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Festveranstaltung

30.04.2015

Biogas, Höfesterben und „Straßenbauwahn“

Der Vorsitzende des LBV Norbert Schäffer (rechts) und Kreisgruppenvorsitzender Georg Frehner (Zweiter von rechts) haben langjährige Mitglieder geehrt.
Bild: Alexandra Sprenger

Vogel- und Naturschützer blicken zurück auf drei Jahrzehnte – und nach vorn auf die Probleme unserer Zeit

Die Kreisgruppe Unterallgäu/Memmingen im Landesbund für Vogelschutz (LBV) blickt in diesem Jahr auf drei Jahrzehnte ehrenamtliche Naturschutzarbeit zurück. Vorsitzender Georg Frehner präsentierte in der voll besetzten Festveranstaltung im Mindelheimer Forum eine interessante und kurzweilige Zeitreise des Vereins, die er mit vielen Aufnahmen aus der heimischen Tier- und Pflanzenwelt begleitete.

Dank sagte er allen Aktiven für ihren unermüdlichen Einsatz und ihr Durchhaltevermögen während unzähliger Arbeitsstunden für die Natur. Durch gezielte Schutzprogramme sei es in den letzten Jahrzehnten gelungen, bedrohte Arten wie die Schleiereule, Hohltaube oder Flussseeschwalbe wieder im Unterallgäu anzusiedeln. Dem gegenüber stünde allerdings der Verlust von unter anderen Rebhuhn, Steinkauz und Braunkehlchen. Und die Rote Liste für gefährdete Tier- und Pflanzenarten wächst weiter.

Gründe hierfür sieht Frehner in dem Strukturwandel der Landwirtschaft und dem Biogasboom: Monokulturen, weniger Wiesen und Brachflächen, das Höfesterben auf dem Land. Auch im Landkreis sei kein nachhaltiger Bodenschutz geboten, vehement fordert er ein „Ende des Straßenbauwahns“.

Frehner zitierte aus einer britischen Studie, der zufolge in den letzten Jahrzehnten 400 Millionen Vögel in Europa verloren gegangen sind. Auch hier wird hauptverantwortlich der Verlust von Lebensräumen und die moderne Landwirtschaft genannt. Ein Unding sei weiter die Jagderlaubnis in anderen Ländern für hier bedrohte Vogelarten. Auch der Preisanstieg für Pachtflächen, was schon zur Aufkündigung mancher Verträge geführt habe, gibt Anlass zur Sorge.

Um die mannigfaltigen Aktivitäten im LBV auch vor Ort langfristig zu garantieren, bat Frehner um das Anwerben weiterer Mitglieder. Derzeit zählt die LBV-Kreisgruppe knapp 1000 Mitglieder. Bedauerlich sei, dass es aufgrund fehlender Leiter derzeit keine Kindergruppen gäbe. An Eigentumsflächen besitzt die Kreisgruppe 16,6 Hektar, an Pachtflächen 26,4 Hektar, darunter befindet sich die mit 15 Arten wohl größte Orchideenwiese im Wiedergeltinger Wäldchen.

Bei der Versammlung wurde auch des im Januar gestorbenen Schatzmeisters Christian Stetter gedacht. Frehner erinnerte an den engagierten Naturschützer, mit dem die Zusammenarbeit stets herzlich und harmonisch verlief. Zu Stetters Nachfolger wurde einstimmig Herbert Hößle aus Memmingen gewählt.

Im Anschluss an die Ehrung langjähriger Vereinsmitglieder zeigte sich Mindelheims Zweiter Bürgermeister Hans-Georg Wawra in seinem Grußwort „ergriffen und beeindruckt“ von der Welt des Artenschutzes. Der Landkreis würde trotz mancher Unstimmigkeiten von dem Engagement des LBV profitieren. Für die Zukunft wünschte er den LBV-Aktiven: „Bleiben Sie Ihrer Sache treu!“

Georg Frehner übergab das Wort nun an den LBV-Landesvorsitzenden Norbert Schäffer, der Einblicke in seine Forschungserfahrungen aus Großbritannien gab, wo er 20 Jahre bei der „Royal Society for the Protection of Birds“ tätig war und an vielen internationalen Projekten mitwirkte. Ein besonderes Anliegen war Schäffer, der schon seit seiner Jugend im LBV aktiv ist, das Thema Umweltbildung, nach dem Motto: Begeisterung schaffen und die Distanz zur Natur lösen. Er plädierte leidenschaftlich dafür, gerade den nachkommenden Generationen wieder ein Bewusstsein für die Vielfalt der Natur nahezubringen. Damit würde auch die Sensibilität für Veränderungen wie den Klimawandel geschaffen. Diesen „sehen wir alle vor der eigenen Haustür“, erklärte Schäffer, allein durch die Tatsache, dass viele Vogelarten nicht mehr zum Überwintern fortfliegen. Für das Phänomen der alljährlichen Rückkehr der Zugvögel fand Schäffer ein schönes Bild: „Wenn wir den Kuckuck wieder hören, sollte uns allen bewusst sein, dass er noch den Staub der Sahara im Gefieder trägt.“

Die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit gepaart mit der zunehmenden Loslösung von der Natur treibt mitunter auch recht bizarre Blüten. Schäffer nannte als Beispiele das Anmalen von verbrannten Rasenflächen, das Abspielen von Tonbändern mit Vogelgesang in eigentlich toten Parks und das Anbringen von Nistkästen aus Plastik. In China sei es zudem üblich, Sonnenaufgänge auf Leinwände zu übertragen, da sie wegen des Smogs nicht mehr zu sehen seien.

Der Zerstörung von Lebensraum müsse man mit dem Erwerb weiterer Flächen begegnen. Strategien wie die Zufütterung von Tieren losgelöst von deren Lebensraum sieht Schäffer äußerst kritisch. Das Ziel könnten schließlich keine domestizierten Tiere sein. Derlei Maßnahmen sollten nur bedingt und kurzfristig erfolgen. Eckpfeiler der LBV-Arbeit seien Artenschutzprojekte, Mitmachaktionen bis hin zur politischen Einflussnahme. Das Plädoyer seines Vorredners aufnehmend, betonte der promovierte Biologe Schäffer die Wichtigkeit nachhaltiger Strukturen. Denn, so sind sich beide einig: Unendliches Wachstum gibt es nicht.

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