1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Biogas nutzlos durch den Schornstein gejagt

Umwelt

01.04.2017

Biogas nutzlos durch den Schornstein gejagt

Copy%20of%20DSC01852.tif
2 Bilder
Angeblich rund 100 000 Kubikmeter Biogas fallen pro Jahr bei Aviretta an, davon sollen im vergangenen Jahr gut 80 Prozent in dieser Fackel nutzlos verbrannt worden sein. Jetzt hat das Unternehmen nach eigener Aussage die Probleme im Griff.

Bei der Firma Aviretta in Ettringen wurde Biogas verbrannt, statt wie vorgesehen zur Energiegewinnung genutzt zu werden. Das Unternehmen begründet dies mit technischen Problemen, die jetzt unter Kontrolle sein sollen

Immer wenn es dunkel wurde, dann bemerkten viele Ettringer auf dem Gelände der Firma Aviretta, die sich das Werksgelände mit UPM teilt, einen hellen Flammenschein. Monatelang ging das so, bis sich MZ-Leser an die Mindelheimer Zeitung wendeten, die dahinter illegale Machenschaften vermuteten und sogar einen „Umwelt-Skandal“ witterten.

Davon könne aber überhaupt keine Rede sein, betonte Aviretta-Geschäftsführer Dr. Carl Pawlowsky. Es sei zwar richtig, dass über die sogenannte „Fackel“ über längeren Zeitraum ein Großteil des vor Ort produzierten Biogases verbrannt worden sei, dies habe aber zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für die Bevölkerung bedeutet.

Das bestätigt auch das Landratsamt Mindelheim auf Anfrage der MZ: Es sei richtig, dass die Biogas-Anlage der Firma Aviretta „zum jetzigen Zeitpunkt Mängel aufweist“ und Biogas nicht wie vorgesehen einem Kessel zur Dampferzeugung im Heizkraftwerk der Firma UPM zugeführt werden kann und „stattdessen teilweise über die Fackel verbrannt werden muss“.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Deshalb, so das Landratsamt, sei der Betreiber „nachdrücklich aufgefordert“ worden, die technischen Voraussetzungen für die „möglichst vollständige Verwertung des Biogases herzustellen. Ziel müsse es laut Landrasamt sein, dass der Einsatz der Gasfackel „deutlich reduziert“ werden kann. Sollte die Firma Aviretta dieses Ziel nicht erreichen, dann werde das Landratsamt „weitere Maßnahmen einleiten“. Schon jetzt wurde das Unternehmen verpflichtet, Sachstandsberichte und aktuelle Aufzeichnungen vorzulegen. Entsprechende Messungen sind laut Landratsamt bislang noch nicht erforderlich gewesen, da beim Verbrennen des Biogases über die Fackel die „Abgaswerte mit denen eines gewöhnlichen Biogasmotors vergleichbar“ seien. Somit, so die Aufsichtsbehörde, würden „keine Konzentrationen an Schadstoffen erreicht, die für den Menschen gesundheitsschädlich sind“.

Das sieht auch Aviretta-Chef Dr. Carl Pawlowsky so: „Für die Ettringer Bevölkerung hat zu keinem Zeitpunkt eine Gesundheitsgefahr bestanden, weil das Biogas in der Fackel verbrannt wurde“. Pawlowsky betätige gegenüber der Mindelheimer Zeitung zwar, dass in den vergangenen Jahren seit dem Bau der topmodernen Abwasserreinigung tatsächlich immer wieder – teilweise auch mehrere Wochen lang ununterbrochen – große Mengen des bei Aviretta anfallenden Biogases nutzlos in der Fackel verbrannt werden musste.

Vor allem im Herbst/Winter des vergangenen Jahres sei die Anlage sehr störanfällig gewesen. Diese Störungen seinen auch dokumentiert worden und sind den zuständigen Umweltbehörden bekannt, wies Pawlowsky anderslautende Behauptungen zurück.

Wie die MZ erfuhr, sollen von den im Jahr 2016 angefallenen rund 100 000 Kubikmetern Biogas daher nur gut 20 Prozent im Heizkessel verbrannt worden sein. Inzwischen habe sein Unternehmen das Problem aber unter Kontrolle und das Biogas werde jetzt wieder ausschließlich dafür verwendet, wozu es eigentlich schon immer vorgesehen war: Zum Heizen eines Kessels, der bei UPM Dampf produziert, der dann wieder bei Aviretta für die Papier-Produktion genutzt werden kann.

Hintergrund für die Probleme sei der „äußerst aufwendige, technische Prozess“, der das junge Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren vor enorme Herausforderungen gestellt habe. Erst jetzt sei es gelungen, diese technischen Probleme zu lösen und alle beteiligten Komponenten so aufeinander abzustimmen, dass das anfallende Biogas seiner ursprünglich zugedachten Nutzung zugeführt werden kann. Ein eigens engagierter Software-Experte hat laut Aviretta in einem schrittweisen Entwicklungsprozess nun einen gangbaren Weg gefunden, um das Biogas ohne Verluste zu verwerten.

Pawlowsky bedauert es sehr, dass es so lang gedauert hat, bis diese Probleme nachhaltig gelöst werden konnten – schon aus wirtschaftlichen Gründen habe sein Unternehmen alles daran gesetzt, um die technischen Mängel schnellstmöglich zu beseitigen. Denn statt das Biogas nutzlos in der Fackel zu verbrennen, sei es für Aviretta „natürlich ganz wichtig, dass wir das Potenzial dieser Anlage auch sinnvoll ausnutzen“, betont Pawlowsky. Niemand könne ja ernsthaft ein Interesse daran haben, dass Energie nutzlos durch den Schornstein gejagt werde, die an anderer Stelle klimaschonend und gleichzeitig gewinnbringend eingesetzt werden kann.

Das Biogas fällt bei Aviretta bei der Klärung des Abwassers an. Das junge Unternehmen ist vor dreieinhalb Jahren von Dr. Carl Pawlowsky gegründet worden und hat die Papiermaschine 4 gekauft, die von UPM stillgelegt worden war. Diese Papiermaschine füllt eine riesige Maschinenhalle, hier werden pro Jahr rund 150 000 Tonnen sogenanntes Wellpappen-Rohpapier produziert, das in Deutschland und dem benachbarten Ausland zur Herstellung von Verpackungen und Kartonagen verwendet wird. Im Jahr macht das Unternehmen rund 50 Millionen Euro Umsatz und beschäftigt aktuell rund 80 Mitarbeiter – viele davon verloren einst ihren Arbeitsplatz, als UPM diese Papiermaschine stilllegte.

Mit hohen Investitionen sorgte Aviretta dafür, dass an dieser Maschine jetzt das „braune Papier“ produziert werden kann, mit dem der boomende Verpackungsmittelmarkt beliefert wird. Um eine maximale Belastbarkeit zu garantieren, wird das ausschließlich aus Altpapier recycelte Verpackungspapier mit einer hachdünnen Stärke-Schicht überzogen. Um dann jedoch wieder den geforderten Trocknungsgrad zu erreichen, ist hoher Dampfdruck nötig, der im Heizkessel der UPM hergestellt und wieder an Aviretta geliefert wird.

Dieser Heizkessel sollte eigentlich auch mit dem Biogas befeuert werden, das als „Nebenprodukt“ bei der aufwendigen und modernen Abwasserreinigung bei Aviretta abfällt. Allein in diese Abwasseranlage hat das junge Unternehmen mehrere Millionen investiert und trage so zu einer „erheblichen Verbesserung der Umweltbilanz bei“, betonte Dr. Pawlowsky. Zur Verbrennung im UPM-Heizkessel darf das Biogas aber nur geringe Mengen von Schwefel aufweisen, sonst wird der Brenner des Kessels beschädigt.

Im Klartext: Das Biogas von Aviretta war aus unterschiedlichen Ursachen nicht geeignet, um den Kessel befeuern zu können, also musste der Erdgas-Anteil erhöht werden und das Biogas musste nutzlos in der Fackel verbrannt werden. Mit teuren Folgen: Das fehlende Biogas muss durch Erdgas ersetzt werden, das Aviretta zukaufen muss.

Damit ist jetzt laut Dr. Carl Pawlowsky endgültig Schluss: „Ja, es gab Mängel und Probleme. Die haben wir jetzt aber endgültig im Griff und niemand freut sich darüber mehr als Aviretta, weil wir jetzt endlich unser Biogas auch gewinnbringend verwenden können“.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20_spitalhof_020a.tif
Landwirtschaft

Alternativen zur Anbindehaltung

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden