1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Bauern beißen sich am Biber die Zähne aus

Naturschutz

10.02.2018

Bauern beißen sich am Biber die Zähne aus

Copy%20of%20DSC03987.tif
3 Bilder
Jürgen Guggemos vor einem Baum, den ein Biber durchgenagt hat.

Die possierlichen Tiere sind längst zu einer Plage geworden, die Schäden in den Fluren sind beträchtlich. Die Stadtverwaltung kennt die Brennpunkte und führt regelmäßige Kontrollen durch. Mehr ist nicht erlaubt

Voller Respekt, fast schon ehrfürchtig klingt es, wenn Adolf Guggemos und sein Sohn Jürgen über Biber reden. Häufig fallen dabei die Worte unglaublich und beeindruckend, fleißig und intelligent. Dabei wandert der Blick der beiden Landwirte aus Dorschhausen immer wieder hinüber zum Hochwasserrückhaltebecken, das an ihren Hof angrenzt. Hier haben es sich offensichtlich einige der possierlichen Nagetiere gemütlich gemacht – und das Hochwasserrückhaltebecken längst in eine Seen- und Sumpflandschaft verwandelt. Ganz so, wie es einem Biber offenbar gefällt – doch das gefällt den betroffenen Landwirten ganz und gar nicht.

Und daher ist es mit der Begeisterung für die fleißigen Biber auch schnell vorbei, wenn die Landwirte auf die Schäden blicken, die von den Tieren angerichtet werden. Adolf Guggemos kann ein Lied davon singen. Der 83-Jährige war vor einigen Tagen mit dem Bulldog auf der Wiese unterwegs, an der sein Hof an das eigentlich zum Hochwasserschutz gedachte Rückhaltebecken angrenzt. Vor gut sieben Jahren war der dort verlaufende Haldenbach so angelegt worden, dass sich im Falle eines Hochwassers das Wasser hier ausbreiten kann.

Plötzlich sank sein Traktor mit dem Hinterrad tief ein, er wäre beinahe aus dem Führerhaus gestürzt, konnte sich aber im letzten Moment festhalten. Zunächst traute er seinen Augen kaum: Mitten in der Wiese hatte sich ein Loch aufgetan, in das der Bulldog eingesunken war.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Ein Loch? Hier, gut zehn Meter vom Hochwasserbecken entfernt? Adolf Guggemos wusste zwar seit Langem, dass sich hier eine Biberfamilie niedergelassen hat – die durchgenagten Bäume am Ufer lassen da gar keine Zweifel aufkommen. Natürlich alarmierte er – wie in solchen Fällen üblich, den zuständigen Biberberater des Landratsamtes. Darin haben Adolf Guggemos und seine Söhne Jürgen und Andreas, denen er schon vor vielen Jahren den Hof übergeben hat, längst Routine: Schon seit Jahren sorgt der Biber auf ihren Grundstücken und auf ihren Feldern immer wieder für Schäden.

Vor allem der Mais schmeckt den Nagern ganz vortrefflich: Im vergangenen Jahr holten sich die Biber Mais von einer Fläche von insgesamt 200 Quadratmetern: „Sie fressen die Kolben, und die Stängel eignen sich offenbar hervorragend als Baumaterial“, weiß Jürgen Guggemos. Er scheint inzwischen fast schon eine Art Biber-Experte geworden zu sein, so viel weiß er über die Nagetiere: „Leider habe ich mir das alles nicht freiwillig angeeignet“, sagt Guggemos und schaut fast entsetzt auf einen dicken Baumstamm, den ein Biber in nur einer Nacht komplett durchgenagt hat.

An der Stelle, wo sich das Loch in der Wiese aufgetan hatte und der Bulldog eingesunken war, haben sie dann das Erdreich mit einem Bagger aufgegraben – und lernten schon wieder etwas Neues über Biber: Unübersehbar führt ein etwa 25 Zentimeter breiter Gang unter der Wiese hindurch – in einer Tiefe von gut zwei Metern. Und hier ist kein gewachsener Mutterboden und Humus mehr vorhanden, sondern nur noch grauer, zäher und schwerer Lehmkies. „Ein Mensch mit Schaufel und Pickel kommt da nicht weit“, weiß Jürgen Guggemos und war entsprechend verblüfft, zu welchen enormen Leistungen die kleinen Tiere in der Lage sind.

Und dabei wird nichts verschwendet, wie man im Hochwasserrückhaltebecken, gut 20 Meter entfernt, leicht feststellen kann: Hier haben die Biber den schweren Lehmkies als Dichtungsmaterial für einen Damm genutzt, der das Wasser nach ihren tierischen Vorstellungen umleitet. Die Bauten und Dämme, die von den Bibern angelegt werden, beeindrucken Jürgen Guggemos immer wieder: Er habe schon oft versucht, einen Damm einzureißen. Doch die sind so aufwendig und kunstvoll gebaut, dass dies kaum gelingt. Und wenn man doch mal ein Loch in einen Damm reißt, dann ist der am nächsten Morgen wieder geflickt. „Schon Wahnsinn, was diese Tiere leisten können!“

Sauer sind die Landwirte trotzdem – aber nicht etwa auf die Pelztiere oder auf den Biberberater des Landkreises, auf den sie sogar große Stücke halten. Sauer sind sie vielmehr auf die Stadt Bad Wörishofen. Dort habe man es versäumt, einer Ausbreitung der Nager rechtzeitig Einhalt zu gebieten.

Als im ehemaligen Pfarrweiher ein Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde, waren alle begeistert, auch die Familie Guggemos. „Dort sind die Tiere willkommen und gut aufgehoben“, sagt Adolf Guggemos. Doch dann sei eben nichts mehr unternommen worden, um eine Ausbreitung der Biber zu verhindern – und entsprechende Klagen seien immer wieder ungehört verhallt. „Im Bad Wörishofer Rathaus findet man da kein Gehör“, ärgert sich der Dorschhauser Landwirt, der schon einen ganzen Ordner voll mit Schreiben, Bitten und Beschwerden angelegt hat – alle ohne Erfolg. Zuletzt habe er auch an den Bauernverband, an Bürgermeister Paul Gruschka, Landrat Hans-Joachim Weirather und an den CSU-Abgeordneten Franz-Josef Pschierer geschrieben und um Unterstützung gegen die Biber-Plage gebeten. Auf eine Antwort wartet Adolf Guggemos bis heute. Dass ihm zumindest ein Teil des durch die Biber angerichteten Schadens ersetzt wird, glaubt er fast schon nicht mehr: Für ganz Bayern stehe lediglich ein Betrag von 450 000 Euro zur Verfügung. Und wenn der mal ausgegeben ist, dann schauen die betroffenen Landwirte meist in die Röhre – und werden laut Guggemos eben weiter vertröstet.

Doch jetzt müsse etwas passieren, denn es gehe nicht mehr „nur“ um Schaden an Fauna und Flora, sondern um eine tatsächliche Gefahr für Menschen, wie sich beim Einsinken seines Traktors gezeigt habe: „Niemand weiß, wohin die Gänge führen und welche Bereiche schon unterhöhlt sind. Das ist eine ernsthafte Gefahr, auch für den Hochwasserschutz. Dagegen muss etwas unternommen werden. Und zwar schnell“, fordern Adolf und Jürgen Guggemos.

Bei der Stadt Bad Wörishofen weiß man natürlich um die Biber-Plage: Bauamtsleiter Joachim Klöck und Stadtgärtner Andreas Honner können die „Brennpunkte“ aufzählen: Beim Waldsee, südlich von Schlingen, im Kurpark – und natürlich zwischen Kirchdorf und Dorschhausen. Diese Bereiche werden regelmäßig überwacht, sofern die Stadt Eigentümerin der betroffenen Flächen ist. Es wurde auch schon mal ein Biber „entnommen“, der es im Kurpark zu doll trieb. Doch vom Erfolg solcher Maßnahmen hält Honner gar nichts: „Zwei Wochen später war der nächste Biber da und hat dann eben an anderer Stelle seinen Bau errichtet...“

Um der Biber-Plage Einhalt zu gebieten, würden sich Honner und Klöck eine Änderung der Gesetze wünschen. Solange sich am strengen Schutz der Biber aber nichts ändere, können sie auch nur reagieren, wenn wieder ein Schaden auftritt.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20Schullesung%20Schlichtmann%20Ettringen%20Nov.%2018%20014.tif
Ettringen

Ettringer Kinder kommen einer Autorin ganz nah

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser neuer Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen