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Türkheim

11.08.2020

Corona: Belastende Zeiten im Seniorenheim St. Martin

In Corona-Zeiten ist der weitläufige, schattige Garten von St. Martin in Türkheim eine gute Möglichkeit für die Familien, sich mit ihren Angehörigen aus dem Heim im Freien treffen zu können.

Plus Bewohner und Personal des Seniorenwohnheim St. Martin Türkheim sind von den Beschränkungen der Covid-19-Pandemie betroffen. Trotzdem sollte der Ablauf „so normal wie möglich“ beibehalten werden.

Die Corona-Pandemie mit ihren Einschränkungen beschäftigt die Politik und viele Institutionen, und sie reicht bis ins tägliche Leben von jedem einzelnen. Das bekommen besonders diejenigen zu spüren, die nicht mehr mobil sind, lange überhaupt keine Kontakte haben durften oder auch digitale Techniken nicht nutzen können.

Die Bewohner des Seniorenheims St. Martin in Türkheim gehören zur sogenannten "Risikogruppe"

Sie können oft schlecht sehen oder hören, leiden unter chronischen physischen und psychischen Krankheiten und gehören schon aufgrund ihres Alters zur sogenannten „Risikogruppe“. Es sind die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, die besonders unter den Corona-Beschränkungen zu leiden haben. Und doch kommen diese Menschen in der Öffentlichkeit kaum vor.

Bald fünf Monate sind inzwischen vergangen, seit es am 16. März 2020 die erste „Allgemeinverfügung für das Unterallgäu zum Schutz von Risikopatienten“ gegeben habe, erinnert sich Eva Büchele, Pressesprecherin vom Gesundheitsamt am Landratsamt Unterallgäu. Kurz darauf sei dann diese Verfügung für Krankenhäuser und Seniorenheime für ganz Bayern ausgeweitet worden. Der Landkreis Unterallgäu ist der Träger von drei Seniorenwohnheimen, darunter auch St. Martin in Türkheim.

Stefan Drexel

„Von einem Tag auf den anderen war unsere Einrichtung abgeriegelt“, erklärt Stefan Drexel, der Leiter des Türkheimer Kreis-Seniorenwohnheims St. Martin, die Situation damals. Man habe sofort reagieren und Schutzmaßnahmen umsetzen müssen. Zum Glück habe St. Martin genug Vorräte an Atemschutzmasken und Desinfektionsmitteln gehabt, um die ersten Wochen zu überbrücken, als Schutzausrüstung anderswo lange Zeit Mangelware gewesen war.

Man habe auch gleich eine abgetrennte Station für den Fall einer notwendigen Isolierung im Haus eingerichtet. Die Räumlichkeiten dafür seien vorhanden gewesen, es musste „nur“ der Speisesaal eines Stockwerks verlegt werden. Information des Personals und das notwendige Training der Maßnahmen seien essenziell gewesen. Denn die Angst vor eigener Ansteckung sei anfangs groß gewesen.

Covid-19-Notfallkits für die Mitarbeiter wurden zusammengestellt, und trotz all dem sollte der Alltag im Heim für Bewohner und Personal möglichst normal „wie immer“ weitergehen. Aber wie sollte beispielsweise demenzkranken Bewohnern die Maske erklärt werden? Wo sie sich zur Kommunikation nicht einmal mehr an der Mimik ihres Trägers orientieren konnten? Wie sollten sie verstehen, dass der gewohnte Besuch von Tochter oder Schwiegertochter über Wochen hinweg nicht möglich war? Wie verstehen ohne zu verzweifeln, wenn sie im schlimmsten Fall über längere Zeit ihr Zimmer nicht verlassen durften? Und was geschah mit ihnen, wenn sie krank wurden, nicht Corona, aber Husten, Schnupfen, Grippe oder eine Lungenentzündung? Oder ein Sturz? Wenn eine Versorgung im Krankenhaus notwendig wurde? Wie sollte es dann hinterher weitergehen?

Aufatmen bei der Heimleitung in Türheim: Bislang kein Covid-19-Fall

Bei einer Rückverlegung nach einer Krankenhausbehandlung musste in der Vergangenheit ein Heimbewohner vierzehn Tage in seinem Zimmer isoliert bleiben, „so, als ob er Covid 19 hätte“. Bei einem Verdachtsfall im Haus hätte man genauso verfahren müssen, auch, als Neuaufnahmen ins Heim wieder möglich wurden.

Inzwischen reiche eine Covid-19-Testung aus, um die Quarantäne zu verkürzen oder zu vermeiden. Stefan Drexel: „Wir haben bisher keine einzige Covid-19-Erkrankung im Heim gehabt.“

Welche Möglichkeiten hatte es im Landkreis gegeben, wenn beispielsweise für einen Patienten aus dem Krankenhaus bei der Entlassung kein Heimplatz gefunden wurde? Da auch die Kurzzeitpflegeplätze sehr reduziert waren, weil nur noch Einzelzimmer belegt werden durften? Eva Büchele berichtet, dass „für eine Übergangszeit“ 30 Plätze „in Rekordzeit aus dem Boden gestampft worden waren“: zwei Reha-Einrichtungen in Bad Wörishofen und Bad Grönenbach hätten dies kleine Wunder geschaffen.

Diese Plätze waren gut ausgelastet, so Büchele, aber „es gab bestimmt auch Patienten, die im Rahmen der Möglichkeiten dieser Einrichtungen nicht aufgenommen werden konnten“. Eine sicher sehr schlimme, verzweifelte Situation für die betroffenen Familien.

Eva Büchele

Dem Besucher fällt auf, dass sich in St. Martin die Bewohner frei und ohne Atemschutz bewegen. „Nur in den Gängen und auf dem Weg zum Speisesaal müssen die Bewohner, die das tolerieren, eine Maske tragen“, sagt Heimleiter Stefan Drexel.

Besucher müssten nach wie vor die Abstands- und Maskenregel einhalten und würden registriert. Aber im Zimmer und im großen Garten ginge es dann auch ohne Atemschutz, aber natürlich mit Abstand. Das Betreuungs-Team im Haus engagiere sich, den Bewohnern eine Tagesstruktur zu geben. „Gymnastik geht zwar nicht“, sagt Stefan Drexel, „und die Wohnbereiche bleiben auch strikt voneinander getrennt“.

Auch die Tagespflege falle derzeit weg.

Das Betreuungsteam würde aber weiterhin von ehrenamtlichen Mitarbeitern unterstützt, mit Besuchen, Spaziergängen im Garten, Gottesdiensten oder einer kleinen Feier mit Musik.

„Das Ziel unserer Schutzmaßnahmen ist es, das Risiko einer Infektion zu minimieren“, sagt Stefan Drexel. „ Das Leben und Wohnen im Heim muss menschlich gestaltet werden, damit sich die Bewohner zuhause fühlen“, ergänzt Eva Büchele.

Lesen Sie dazu auch: Corona hält ein Unterallgäuer Pflegeheim auf Trab

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