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Geschichte

14.06.2018

Bilder, die Erinnerungen wecken

Sara Mozes-Kahn entdeckte in der Ausstellung ein Foto von sich in den Armen einer Krankenschwester. Sie wurde am 7. November 1946 im DP-Hospital in St. Ottilien geboren.
Bild: Julian Leitenstorfer

Sara Mozes-Kahn gehörte zu den Displaced Persons, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine Heimat auf Zeit in Bad Wörishofen fanden.

 Ein Baby im Arm einer Krankenschwester, den Finger der Frau fest umklammert: Es ist ein Foto aus einer anderen Zeit. Der Zweite Weltkrieg war noch nicht einmal zwei Jahre vorbei. Das Baby ist Sara Mozes-Kahn, eine jener sogenannten Displaced Persons, welche in Bad Wörishofen untergebracht waren. Ein Jahr hat Mozes-Kahn in der Kneippstadt gelebt. Danach ging es nach Israel, wo sie noch heute ihren Lebensmittepunkt hat. Nun kehrte Mozes-Kahn zurück – allerdings nicht nach Bad Wörishofen, sondern nach St. Ottilien. Dort kam sie am 7. November 1946 nachts um halb drei Uhr zur Welt; in einem „DP-Hospital“, das steht für Displaced Persons, die „Zivilisten außerhalb der Grenzen ihres Heimatlandes“, nach der Definition der Alliierten. Es handelte sich zumeist um Menschen, die einst von den Nazis in KZs gepfercht wurden, Zwangsarbeiter oder andere entwurzelte Menschen, die nach dem Krieg keine Aufenthaltsmöglichkeit mehr hatten.

„Meine Mutter war anfangs so schwach“, weiß Sara Mozes-Kahn, „dass sie nicht einmal einen Löffel halten konnte. Sie brachte keine 40 Kilogramm auf die Waage und musste gefüttert werden.“ Bis zur Auflösung des DP-Hospitals im Jahr 1948 weilte die Familie in St. Ottilien. Danach ging es weiter nach Bad Wörishofen. In Bad Wörishofen war auch Viktor E. Frankl als Arzt für die „Displaced Persons“ eingesetzt. Frankl gilt als Begründer der Logotherapie und war KZ-Häftling in Türkheim. Mehr als 1600 befreite KZ-Häftlinge und jüdische Flüchtlinge versuchten damals, sich in Bad Wörishofen zu erholen. Sara Mozes-Kahn hat noch viele Erinnerungsbilder, die angeschaut werden dürfen. Eines dieser Fotos zeigt sie und ihre Mutter auf den Eingangsstufen des Hospitals, ein weiteres ist nachgestellt. „Das bin ich mit meinen Enkeln.“ Besonders erfreut ist sie aber über dieses Foto, das sie als Baby auf den Armen einer Krankenschwester zeigt. Es gehört zu einer Ausstellung, die schon bei der Eröffnung großes Interesse hervorrief. „Das Benediktinerkloster und seine jüdische Geschichte 1945-48“ heißt die Schau in der Klostergalerie St. Ottilien. Dabei geht es auch um die sogenannten „Ottilien-Babys“. Zwölf von ihnen, inzwischen alle in den 70ern, waren bis aus Australien angereist. Einige von ihnen kehrten erstmals an den Ort ihrer Geburt zurück – der, weil Deutschland in der Zeit nach 1945 ja zunächst praktisch nicht existent war, als „St. Ottilien“ bezeichnet wurde. Auch Sara Mozes-Kahn war extra zur Ausstellung angereist.

Die in Zusammenarbeit von Kloster (Pater Cyrill Schäfer), Historischem Seminar der LMU (Evita Wiecki) und Jüdischem Museum München (Jutta Fleckenstein) konzipierte Schau war der Auftakt zu einer Reihe von Veranstaltungen anlässlich der Auflösung des drei Jahre bestehenden DP-Hospitals in St. Ottilien vor 70 Jahren. Er freue sich, erklärte Erzabt Wolfgang Öxler nach von ihm gesungenen und an der Gitarre begleitetem Lied, dass er Kinder, die hier geboren wurden, und Nachkommen von Ärzten, die hier gewirkt haben, begrüßen könne. St. Ottilien habe schon seit Jahren Erinnerungsarbeit betrieben, so der Erzabt, und tue das auch weiter.

Der ungebrochene Wille, etwas Neues aufzubauen, habe die Menschen damals am Leben erhalten, sagte Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und Schirmherrin der Veranstaltung. Die Geburt von 400 Babys während der Zeit des DP-Hospitals im Klosterdorf sei unfassbares Glück und die Verkörperung des Lebenswillens ihrer Eltern gewesen. Besondere Freude bereite ihr, sagte Knobloch, dass Zeitzeugen da sind. „St. Ottilien bleibt ein Ort der Hoffnung, die auch in Zukunft von hier ausgehen soll.“ Das Kloster sei für die vielen Verfolgten vor 70 Jahren erstmals ein Ort der Ruhe und Hoffnung gewesen, sagte Landrat Thomas Eichinger. (mit heb)

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