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Natur

02.07.2020

Befreiung aus dem Korsett: Ein Bach soll wieder aufleben

Mäander: Der Flusslauf soll sich langsam, aber stetig ändern und dabei neuen Lebensraum schaffen. Deshalb windet sich die Gennach bei Lindenberg nach ihrer Renaturierung so durch die Landschaft. Derzeit läuft der letzte Abschnitt der Maßnahme zwischen Lindenberg und Jengen.
Bild: Wasserwirtschaftsamt Kempten

Plus Der Nebenfluss der Wertach ist in einem „mäßigen Zustand“. Unter Türkheimer Aufsicht beginnt nun der Abschnitt der Renaturierung der Gennach.

Vergangene Woche haben die Arbeiten zur Renaturierung der Gennach bei Buchloe angefangen. Es ist das vierte Teilstück, „ Lindenberg Süd“, und zwar auf 450 Metern in dem Ortsteil, dessen Baubeginn schon Ende vergangenen Jahres war. „Damit wird das letzte Stück von insgesamt 2450 Metern naturnahe Gennachentwicklung umgesetzt“, erklärt Julia König, die im Wasserwirtschaftsamt Kempten für die Gewässerentwicklung der Landkreise Lindau und Ostallgäu sowie der Stadt Kaufbeuren zuständig ist.

Der Grund für die Maßnahmen sei einleuchtend: „Mit einer Renaturierung soll die eingezwängte Gennach aus ihrem Korsett befreit werden und wieder ein lebendiges Gewässer mit vielfältigen ökologischen Funktionen werden. Im Idealfall sind Gewässer dynamische Lebensräume, die Kies am steilen Ufer abtragen und am flachen wieder anlanden, ihren Lauf ständig verändern, dadurch aber Lebensräume erhalten und ständig neu entwickeln. Dazu brauchen sie Platz. Um landwirtschaftlich nutzbare Flächen zu gewinnen, wurden im letzten Jahrhundert viele solcher Gewässer begradigt. Auch die Gennach war davon betroffen“, erläutert König.

Was bisher geschah, um dem Nebenfluss der Wertach zu helfen

Deshalb habe die Stadt Buchloe reagiert. Bereits 1996 wurde ein 550 Meter langer Streifen des Flusses renaturiert. Damals nutzte das Wasserwirtschaftsamt die Errichtung eines Neubaugebietes in Lindenberg, um im Rahmen des Hochwasserschutzes das Gewässer aufzuwerten. Bei einer weiteren Baumaßnahme in der Stadt war die Behörde erneut zur Stelle: Als 2012 südlich der Münchener Straße das Gymnasium gebaut wurde, ertüchtigte das Amt auch die daneben fließende Gennach auf 450 Metern. Im Frühjahr 2019 folgte dann die dritte Aufwertung, und zwar von der A96 nach Süden auf insgesamt 400 Metern – daran schlossen sich etwas später weitere 600 Meter bis zur Waldstraße in Lindenberg an. „Die Stadt Buchloe hatte die Zeichen der Zeit erkannt und die für die Renaturierung notwendigen Flächen erworben“, lobt König.

Befreiung aus dem Korsett: Ein Bach soll wieder aufleben

Im selben Jahr wurden die Mittel für das letzte Teilstück freigegeben. Auf 450 Metern zwischen Lindenberg und Jengen soll der Fluss für rund 190.000 Euro renaturiert werden. Dabei werden die Kosten um 10.000 Euro geringer ausfallen, berichtet König. Ebenso sei das Gesamtprojekt günstiger geworden: Statt der erwarteten 700.000 Euro soll dessen Preis nur noch 630.000 Euro betragen. „Insgesamt ließen sich die Baukosten der gesamten Gennachrenaturierung aufgrund der Verwertung des anstehenden Bodenmaterials um 70.000 Euro senken“, erklärt König.

Die Aufsicht führt die Flussmeisterstelle in Türkheim

Die Notwendigkeit dieser Ausgaben für die etwa 2,5 Kilometer lange Renaturierung unter der Bauaufsicht der Flussmeisterstelle Türkheim ergebe sich auch aus weiteren Gesichtspunkten: So würden die Messergebnisse der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie der Gennach – mit 47 Kilometern der längste Nebenfluss der Wertach im Ostallgäu – einen mäßigen Zustand bescheinigen. Es gebe also Handlungsbedarf, meint König: „Indikator ist nicht nur die Wasserqualität, sondern auch die Lebewesen im Wasser und in der Gewässersohle. Bei der Renaturierung wird darauf geachtet, den unterschiedlichen Ansprüchen von Tieren wie Insektenlarven, Libellen, Schmetterlingen, Vögeln, Amphibien und Fischen gerecht zu werden“.

Der naturnahe Gewässerausbau werde in Eigenregie ausgeführt, notwendige Geräte angemietet. „Wir nehmen uns die Natur zum Vorbild und geben der Gennach die Mäander zurück, die sie früher einmal hatte. Durch die starken Windungen ergeben sich vielfältige Lebensräume. An den flachen Ufern entstehen Kiesbänke, die für die Fische ein wichtiges Laichhabitat darstellen. An den steileren Ufern entstehen tiefere Wasserbereiche in denen die Fische vor Hochwasser unterstehen können. An den flachen Ufern wachsen Hochstauden wie Mädesüß, in deren Blüten sich viele Insekten und Schmetterlinge tummeln. An den steilen Ufern wachsen Erlen, die dem Gewässer Struktur geben und deren Wurzeln den Fischen Versteckmöglichkeiten bieten“, schwärmt die Expertin.

Aber sie weist auch auf die Zweckmäßigkeit wegen des Klimawandels hin: „Bei den immer wärmeren und wasserärmeren Sommern ist die Bepflanzung der Gewässer von größter Bedeutung. Dadurch erwärmen sich die Gewässer nicht so stark, bleiben als Lebensraum erhalten und verhindern zusätzlich ein übermäßiges Algenwachstum. Zudem ist der Laubeintrag eine wichtige Nahrungsquelle für viele Wasserorganismen. Um zusätzlich Strukturen in die Gewässer einzubringen, bauen wir Baumstämme und Wurzelstöcke in die Gewässersohle ein. Durch die Hindernisse im Gewässerbett werden unterschiedliche Fließgeschwindigkeiten und Tiefen erzeugt, die das Gewässer lebendig gestalten“.

Durch die Renaturierung werden etwa 270.000 Ökopunkte erzielt, von denen jeweils die Hälfte an die Stadt und das Wasserwirtschaftsamt gehen. Doch das sei noch nicht alles, betont König: „Wer derzeit am Gennachweg entlang wandert, dem wird schnell bewusst, dass die Renaturierung des kleinen Flusses auch für die Menschen vor Ort einen großen Freizeitwert darstellt. Gerade für Kinder bieten sich vielfältige Spiel- und Entdeckungsmöglichkeiten. Für Erwachsene stellt dies einen Ort der Erholung dar“.

Auch an anderer Stelle wurden Wasserläufe bereits renaturiert:

Die Wertach wird der Natur zurückgegeben

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