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Mindelheim

29.10.2019

Chefkonstrukteur mit vielen Leidenschaften

Roland Rischer ist begeisterter Tüflter. Diese Flat Head von Harley Davidson hat er in 25 Jahren gebaut. Sie stammt ursprünglich aus dem Jahr 1930.
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Roland Rischer ist begeisterter Tüflter. Diese Flat Head von Harley Davidson hat er in 25 Jahren gebaut. Sie stammt ursprünglich aus dem Jahr 1930.
Bild: Johann Stoll

Plus Roland Rischer hat im Flugzeugbau Karriere gemacht. Der Mindelheimer hat seine Heimat aber nie aufgegeben - und nun Zeit für zwei große Leidenschaften.

Der Märklin-Baukasten war für Roland Rischer so etwas wie die Startrampe ins spätere Berufsleben. Als kleiner Bub tüftelte er am liebsten an seinem Technikkasten herum. Später kamen seine Hondas und Harley Davidsons dazu. Tagelang konnte er die Motorräder in tausend Einzelteile zerlegen, um sie danach wieder zusammenzusetzen. Rischer sagt über sich selbst: „Ich bin begeisterter Schrauber.“ Was andere Menschen stressen würde, macht ihn glücklich. Solche Menschen bringen es weit und manchmal sogar ins Spitzenteam eines Weltkonzerns.

Der Mindelheimer Rischer war elf Jahre lang bei Europas größtem Flugzeugbauer Airbus beschäftigt, zuletzt als Chefingenieur der erfolgreichen A320-Familie. Am Passagierflugzeug A350 hat Rischer die Kabine mitentwickelt. Zeitweise hatte er bis zu 4000 Ingenieure unter sich. Sein Arbeitsplatz war in Hamburg genauso wie im französischen Toulouse. Und wenn er, wie so oft, unterwegs war, arbeitete er eben am Laptop.

Roland Rischer sagt, er hat seinen Erfolg auch Burkhart Grob zu verdanken

Roland Rischer hat nicht vergessen, wem er all das zu verdanken hat: Neben seinem Fleiß, seinem Talent war das eine große Persönlichkeit, die ihn gefordert und gefördert hat: Dr. Burkhart Grob. Grob war genial, sagt Rischer. Im kleinen Flugzeugwerk in Mattsies konnte er all das erlernen, was er bei großen Jets auch wissen musste. Grob hatte die Vision eines Seglers aus Kunststoffen, und er hatte damit richtig auf das Material der Zukunft gesetzt, sagt Rischer. „Das war eine megainteressante Zeit.“ Irgendwann wollte er etwas Neues machen, wollte große Flugzeuge bauen und wechselte zu Dornier. Von 1998 bis 2003 war er stellvertretender Entwicklungschef und Chefingenieur in Oberpfaffenhofen, wo er Jets mitentwickelte. Das ging bis zur Insolvenz von Dornier. Rischer entwickelte danach Flugzeugsitze bei der Firma Recaro. Das klingt vergleichsweise einfach, „ist es aber nicht“, betont der 64-Jährige. Gute Sitze zu konstruieren, sei ein höchst komplexes Unterfangen.

Chefkonstrukteur mit vielen Leidenschaften

Einer der Kunden war Airbus. Als der neue A380 in Toulouse vorgestellt wurde, war Rischer für Recaro vor Ort. Das war der Moment, als Rischer wusste: Ich muss zurück in die Flugzeugwelt. Der damalige Airbus-Chef Gustav Humbert ebnete ihm den Weg zu seinem Wunsch-Unternehmen, wo er bis 2015 arbeitete.

Roland Rischert pendelte zwischen Tussenhausen und seinen Arbeitsstätten

Familienfreundlich war das Pendeln zu all den Airbus-Standorten zwischen Deutschland, Frankreich, Spanien und England nicht. Rischer war kaum daheim. Seine Frau Constanze und sein jüngster Sohn lebten weiter in Tussenhausen. Freitagabend kam er meist über München auf ein kurzes Wochenende zurück. Sonntagmittag packte er seine Koffer mit Anzügen und frisch gebügelten Hemden und flog wieder zurück nach Hamburg oder Toulouse.

Auf ewig wollte er das nicht machen. Schon vor Jahren hat sich Roland Rischer, der in Ronsberg aufgewachsen ist, fest vorgenommen: Mit 60 ist Schluss. Das hat er vor vier Jahren auch konsequent durchgezogen. Dass damit aber nun die Zeit des Füßehochlegens oder der Hobbygärtnerei angebrochen wäre, lässt sich nicht behaupten. Sein Fachwissen gibt er heute als Berater weiter. Vorrang hat jetzt aber die Familie. In Mindelheim hat er mit seiner Familie ein neues Haus gebaut, das – wie könnte es bei einem Technikfan anders sein – in dieser Hinsicht keine Wünsche offenlässt. Es sind zwei Herzkammern, die er sich in seinem privaten Reich geschaffen hat: die Garage und den Keller.

Der Mindelheimer schraubt gern an alten Motorrädern herum

In der Garage stehen seine Harley-Davidson-Maschinen, die er über Jahre selbst zusammengebaut hat. Eine stammt aus dem Jahr 1930, eine Knucklehead von 1947, und sie begeistert Motorradfreunde wie auch die anderen Maschinen mit ihrem typischen Harley-Sound. Ein Motorrad lag jahrelang in Einzelteilen zerlegt in Kisten herum, weil es einfach nicht möglich war, die richtigen Ersatzteile zu bekommen. Nächtelang hatte Rischer das Internet vergeblich durchforstet. Erst ein Buch eines amerikanischen Motorradfreaks, der jedes Teil der Harleys aus den Jahren 1929 und 1930 abfotografiert und beschrieben hatte, setzte neue Energie frei. Das war der Moment, als Roland Rischer sich ans Werk machte, um sein unvollendetes Werk doch noch zu Ende zu bringen. Jetzt kam er endlich an die richtigen Teile.

Roland Rischer aus Mindelheim war bis zu seinem Ruhestand Chefkonstrukteur bei Airbus. Jetzt hat er wieder Zeit für seine große Leidenschaft: Motorräder der Marke Harley Davidson.
Video: Johann Stoll

Der studierte Luft- und Raumfahrttechniker hat neben Harley-Maschinen aber noch eine andere große Leidenschaft, und das ist die Musik. Immer schon hat er nebenbei in Bands mitgespielt. Und so hatte er immer den großen Traum, sich ein topmodernes Tonstudio einzurichten. Der Musiker und der Technik-Freak in ihm haben das Studio vor drei Jahren im Keller seines Wohnhauses in Mindelheim eingerichtet. Was Rischer hier investiert hat, darüber breitet er lieber den Mantel des Schweigens. Es ist kein ganz billiges Hobby.

Das Studio genügt höchsten Ansprüchen. Und so geben sich immer wieder auch Top-Musiker die Klinke in die Hand, um hier in Mindelheim Tonspuren aufzunehmen. Rick Latham aus Los Angeles war bereits in Mindelheim, wo sich der Schlagzeuger bei Rischers einquartiert hat. Latham spielte zum Beispiel bereits mit BB King, Edgar Winter und Juice Newton.

Top-Musiker waren in dem Mindelheimer Studio schon zu Gast

Da war auch der Schlagzeuger von Sarah Connor, Felix Lehrmann. Oder der Gitarrist Nico Schliemann aus Stuttgart, der bei Glasperlenspiel dabei ist. Oder der Posaunist Hans Heiner Bettinger. Oder der österreichische Bassist Bernhard Lackner, auf dessen aktueller CD vermerkt steht, dass sie teilweise in Mindelheim aufgenommen wurde. Das Gästebuch wird immer voller.

Roland Rischer ist aber auch wichtig, junge Talente zu unterstützen und zu fördern. Zu diesen gehört die junge Mindelheimer Musikerin Emma Hartmann, mit der er schon zwei CDs produziert hat. Unterstützung erhielt er zum Beispiel von Emanuel Wiedenmann und Severin Gasteiger. Roland Rischer lässt sich davon genauso begeistern wie für seine Flugzeuge und seine Harley-Maschinen, mit denen er hin und wieder ins schöne Allgäu ausschwärmt. Seine Begeisterung für so viele unterschiedliche Dinge, sie steckt förmlich alle an, die mit ihm zu tun haben.

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