen kann.

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