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Das 16. Jahrhundert im Allgäu

18.02.2018

Das Ringen der Religionen

Kriegerisches Leben im 16. Jahrhundert: ein Landsknecht und seine Frau. Die Eisenradierung stammt von Daniel Hopfer (um 1470 – 1536), einem aus Kaufbeuren stammenden Radierer und Holzschneider.
Bild: Stadtmuseum Kaufbeuren

 Nach dem verheerenden Bauernkrieg bestehen die alten Gesellschaftsstrukturen weiter. Doch ruhiger wird’s nicht: Katholische und Evangelische streiten sich darum, wer fürs Seelenheil der Menschen zuständig sein darf

Die Herren hatten auf der ganzen Linie gesiegt: Als Georg Truchsess Freiherr zu Waldburg im Sommer 1525 den deutschen Bauernaufstand ausgerechnet in seiner Heimat, dem Allgäu, blutig-brutal niedergeschlagen hatte, herrschte im Prinzip das selbe Sozialgefüge weiter wie vor der „Revolution des Gemeinen Mannes“. Der Aufbruch der einfachen Leute (Bauern, Handwerker, Arbeiter, Leibeigene, Zinser) war abgewürgt, erstickt worden. Die Obrigkeit hatte die Oberhand behalten. Die ersehnte Freiheit der Untertanen war zu Ende, bevor sie überhaupt erkämpft werden konnte – wenngleich es auch Verbesserungen gab, wie der Memminger Vertrag zeigt (siehe nebenstehenden Artikel). Die meisten Bauern im ländlichen Allgäu besaßen keinerlei politisches Mitspracherecht und waren von ihren adligen und kirchlichen Herren abhängig. Und das sollte im Prinzip so bleiben, bis mit der Zerschlagung und Neuordnung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation Anfang der 1800er Jahre auch das Ende der feudalistischen Herrschafts- und Gesellschaftsstruktur besiegelt wurde.

Willkürlich und brutal

Wie willkürlich und brutal die Herrschenden vorgingen, sei an einem Beispiel aus dem Ostallgäu kurz erläutert, wie es der Allgäuer Heimatforscher Alfred Weitnauer einst beschrieb. Demnach überfiel am 27. Oktober 1525 der stiftskemptische Vogt zu Unterthingau, Ulrich Schweikart, mit einigen Reitern zur Nachtzeit eine Bauersfamilie im nahegelegenen Reinhardsried. Sie rissen den Bauern, seine Frau und die Kinder aus den Betten und misshandelten sie schwer. Dann raubten sie Vieh und Hausrat. Den Bauern brachten sie auf eine Burg bei Durach, folterten und töteten ihn. Die Frau, so berichtet Weitnauer weiter, sei ein paar Tage später an den Folgen der Misshandlung gestorben.

Freilich gab es auch ein wenig Licht in diesem gesellschaftspolitischen Dunkel. Der Adel und der Klerus lockerten nach dem verzweifelten Aufstand der Bauern ein wenig die Fesseln, mit denen sie ihre Untertanen gefangen hielten. Weil es Ende 1525 in Bauernkreisen immer noch brodelte und ein neuer Aufstand drohte, mahnte der Schwäbische Bund, ein Zusammenschluss der Reichsstände (Adelige und Kleriker sowie Städte) den Fürstabt des Klosters Kempten, den Streit zwischen ihm und den Bauern zu beenden. Der Fürstabt und Delegierte von Bauern aus 36 stiftskemptischen Pfarreien trafen sich im Januar in Memmingen, um eine Abmachung zu treffen, die unter dem Namen „Memminger Vertrag“ bekannt wurde.

Wie andere Ritter, Grafen, Äbte und Bischöfe mit ihren Untertanen umgingen, ist nur teilweise überliefert. So müssen die Bürger von Füssen wieder dem Bischof von Augsburg, ihrem Herren, huldigen. Immer wieder werden Bauern gefoltert und hingerichtet. So ging es auf dem Land zu. In den freien Reichsstädten dagegen schaute es anders aus. In Kempten, Memmingen und Isny hatte sich die Reformation durchgesetzt; Kaufbeuren, Wangen und Leutkirch behielten (zunächst) den alten Glauben. Was nicht hieß, dass damit Ruhe in den Städten einkehrte. Fast überall bekämpften sich Katholische und Evangelische in den nächsten Jahrzehnten – teilweise bis aufs Blut. In Kaufbeuren verliefen die Auseinandersetzungen besonders schmerzvoll. Dort wechselte die Vorherrschaft zwischen Evangelischen und Katholischen hin und her, die Martinskirche diente eine Zeit lang beiden Konfessionen als Ort für Gottesdienste und Messen.

Und als ob das nicht genug gewesen wäre, gab es Streit unter den Reformierten. Zwei Lager rangen um die Vorherrschaft: die Lutheraner und die Zwinglianer. In diesem religiösen Durcheinander tauchten 1526 auch noch die Täufer auf, eine radikalreformerische Gemeinschaft. Der Kaufbeurer Rat sah in ihnen eine besondere Gefahr. 1528 ließ er fünf von ihnen mit dem Schwert enthaupten sowie drei Dutzend Menschen mit glühenden Eisen foltern und aus der Stadt peitschen.

Drohungen und Gewalt

Was es in den Allgäuer Städten an Kämpfen zwischen den Katholiken und Protestanten gab, spiegelte sich auch auf Reichsebene wider. Einige Fürsten und Könige hingen dem reformierten Glauben an, andere hielten Papst und (katholischem) Kaiser die Treue. Das konnte auf Dauer nicht gutgehen, zumal Kaiser Karl V. (1500 – 1558) den katholischen Glauben restaurieren wollte – mit Drohungen und Gewalt. Als Reaktion darauf gründete sich der Schmalkaldische Bund. 1531 schlossen sich protestantische Fürsten und Städte zusammen, um sich gegen die Religionspolitik Karls zu wehren. Unter den Gründungsmitgliedern befanden sich auch Memmingen, Isny und Lindau. Kempten schloss sich dem Bund 1535 an.

Wie die Konfrontation mit dem Kaiser ablief, schildert eine Begebenheit aus dem Jahr 1543. Karl V. kam mit Truppen nach Kempten – offenbar um die protestantische Stadt einzuschüchtern. Zwar huldigten die Bürger dem Kaiser, aber den symbolischen Akt der Überreichung der Schlüssel zu den Stadttoren verweigerten sie ihm.

Die fortdauernde Konfrontation zwischen Protestanten und Katholischen blieb nicht folgenlos: 1546/47 kam es zum Schmalkaldischen Krieg. Der fand teilweise auch im Allgäu statt. Während sich die katholischen Städte Wangen und Leutkirch sowie das konfessionell plurale Kaufbeuren neutral verhielten, blieben Kempten, Memmingen und Isny dem Schmalkaldischen Bund treu und entsandten Kämpfer für die Truppen des Bundes. Kaiserliche Truppen versuchten 1546, im Allgäu Soldaten zu rekrutieren. Schmalkaldische Truppen wollten dies nicht dulden und überfielen die Kaiserlichen. Diese zogen sich Richtung Bayern zurück. Die Protestanten folgten ihnen zunächst, nahmen am 9. Juli 1546 das katholische Füssen ein und plünderten Schloss und Kloster. Als die protestantischen Truppen Richtung Norden weiterzogen, „eroberten“ sie ländliche katholische Gebiete im Allgäu. So wurde mancher Bauer plötzlich protestantisch – freilich nur für kurze Zeit. Bald hatten die Evangelischen das ganze Allgäu protestantisch gemacht, berichtet der Historiker Alfred Weitnauer. In den Dörfern wurde der evangelische Gottesdienst eingeführt.

Der Kaiser bestrafte die Protestanten

Doch das protestantische Allgäu war schon nach wenigen Monaten wieder Geschichte. Die Armee des Kaisers behielt gegen die Schmalkaldener die Oberhand. Im Allgäu stellten sich schnell die ursprünglichen politischen und religiösen Herrschaftsverhältnisse wieder her. Der Kaiser bestrafte die rebellierenden evangelischen Reichsstädte im Allgäu mit Geldbußen.

In Folge des Sieges der kaiserlichen Truppen über den Schmalkaldischen Bund wird auch das Allgäu wieder gründlich katholisch gemacht – nicht nur das Land, sondern auch die Reichsstädte. Überall wird der katholische Glaube eingeführt, in den Kirchen wieder die katholische Messe gelesen. Was logischerweise für allerlei Unmut und Streit sorgte. Doch auch diese Wende wurde gewendet. Als sich Anfang der 1550er Jahre protestantische Fürsten gegen Kaiser Karl V. verschworen, wurde die Vorherrschaft des Katholischen im Allgäu wieder zurückgedrängt.

Die konfessionellen Blöcke brachten eine kulturelle, mentale und juristische Spaltung der Nation und seiner Institutionen, stellte jüngst der aus Kempten stammende Historiker Gerhard Hölzle prägnant fest. Doch es sollte nach einigen ruhigeren Jahrzehnten noch schlimmer kommen: Im Dreißigjährigen Krieg, der 1618 begann, gipfelte die Konfrontation zwischen Katholischen und Evangelischen in einer Katastrophe ungeahnten Ausmaßes. Auch für die Menschen im Allgäu.

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