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Mindelheim

19.04.2019

Bestatterin mit 23 Jahren: Der Tod bestimmt ihr Leben

Martina Geiger ist ausgebildete Bestatterin. Für die 23-jährige stand schon früh fest, dass sie diesen Beruf ergreifen will. Für sie war diese Ausbildung genau das Richtige, sagt die junge Frau.
Bild: Polzer

Plus Die 23-jährige Martina Geiger wollte schon immer Bestatterin werden. Doch die Ausbildung ist umfangreich und Frauen haben es schwer.

Während sich andere Mädchen noch nicht entscheiden konnten, ob sie Tierärztin oder doch lieber Astronautin werden wollen, wusste Martina Geiger genau, wo sie später einmal arbeiten möchte. Mit zwölf Jahren hat sie im Fernsehen eine Dokumentation über die Arbeit eines Bestatters gesehen und zu ihren Eltern gesagt: „Das möchte ich werden.“ Damals war Geiger besonders von dem Umgang mit den Angehörigen fasziniert. Zwar stehe der Verstorbene im Mittelpunkt, aber dennoch helfe man den Hinterbliebenen in einer schwierigen Zeit und stehe ihnen bei, sagt sie.

Die heute 23-Jährige aus Ottobeuren hat von ihrer Überzeugung nicht abgelassen und im Sommer 2018 ihre Ausbildung zur Bestattungsfachkraft beendet. Bei ihrem Ausbildungsbetrieb in Mindelheim ist sie allerdings über Umwege gelandet. „Als ich mit 15 aus der Schule raus bin, hat mich keiner genommen“, erzählt Geiger über ihre Bewerbungen. Ein Grund dafür sei, dass es Frauen in dieser Branche besonders in unserer Region schwer haben, sagt die 23-Jährige. Im eher konservativen Allgäu werde meist die Meinung vertreten, dass Frauen nicht genügend Kraft hätten, um den Beruf auszuüben.

Im zweiten Anlauf hat es mit der Ausbildung zur Bestatterin in Mindelheim geklappt

Geiger hat keinen Ausbildungsplatz gefunden und sich daher zunächst für eine Lehre als Gärtnerin entschieden. 2014 hat sie dann ein Praktikum bei Bestattungen Schmid in Mindelheim gemacht und danach das Angebot bekommen, ihre Lehre zur Bestattungsfachkraft hier zu absolvieren. Die 23-Jährige ist sehr glücklich darüber, dass es beim zweiten Anlauf geklappt hat und sie in Mindelheim anfangen konnte: „Es hat mir direkt gefallen. Die Kollegen sind alle supernett und die Stimmung ist perfekt.“

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Die theoretischen Inhalte hat Geiger während ihrer Ausbildungszeit im Blockunterricht vermittelt bekommen. Dafür musste sie bis nach Bad Kissingen, denn deutschlandweit gibt es nur drei Schulen für angehende Bestatter. Auf dem Lehrplan stehen hier das korrekte Abholen der Verstorbenen, die hygienische Versorgung, Gräbergestaltung, Behördengänge und vieles mehr. Tatsächlich sei der Beruf mehr „Papierkram“ als alles andere, sagt Geiger. Ein großer Teil der Schulinhalte kommt außerdem aus dem kaufmännischen Bereich. Unterrichtsfächer wie Buchhaltung und Lagerlogistik gehören ebenfalls dazu.

Neben dem Blockunterricht gibt es immer mal wieder überbetriebliche Schulungen. Hier werden beispielsweise Themenblöcke wie „Trauer und Psychologie“ behandelt. In dieser Ausbildung verbringe man viel Zeit mit Lernen und man müsse wirklich dahinter sein, sagt Geiger. Auch die soziale Komponente darf nicht zu kurz kommen, schließlich muss man als Bestatter sehr sensibel sein. Denn für die Angehörigen des Verstorbenen ist es meist schwer, mit dem Verlust umzugehen. Bei Beratungsgesprächen geben die Angehörigen das Tempo vor. Meist ist nach etwa einer Stunde das Wichtigste geklärt, manchmal dauert es auch bis zu vier Stunden. Kleine Pausen sind notwendig und etwas Ablenkung darf zwischendrin gerne sein. „Mit manchen Leuten habe ich mich auch schon über Fußball unterhalten“, sagt Geiger. Sie nimmt sich diese Zeit gerne, denn schließlich soll jeder mit einem sicheren Gefühl gehen.

Im Praktikum sah die heute 23-Jährige ihre erste Tote

Noch im Praktikum durfte Geiger mit zu ihrer ersten Hausabholung. Eine ältere Frau war am Tisch sitzend verstorben und die Leichenstarre hatte bereits eingesetzt. Für die Praktikantin eine neue, schwierige und vor allem ungewohnte Situation. Doch nach einiger Zeit gewöhne man sich daran und die Arbeit werde zur Routine, sagt die 23-Jährige. Ein einfühlsamer und pietätvoller Umgang mit den Verstorbenen steht an erster Stelle, denn: „Es sind Menschen, auch wenn sie tot sind.“

Geiger und ihre Kollegen müssen rund um die Uhr erreichbar sein. Das heißt für die 23-Jährige: Etwa alle drei Wochen nimmt sie das Telefon mit nach Hause. Wenn jemand anruft, dann muss sie einen ihrer Kollegen verständigen und los. Nachts sind sie allerdings selten unterwegs. Gerade auf dem Land zögern die Leute und rufen erst am nächsten Morgen an, sagt Martina Geiger.

Dass der Tod in Gesprächen nicht gerne thematisiert wird, ist verständlich. Trotzdem kann die 23-Jährige mit ihren Eltern gut über ihre Arbeit sprechen. Dafür ist sie ihnen sehr dankbar: „Reden hilft“, sagt Geiger.

Eine Weiterbildung in ihrem Beruf kann sie sich durchaus vorstellen. Ihren Meister möchte sie auf jeden Fall machen und vielleicht irgendwann als Thanatopraktikerin arbeiten. In diesem Spezialbereich des Bestattungswesens geht es darum, einen Verstorbenen so herzurichten und beispielsweise schwere Verletzungen zu kaschieren, dass er aufgebahrt werden kann.

Im Freundeskreis hört Geiger oft über ihren Beruf: „Also ich könnte das nicht!“ Die 23-Jährige ist allerdings mehr als zufrieden mit ihrer Arbeit und froh darüber, dass sie, wenn auch über Umwege, ihren Plan aus der Kindheit verwirklichen konnte.

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