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Geschichte

27.12.2011

Baumsitzer und Flugpionier

Sicher oft zu Fragen führte das Bild, das Sebastian Kneipp (li.) mit Gästen, Alfred Medardus Groß und dem eigenwilligen Flugobjekt zeigt. Dieses hängt zum einen im Kneipp-Museum und fand Eingang in den großen Kalender mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem Leben von Sebastian Kneipp. Die Geschichte über Pionier kann Aufklärung über das Rätsel geben.

Alfred Medardus Groß war ein unruhiger Geist von Kindesbeinen an

Bad Wörishofen Für Beachtung sorgte vor Kurzem ein besonderer Film im 1. Programm des Fernsehens mit dem Titel „Der Mann auf dem Baum“. Der bekannte Schauspieler Jan Josef Liefers spielte darin die Hauptrolle als ein Mann, der sich ungerecht behandelt fühlte. Aus Protest setzte er sich deshalb auf ein Podest einer Tanzlinde mitten auf dem Marktplatz einer Kleinstadt. Und wie der Zufall manchmal spielt, fiel Dr. Egon Happach-Gubi, der in der Kneippstadt das Archiv im Keller des Rathauses betreut, ein Zeitungsartikel mit der Überschrift „Er übernachtete in den hohen Wipfeln des Eichwaldes“ in die Hände. Dieser Artikel in der Mindelheimer Zeitung stammte vom 3. Juni 1959 und berichtete von einer interessanten Persönlichkeit, die Pfarrer Kneipp noch persönlich sehr verehrte, wie damals seine Enkelin der MZ erzählte. Gelöst ist damit vielleicht auch eine Frage, die sich viele Kneippstädter wohl schon oft gestellt haben. Im Kneippmuseum hängt nämlich ein Bild, das Sebastian Kneipp im Garten des Sebastianeums zusammen mit Gästen und einem Flugpionier mit einem überdimensionalen Fluggerät zeigt. Diese Aufnahme wurde außerdem auch in den großen Kalender aufgenommen, der sicher noch in vielen Kneippstädter Haushalten hängt und dessen Bilder auch öffentliche Gebäude, wie Gaststädten oder das neue Pfarrheim in der Schulstraße schmücken.

Von Beruf war der Weltenbummler Zahnarzt

Was aber hat es mit dem Flugpionier und „Baumsitzer von Bad Wörishofen“ auf sich? Sein Name war Alfred Medardus Groß und er machte offensichtlich schon zu Kneipps Zeiten viel von sich reden. Dies alles wusste seine Enkelin Ilse der MZ zu berichten. Sie kam damals aus Berlin zur Kur in die Kneippstadt, die sie bis dahin nicht kennengelernt hatte. Allerdings hatte sie im Bücherschrank ihres Großvaters einen Prachtband einer alten Wörishofener Chronik mit eigenhändiger Widmung von Pfarrer Kneipp entdeckt, was sie anscheinend neugierig gemacht hatte.

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Ihr Großvater, eben jener Alfred Medardus Groß war offensichtlich eine bemerkenswerte Persönlichkeit, die auch von Kneipps Lehre angezogen worden war. Von Beruf war er eigentlich Zahnarzt und führte eine Zeit lang auch eine Praxis im Grasserhaus an der Kneippstraße, das damals noch der Familie Geromiller gehörte, wie im Zeitungsbericht von 1959 zu erfahren ist. Daneben war er aber auch Weltenbummler, der zwischen Berlin Brasilien und Wörishofen als unstetes Wesen pendelte. Berühmt wurde er allerdings besonders, weil er zusammen mit dem bekannten Flugpionier Otto Lilienthal Flugapparate konstruierte. In der Kneippstadt jedoch ließ er sich zunächst vom Schlossermeister Hans Roll ein Gestänge für ein „Gesundheits-Vogel-Zelt“ bauen. Mit diesem hievte sich Groß mit einer Art Flaschenzug in die höchsten Wipfel des Eichwaldes, um in der ozonreichen Luft zu nächtigen. Damit ist der Bezug zum „Mann im Baum“ wieder hergestellt.

Als treuer Anhänger Sebastian Kneipps saß Alfred Groß bei dessen Vorträgen in der Wandelhalle stets in vorderer Reihe. Doch damit nicht genug des sonderbaren, verwandelbaren Zeltes. An anderen Tagen paddelte er mit seiner Erfindung über den Waldsee, womit er natürlich für entsprechendes Aufsehen sorgte. Immerhin wurde sein Patent aber bei der Gewerbeausstellung in Berlin im Jahre 1896 zu einer großen Attraktion.

Siebenbürgen, Brasilien, Berlin, Bad Wörishofen

Der Kneippstädter Archivar und Postbedienstete Josef Wolf war es, der sich dann auf die Spuren des bemerkenswerten Mannes machte. Demnach wurde dieser 1857 in Siebenbürgen geboren und war schon von Kind an ein unruhiger Geist. Mit 18 Jahren brach er über Nacht nach Brasilien auf, kehrte aber bald ohne Geld wieder zurück. In Berlin studierte er Zahnheilkunde und heiratete eine Österreicherin. Doch sesshaft wurde er auch dort nicht, obwohl er mit Otto Lilienthal zusammenarbeitete. Als Goldgräber zog es ihn nach Südafrika, von wo er aber reumütig in die Heimat zurückkehrte. Danach ließ er sich als Zahnarzt mit Frau und seinen beiden Söhnen an dem Ort nieder, „von dem man seinerzeit wohl am meisten in den Zeitungen las“, nämlich im Wörishofen Kneipps.

Er wurde begeisterter Anhänger, stenografierte sogar Kneipps Vorträge mit und durfte sich mit dem damals begehrten Titel „Sekretär Kneipps“ schmücken. Einer seiner Söhne, Julius Groß, wusste Josef Wolf zu berichten, dass sein Vater von Geburt an ein schwächlicher Mensch gewesen sei, der auf einem Bein hinkte. In Wörishofen habe er seine Natur so weit gestärkt, dass er stattliche 84 Jahre alt wurde.

Kein Wunder jedoch, dass es Alfred Medardus Groß auch in Wörishofen nicht hielt. Ein Jahr nach Kneipps Tod wanderte er erneut nach Brasilien aus. Von dort meldete er sich bei deutschen Freunden nur noch einmal kurz vor dem 2. Weltkrieg aus Porto Allegre. Dort soll er wenige Jahre darauf in einem Altersheim gestorben sein. Mit dem Kneipp-Foto im Sebastianeumsgarten mit seinem Fluggerät und jetzt mit dem Titel des „Mannes im Baum“ bleibt er in der Kneippstadt dennoch in Erinnerung.

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