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Mindelheim

09.06.2018

Das Frundsbergfest als Forschungsobjekt

Wie eine echte Schlacht – doch gottseidank ohne Tote: Das ist die „Schlacht von Peutelstein“, die jedes Mal beim Frundsbergfest aufgeführt wird. Doch was treibt die Beteiligten dazu, eine solche historische Szene nachzuspielen? Oder allgemein: sich an historischen Festspielen zu beteiligen? Diesen Fragen widmet sich die Dirlewangerin Sophie Flickschuh in der Abschlussarbeit für ihr Studium.
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Wie eine echte Schlacht – doch gottseidank ohne Tote: Das ist die „Schlacht von Peutelstein“, die jedes Mal beim Frundsbergfest aufgeführt wird. Doch was treibt die Beteiligten dazu, eine solche historische Szene nachzuspielen? Oder allgemein: sich an historischen Festspielen zu beteiligen? Diesen Fragen widmet sich die Dirlewangerin Sophie Flickschuh in der Abschlussarbeit für ihr Studium.
Bild: Archiv Issing

Die Studentin Sophie Flickschuh schreibt ihre Abschlussarbeit über das Mindelheimer Fest. Auf eine ihrer Fragen gaben alle Interviewpartner dieselbe Antwort.

Schon immer hat die Dirlewangerin Sophie Flickschuh gerne das Frundsbergfest in Mindelheim besucht, doch in diesem Jahr wird sie es mit anderen Augen sehen. Die 23-jährige Studentin schreibt derzeit ihre Bachelor-Abschlussarbeit. Ihr Thema: das Frundsbergfest und warum so viele Menschen dabei mitmachen.

Ein Professor aus Mainz kommt nach Mindelheim zum Frundsbergfest

Sophie Flickschuh studiert Kunst- und Kulturgeschichte an der Universität Augsburg und arbeitet als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie und Volkskunde. Sie selbst konnte sich lange nicht für ein Thema für ihre Abschlussarbeit entscheiden – bis ihr ihr Professor Dr. Günther Kronenbitter vorschlug, das historische Mindelheimer Fest zu analysieren, weil er es selbst kannte. Gesagt, getan – und weil auch die anderen Studenten etwas von dem Thema haben sollen, gibt es am ersten Wochenende eine Exkursion zum Frundsbergfest inklusive der „Schlacht von Peutelstein“, Stadtführung und Vorträgen, die die Dirlewangerin mitorganisiert. Nach Mindelheim wird dazu auch Junior-Professor Dr. Mirko Uhlig aus Mainz kommen, der „Living History“ und „Reenactment“ erforscht, also vereinfacht gesagt: das Darstellen und Nachspielen von historischen Ereignissen.

Auch Sophie Flickschuh hat bereits erste Forschungen betrieben. Mit fünf Teilnehmern des Frundsbergfests hat sie qualitative Interviews geführt, die jeweils bis zu eineinhalb Stunden gedauert haben. „Ich hatte perfekte Voraussetzungen für die Erhebung“, sagt sie, denn die Interviewten gaben bereitwillig Auskunft. Am liebsten hätte Sophie Flickschuh noch mehr Mitwirkende befragt, sagt sie. Doch das wäre für eine Bachelor-Arbeit, die nur 30 bis 40 Seiten umfassen soll, einfach zu viel gewesen. Unter anderem müssen nämlich alle Gespräche wortwörtlich abgeschrieben werden. Sie kommen in den Anhang der Arbeit – und das macht in der Summe bereits mehr als 100 Seiten, die vom Tonband abgetippt werden müssen.

Das Frundsbergfest als Forschungsobjekt

„Was bedeutet das Frundsbergfest für die Teilnehmenden?“ – das ist die Frage, der sich Sophie Flickschuhs Arbeit widmet. Wie nehmen die Mitwirkenden Geschichte wahr? Wie erleben sie sie und wie konstruieren sie sie? Wie gestalten sie ihre Kostüme, wie garantieren sie, dass möglichst alles authentisch ist?

Ihre Interviewpartner, die ihr der Frundsberg Festring vermittelt hat – Männer und Frauen, Jung und Alt – fragte sie nach der Motivation, teilzunehmen, nach ihren schönsten und schlimmsten Erlebnissen, dem Einfluss des Festes auf den eigenen Alltag und ob sich daraus auch Freundschaften ergeben haben. Am meisten überrascht war die Dirlewangerin, dass sie auf eine ihrer Fragen gleich fünfmal die gleiche Antworten erhalten hat. Es ist die Frage nach dem schönsten Erlebnis. Die Antwort, denen sicher noch weitere am Fest Beteiligte zustimmen können: „Wenn man durchs Obere Tor zieht beim Umzug.“

Viele Mitwirkende seien schon von Klein auf mit dabei. „Das Frundsbergfest ist eine Familientradition“, sagt Sophie Flickschuh, die 2013 ihr Abitur am Mindelheimer Maristenkolleg absolviert hat. „Es geht um Gemeinschaft und Spaß.“ Alle Befragten achteten auf Authentizität, die richtigen Kostüme und Details, steckten viel Arbeit hinein.

Durch ihre Befragungen hat die Studentin ganz neue Einblicke erhalten, auch über die Arbeit in Vereinen, mit denen sie bislang nicht so viel zu tun gehabt hat, wie sie sagt. Die Mitwirkenden machten alles in Eigenarbeit, freiwillig, für die Gemeinschaft, erklärt Sophie Flickschuh und ist beeindruckt: „Da steckt so viel dahinter.“ Früher sei sie oft einfach nur durch die Lager gelaufen, aber habe gar nicht gewusst, wer wer ist – das wird in diesem Jahr sicher anders sein, glaubt die junge Frau.

Der Frundsberg Festring hat sie unterstützt, aber auch andere Mindelheimer

Sie hat für ihre Arbeit viel Unterstützung bekommen, sagt sie, vom Festring, aber auch von Jochen Schuster, Lehrer am Maristenkolleg und selbst Aktiver beim Frundsbergfest: Er hatte seine Zulassungsarbeit über die Erinnerungskultur geschrieben und ihr zur Verfügung gestellt.

Sophie Flickschuh hat bereits einige Unterschiede zu anderen historischen Festen ausmachen können. So sei das Frundsbergfest sehr regional verankert und bleibe auch in einer bestimmten Zeit, der frühen Neuzeit, während andere Feste gleich mehrere Jahrhunderte abdecken, erklärt die Studentin. Dass sich so viele Menschen heutzutage für das Mittelalter begeistern können, liege daran, dass es komplett aus der Zeit falle. „Das ist eine ganz andere Welt als heute“, sagt die 23-Jährige. Wie wissenschaftliche Studien ergeben haben, scheint das „Reenactment“ und das Nachspielen von Kriegen besonders für Männer heutzutage sehr interessant zu sein, denn sie beteiligen sich überproportional häufig daran. In Mindelheim nehmen hingegen mehr Frauen teil als an anderen vergleichbaren Historienspielen.

Die Studenten werden auch Zeit haben, das Frundsbergfest in Mindelheim zu genießen

Interessant sind für die Forschung zum Beispiel auch die Geschlechterrollen: Wie überträgt man das Damals in die heutige Zeit? Bis zu einem gewissen Punkt sei man authentisch, sagt Flickschuh, aber es gebe keine ganz strikten Regeln – beispielsweise auch, was die Kleidung betrifft. So könne man etwa nicht verlangen, dass sich jeder Teilnehmer eigens für das Fest eigene Schuhe nähen lässt. Auch beim Essen gibt es deutlich Besseres als den Teller als das, was im Mittelalter auf den Tisch kam. Es ist eben immer ein Spagat zwischen dem Komfort der Besucher und der authentischen Darstellung der Zeit.

Das werden auch die Studenten und Professoren sehen, wenn sie am ersten Festwochenende nach Mindelheim kommen. Im Rahmen der Exkursion wird Sophie Flickschuh in einem Vortrag über ihre Arbeit und das Frundsbergfest berichten. Und sicher wird sie auch noch Zeit haben, einfach mal so über das Festgelände zu streifen – wenn auch mit einer ganz anderen Sicht auf die Mitwirkenden und ihr Engagement.

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