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Unterallgäu

24.09.2019

Cornelia Hesse fordert mehr Frauen in Kommunalpolitik

In Bayern sind Frauen in politischen Führungspositionen rar. Cornelia Hesse vom Bayerischen Gemeindetag will potenzielle weibliche Kandidaten ermutigen und setzt auf Austausch und Vernetzung.

Nur neun Prozent aller Bürgermeister in Bayern sind weiblich. Cornelia Hesse vom Bayerischen Gemeindetag findet das undemokratisch.

In den Stadt- und Gemeinderäten im Landkreis Unterallgäu sind die Frauen in der Minderzahl. Noch krasser ist die Situation bei den Bürgermeistern. Die überwiegende Zahl der Rathauschefs ist männlich. Für den Bayerischen Gemeindetag haben Sie sich intensiv mit dem Thema „Frauen in der Kommunalpolitik“ beschäftigt. Ist unsere Situation typisch für Bayern und lässt sich hier eine Entwicklung beobachten?

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Hesse: In Bayern gibt es 2031 kreisangehörige Städte, Märkte und Gemeinden, deren Interessen der Bayerische Gemeindetag vertritt. In 185 gibt es eine Erste Bürgermeisterin; in den 25 kreisfreien Städten gibt es drei Oberbürgermeisterinnen. Insgesamt also liegt der Frauenanteil derzeit bei circa neun Prozent. Bei den Kommunalwahlen 1996 lag der Anteil bei 2,2 Prozent; 2002 bei 3,9 Prozent; 2008 bei 5,9 Prozent; 2014 bei rund 8,8 Prozent. Das sind die nackten Zahlen, aber tatsächlich ist die Situation von Ort zu Ort sehr unterschiedlich.

Lassen sich da konkrete Ursachen und Zusammenhänge erkennen?

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Hesse: Die Situation ist sehr heterogen. Die Lage und Größe der Gemeinde können eine Rolle spielen. In Germering, im Münchner Speckgürtel, haben die Frauen sogar eine Mehrheit im Stadtrat, allerdings sitzt ein Mann auf dem Chefsessel. In der Stadt Baiersdorf in der Nähe von Erlangen sitzen zehn Frauen im 20-köpfigen Stadtrat. Aber es gibt Gemeinderäte, in denen nur eine oder gar keine Frau vertreten ist und die müssen nicht unbedingt klein sein. Die Stadt Osterhofen mit rund 12.000 Einwohnern im Landkreis Deggendorf in Niederbayern hat eine Frau als Bürgermeisterin aber im 24-köpfigen Stadtrat sitzt nur eine weitere Frau.

Die Zahlen, die Sie genannt haben, gehen nach oben. Gibt es einen Trend zu einem ausgewogeneren Geschlechterverhältnis?

Hesse: Na ja. Wenn die Entwicklung in dem Tempo weiter geht, dann werden wir vielleicht irgendwann mal im Jahr 2050 in etwa gleich viele Frauen an der Spitze der Kommunen haben.

Das klingt, als würden Sie es gerne beschleunigen. Was unternehmen Sie beim Bayerischen Gemeindetag, um dieses Ziel zu erreichen?

Hesse: Wir haben 2016 eine Arbeitsgemeinschaft „Frauen führen Kommunen“ gegründet. Wir veranstalten Tagungen und Kongresse speziell für Bürgermeisterinnen. Demnächst, am 11. Oktober, findet mit Blick auf die Kommunalwahlen im März 2020 im Maximilianeum eine gemeinsame Veranstaltung mit Landtagspräsidentin Ilse Aigner zu dem Thema statt. Mir geht es vor allem darum, die Bürgermeisterinnen in Bayern zu vernetzen und Frauen zu ermutigen, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren. Es gibt Landkreise, in denen es nur eine Bürgermeisterin gibt. So zum Beispiel im Landkreis Neustadt a.d. Aisch-Bad Windsheim in Mittelfranken. Dort hat Bürgermeisterin Birgit Kreß, Markt Erlbach, ausschließlich männliche Kollegen, nämlich 37. Da ist ein Austausch mit anderen Bürgermeisterinnen durchaus wichtig. Im Landkreis Landshut ist dagegen mit acht Bürgermeisterinnen die Dichte sehr hoch.

Und wir haben hier im ganzen Landkreis keine einzige Bürgermeisterin. Welche Gründe könnte das haben?

Hesse: Zu den Zusammenhängen laufen aktuell Forschungsprojekte, so an der Hochschule Landshut. Dort wird im Projekt FRIDA (Frauen in die Kommunalpolitik) untersucht, wie die aktuelle Lage ist, welche Hemmnisse bestehen und was man tun kann, um die Situation zu verbessern. Das Forschungsvorhaben ist noch nicht abgeschlossen, aber es sollen bald Zwischenergebnisse präsentiert werden. Dann wissen wir vielleicht ein bisschen mehr. Eine Vermutung besteht, dass die Wahl von Frauen in politische Ämter und ihr Bild in der Öffentlichkeit auch andere junge Frauen ermutigt, sich zu engagieren.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die größten Hindernisse?

Hesse: Viele Frauen sind zögerlich. Wenn Männer gefragt werden, ob sie kandidieren wollen, sind sie überzeugt, dass sie der Aufgabe gewachsen sind. Frauen zweifeln eher. Und sie fragen sich auch: Kann ich das mit meiner Familie vereinbaren? Diese Frage stellt sich in aller Regel ein Mann nicht. Deswegen werden Frauen überwiegend auch erst ab einem Alter von 40 Jahren Bürgermeisterin – wenn die Kinder aus dem Kleinkindalter heraus sind. Eine Frau, die am Ort Familie, Verwandte oder ein entsprechendes Netzwerk hat, tut sich auch leichter, als jemand der neu zugezogen ist und diesen Hintergrund nicht hat.

Die Parteien beklagen, dass es unheimlich schwer ist, überhaupt Kandidatinnen für ihre Listen zu finden, obwohl sie es wollen. Woran liegt das?

Hesse: Die Aussage, man wolle mehr Frauen auf der Liste, hört man immer wieder. Aber häufig sind es nur die hinteren, wenig aussichtsreichen Listenplätze, die angeboten werden. Auch müssen sich Parteien oder Gruppierungen überlegen, wie sie Frauen ansprechen. Oft schwingt da unausgesprochen ein „Was willst Du denn hier?“ mit. Wer nicht ein sehr großes Selbstbewusstsein hat, den kann das schon abschrecken. Und die Vorbehalte kommen im Übrigen nicht nur von den Männern. Wenn Frauen Frauen wählen würden, hätten wir dieses Missverhältnis nicht.

Wie gut gelingt es den verschiedenen Parteien, Frauen zu beteiligen?

Hesse: Die Grünen haben den Grundsatz der Parität, da muss auf der Liste immer abwechselnd ein Mann und eine Frau stehen. Bei der SPD fängt man das langsam auch an. Bei der CSU ist das nicht so. Aber wie es intern geregelt wird, weiß ich nicht, ich bin in keiner Partei. Nur eines ist klar, mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist weiblich und das soll und muss angemessen berücksichtigt werden. Es gibt ein aus Art. 3 Abs. 2 Grundgesetz und aus Art. 118 Abs. 2 Bayerische Verfassung abgeleitetes Gleichstellungsgebot. Und die Parteien haben den Auftrag, die Gesellschaft als Ganzes zu vertreten. Das Ausblenden der „besseren Hälfte“ ist undemokratisch.

Wenn es einer Organisation wirklich ernst ist mit dem Wunsch, mehr politisch aktive Frauen zu gewinnen – welchen Tipp hätten sie da?

Hesse: Man muss die Frauen ganz gezielt ansprechen. Mit allgemeinen Verlautbarungen bewirkt man gar nichts. Nicht in die Menge hinein fragen. Sondern Frauen, die interessiert wirken, direkt ansprechen und fragen, ob sie zum Beispiel mal zu einer Sitzung im Rathaus kommen wollen, oder ob sie nicht an der Gestaltung ihrer Gemeinde mitwirken wollen. Die Frau Meier, die Frau Huber, die Frau Müller – die müssen Sie fragen! Und man muss zu den Frauen sagen: „Traut Euch“ und „Dranbleiben“, auch wenn es Rückschläge gibt.

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