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Tussenhausen

22.05.2018

Aussehen ist nicht alles

Matthias Nieberles Kolleginnen Shabnam Moshfegh Nia und Funda Askin mit dem Georadar.
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Matthias Nieberles Kolleginnen Shabnam Moshfegh Nia und Funda Askin mit dem Georadar.
Bild: Archäo-Geophysik

Ein Kölner Archäologen-Team sucht nach Überresten von Ruinen im Erdboden – und wird in Tussenhausen fündig.

Von außen sieht er unscheinbar aus, der Angelberg. Ein grün bewachsener Hügel im Norden von Tussenhausen, auf dem ab und an Schafe weiden. Kaum vorstellbar, dass hier einst der Adel auf einer mächtigen Burganlage residierte. Und doch war das vom 13. bis ins 18. Jahrhundert der Fall, wie historische Dokumente belegen. Äußerlich ist vom mittelalterlichen Herrschaftssitz nichts mehr zu sehen. Unter der Erdoberfläche sieht das anders aus: Hier befinden sich immer noch Teile der Angelburg, zumindest die Mauerfundamente. Das hat ein Team von Archäologen um Matthias Nieberle herausgefunden.

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Der 33-Jährige, der in Tussenhausen aufgewachsen ist, hat den Angelberg zusammen mit drei Kolleginnen vom Archäologischen Institut der Universität Köln vermessen. Allerdings nicht mit einem Meterstab oder einem Maßband, sondern mithilfe der „geophysikalischen Prospektion“: „Man kann mit verschiedenen Instrumenten die physikalischen Eigenschaften des Bodens messen. Wenn sich Anomalien, also sichtbare Unterschiede, abzeichnen, können diese oftmals auf anthropogene, also durch den Menschen gemachte Eingriffe zurückgeführt werden“, erklärt Matthias Nieberle.

Ergebnis des Projektes: „Wir konnten Mauerreste identifizieren und somit den Grundriss der Burganlage nachvollziehen.“ Die Mauerstrukturen der Kernburg und einer Vorburg existieren noch.

Aussehen ist nicht alles

Schon als Kind hat er nach der Burg gesucht

So hat sich bewahrheitet, worüber der Archäologe aus Tussenhausen schon lange gegrübelt hat: „Ob es noch Überreste der Burg gibt, hat mich schon immer interessiert - ich musste nur einen Beweis finden.“ Eigentlich fällt die mittelalterliche Burg nicht in Nieberles Fachgebiet: Er hat klassische Archäologie studiert und beschäftigt sich normalerweise mit früheren Kulturen – von der Ägäischen Bronzezeit, ca. 3200 v. Chr. bis etwa 800 nach Christus. Das Interesse an der Angelburg aber begleitet ihn schon seit vielen Jahren: „Ich war schon als Junge mit Freunden auf dem Angelberg zum Spielen - wir haben da herumgegraben und nach Überresten der Burg gesucht.“

Bei den kindlichen Ausgrabungsversuchen war es zu keinem Ergebnis gekommen. Jetzt, als erwachsener Archäologe, hat Nieberle Gewissheit: „Wir können, nachdem wir den Grundriss mit dem anderer Burgen verglichen haben, davon ausgehen, dass auf dem Angelberg eine sogenannte Turmburg stand“, verrät der 33-Jährige. Wie der Name schon sagt, handelt es sich bei einer Turmburg um eine Festung, die sich durch einen markanten Turm auszeichnet.

Das Archäologen-Team vermutet, dass dies kein Zufall ist: „Auch das Mattsieser Schloss ist eine Turmburg. Da die beiden Burgherren in Tussenhausen und Mattsies Brüder waren, könnte es sein, dass die beiden Burgen von denselben Bautrupps errichtet wurden.“

Die Untersuchung sieht unspektakulär aus

Stein für Stein eine Burg bauen - das sah von außen sicher aufregender aus als das, was die Kölner Arbeitsgruppe „ArchäoGeophysik“ einen Tag lang auf dem Angelberg trieb: „Für Außenstehende sieht so eine geophysikalische Prospektion sehr unspektakulär aus“, gibt Matthias Nieberle zu. Mit einem Gerät, zum Teil kleiner als ein Rasenmäher, fährt man über den Boden und vermisst ihn mit verschiedenen Methoden.

Diese Methoden sind aber komplexer, als es auf den ersten Blick scheint: „Wir arbeiten mit Geomagnetik, Geoelektrik und Georadar“, erklärt der Tussenhausener Archäologe. Bei der Vermessung des Angelberges sei vor allem die Geoelektrik zum Einsatz gekommen: „Das ist quasi eine Widerstandsmessung, bei der elektrische Spannung im Boden gemessen wird.“ Weichen Werte ab, muss der Boden anders beschaffen sein. Aufgrund solcher Anomalien könne dann wiederum etwa der Grundriss einer Burg erkannt werden.

Alles in allem ein sehr wissenschaftliches Projekt. Doch welche Konsequenzen hat das für Tussenhausen? „Theoretisch könnte man jetzt eine Ausgrabung planen, um etwa chronologische Fragen zu klären“, sagt Nieberle. Ihm zufolge würde das aber schon an einem wichtigen Punkt scheitern: „Eine Ausgrabung wäre teuer.“ Schließlich müsste man sich Konzepte ausdenken, wie man die Ausgrabungsstätte aufbereitet und für Touristen erschließt: „Das fängt bei einfachen Dingen wie einer Überdachung an.“ Denkbar ist aber zumindest eine Schautafel, über die sich Interessierte ein wenig über die neuen Befunde informieren können. Dies muss allerdings im Detail erst noch mit dem Besitzer und auch der Gemeinde geklärt werden. Auf jeden Fall ist eine wissenschaftliche Publikation der Ergebnisse geplant, damit die neuen Erkenntnisse zur Angelburg in der Burgenforschung wahrgenommen werden.“ Kaum jemand aus Tussenhausen dürfte dagegen etwas von der geophysikalischen Prospektion mitbekommen haben. Aus einem einfachen Grund, wie Matthias Nieberle erklärt: „Wenn man so etwas an die große Glocke hängt und am Ende nichts dabei herauskommt, sorgt das nur für unnötige Enttäuschung.“

Das dürfte jetzt aufgrund der Vermessungs-Ergebnisse nicht der Fall sein. Sind sie doch der Beweis, dass der Tussenhausener Angelberg trotz des unscheinbaren Äußeren innere Werte besitzt und die Angelburg nicht mehr länger eine Legende ist.

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