Türkheim

17.04.2015

Das Ende einer Ära

Den Artikel über die Schneider-Pleite hat der ehemalige Betriebsleiter Michael Ackermann aufbewahrt. Vor zehn Jahren lief in Türkheim der letzte Fernseher vom Band.
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Den Artikel über die Schneider-Pleite hat der ehemalige Betriebsleiter Michael Ackermann aufbewahrt. Vor zehn Jahren lief in Türkheim der letzte Fernseher vom Band.
Bild: Franz Issing

Vor zehn Jahren lief in Türkheim das letzte Fernsehgerät vom Band. Der frühere Betriebsleiter spricht über das Aus für die Schneider Rundfunkwerke

Ackermann erinnert sich. Die Brüder Bernhard und Albert Schneider mussten, nachdem sie in aller Stille den Sprung an die Börse und an die Spitze der bundesdeutschen Hifi-Geräte-Hersteller geschafft hatten, Insolvenz anmelden und ihre Markenrechte an den chinesischen Elektronikkonzern „TCL“ verkaufen. Der verleibte sich anno 2004 auch die französischen Thomson-Werke ein und avancierte mit dem komplett übernommenen „Joint Venture TCL Thomsons Electronics (TTE)“ zu einem der weltweit größten Hersteller von TV-Geräten.

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Wie die Gebrüder Schneider, denen letztlich die Billig-Konkurrenz aus Fernost einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht hatte, scheiterten letztlich auch die Chinesen und stellten Ende 2005 die Produktion ein. Die noch verbliebenen 120 Mitarbeiter saßen auf der Straße. Danach hatten die Banken das Sagen. „Die haben Führungskräfte eingesetzt, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hatten und nur Geld aus der Firma zogen“, kritisiert Ackermann, der in den Jahren von 1990 bis 1998 zehn Vorstände erlebt hat, dem aber die Arbeit bei den Schneiders, „auch wenn sie manchmal recht hart war und vollen Einsatz verlangte“, immer viel Spaß gemacht habe. „Zu Bernhard und Albert Schneider, die in Türkheim wohnen, habe ich noch immer ein gutes Verhältnis“, versichert der frühere Betriebschef.

Von der Blüte bis zur Pleite. Michael Ackermann kennt die auf das Jahr 1859 zurückgehende Firmengeschichte der Schneider-Rundfunkwerke AG wie seine Westentasche. Sie begann, als Felix Schneider in Türkheim Holzwaschmaschinen fertigte. Der Zufall half den Schneiders, die anfänglich mit 40 Mitarbeitern in Eppishausen mit der Fertigung von Kleiderspinden für die Bundeswehr und Holzgehäusen für Musiktruhen ihr Geld verdienten und 1960 nach Türkheim umsiedelten. Auf die Produktion von Unterhaltungselektronik stellte die Firma und Seniorchef Leo Schneider dann 1965 um.

Als anno 1972 die alteingesessene, schwäbische Radiofabrik „Emud“ dicht machte und kurz darauf der Büromaschinenhersteller „Walther“ Konkurs anmeldete und die Fabriktore schlossen, griffen die Gebrüder Schneider kurz entschlossen zu und erwarben für ein Butterbrot eine funktionsfähige Radiofabrik. Ähnlich wie ihr Fürther Konkurrent Max Grundig hatten die Schneiders von Anfang an ein Gespür für die Wünsche breiter Käuferschichten. Sie setzten auf preiswerte Kompaktanlagen, in denen Platten, und CD-Spieler, wie auch Radioempfänger und Verstärker integriert waren. „Warenhauskonzerne, wie Quelle und Karstadt, aber auch der Gütersloher Buchclub-Riese Bertelsmann zählten zu unseren Kunden“, erinnert sich der frühere Betriebsleiter Ackermann. Große Hoffnungen setzte das Unternehmen in die Laser-Technik. „Die haben sich nie erfüllt, wir wurden von Jahr zu Jahr vertröstet“, ärgert sich Ackermann heute noch. „Unser Führungsteam waren keine Elektroniker und verließen sich daher voll auf die Versprechen der Entwicklungsfirma in Gera“, plaudert er aus dem Nähkästchen. Einen gewichtigen Grund für die Firmenpleite sieht Ackermann aber auch in der rasanten Entwicklung der Computertechnik, „mit der Schneider nicht mehr mithalten konnte“.

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