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Unterallgäu

16.04.2019

Das Unterallgäu ist filmreif: Drehorte im Landkreis

Bei ihrer Tour im Unterallgäu ließen etwa 35 Filmschaffende auch die besondere Atmosphäre in der Kapelle der Schickling-Stiftung auf sich wirken.
Bild: Kaulfersch

Filmschaffende entdecken unter dem Motto „Allgäu, anders“ verschiedene Drehorte und Filmkulissen im Landkreis.

Hohe Bäume schirmen die Gruppe weißer Gebäude ab. Frühjahrssonne scheint auf die Mauern, in einer Nische verharrt regungslos ein Pfau – auch angesichts einer kleinen Gruppe von Besuchern, denen der Durchgang eines Turms Einlass gewährt. Während sie umherstreifen, wirkt die Stille zwischen den Mauern aufgeladen. Fast unwirkliche Atmosphäre herrscht an diesem Ort inmitten eines Naturschutzgebietes: Er ist die Architektur gewordene Vision eines Mannes, der noch immer präsent ist – begraben neben der von ihm erdachten Kapelle.

Su Turhan taucht tief in die Welt Erich Schicklings ein, geht nah heran an die Hinterglasbilder, saugt Raumeindrücke auf – zwischen Glasfronten, Dickichten aus Topfpflanzen und religiös-mythischer Kunst. „Ich gehe hier durch und stell mir vor, was passieren könnte.“ Einen Film im Kopf ablaufen zu lassen: Das ist gewissermaßen die Jobbeschreibung des Münchners mit Wurzeln in Istanbul. Denn seiner Fantasie entspringen nicht nur Romane, sondern auch Drehbücher. „Etwas wie das hier habe ich vorher noch nicht gekannt“, sagt er: „Man nimmt in all dem noch diesen Menschen wahr.“ An der Grabstätte des Künstlers und seiner Frau zieht Turhan die Baseballkappe vom Kopf – und auch als er in der Kapelle steht, wo sich durch riesige, von Schickling geschaffene Glasfenster eine Farbflut ins Innere ergießt.

Auf der Suche nach Inspiration im Unterallgäu

Inspiration. Um die geht es an diesem Tag, der etwa 35 Filmschaffende an verschiedene Orte im Unterallgäu führt. „Allgäu, anders“ lautet das Motto der „Location Tour“ – und genau so sollen es Produzenten, Regisseure, Szenenbildner und Co. wahrnehmen: Die Veranstalter wollen zeigen, dass die Region mehr kann als Heimatromantik und Postkarten-Idyll. Hinter der Tour und dem Projekt „Filmkulisse Bayern“ stehen die Bayern Tourismus Marketing GmbH und die Film Commission des Film-Fernseh-Fonds Bayern. Die Vernetzung beider Branchen hat klaren Nutzen: „Produktionen suchen heute europaweit nach Drehorten und es ist wichtig, schnell liefern zu können“, sagt Anja Metzger, Leiterin der Film Commission. Um möglichst viele von ihnen nach Bayern zu holen, präsentiert laut Metzger ein- bis zweimal jährlich eine „Location Tour“ Drehorte. Auch um Wirtschaftsförderung und Standort-Marketing geht es an diesem Tag.

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Zum dritten Mal erkunde eine solche Tour die Region, sagt Simone Zehnpfennig von der Allgäu GmbH. Vor einigen Jahren standen Bergpanoramen auf dem Programm, beim zweiten Mal etwa der Bodensee. Diesmal sind es Plätze, die mit besonderer Atmosphäre aufwarten. Zu Stationen wurden die Eggisrieder Schickling-Stiftung erkoren, außerdem die verwunschen im Wald gelegene Katzbrui-Mühle in Apfeltrach, als Industriedenkmal mit „morbidem Charme“ die Alte Ziegelei in Erkheim, Schloss Lautrach mit Barockfassade und Park sowie – unter anderem ob der Prunkräume und des Panoramablicks – das Schloss Kronburg und der Brauereigasthof.

Auf dem Allgäu-Airport gibt es einen Event-Shelter

Wenig prunkvoll ist der Anblick, der sich den Filmschaffenden andernorts bietet: Unter warnendem Pfeifen öffnen sich gewaltige Tore, vor der Gruppe tut sich aus dem Dunkel eine höhlenartige, leere Halle auf. „Das Coolste, was ich hier erlebt habe, war eine Rockerhochzeit: Alle sind mit Harleys vorgefahren, hier drinnen standen weiß eingedeckte Tische und es spielte eine Hardrock-Band“: Am Allgäu Airport führt Tobias Schmengler unter anderem den Event-Shelter vor. Der spezielle Charakter eines ehemaligen Militärflughafens macht den Airport laut Anja Metzger interessant. „Hier wird viel gedreht, was nachher nicht in Deutschland spielt“, erzählt Schmengler. An vielen anderen Flughäfen seien Aufnahmen aufgrund von Größe und Zahl der Flugbewegungen schlicht nicht möglich.

Bei manchem Wunsch muss aber auch Schmengler bremsen – etwa, wenn es darum geht, ein Sondereinsatzkommando vorfahren und mit Waffe im Anschlag auftreten zu lassen. „Bei der Deutschen Bundesbahn darfst’ nicht mal ein Messer haben“, kommt ein Zwischenruf aus der Gruppe. Regelmäßig auf der Suche nach der „eierlegenden Wollmilchsau“ ist Location-Scout Jeanette Wohlfahrt. „Ich werde losgeschickt, wenn es für den Aufnahmeleiter zu kompliziert wird, was zu finden.“ Das Allgäu durchkämmte sie zum Beispiel einmal nach einem Bauernhof mit großem Innenhof für eine Festszene, einer speziellen Art von Scheune, Atelier, geräumiger Wohnküche sowie ebenerdigem Schlafzimmer – „und es musste eine Käserei dabei sein“. Nahe Bad Hindelang wurde sie fündig. Dann gilt es, die Eigentümer auf das vorzubereiten, was auf sie zukommt: „So ein Filmdreh ist ein Mega-Aufwand: Es sind 40 bis 50 Leute am Set, die dort von 7 bis 22 Uhr beschäftigt sind.“

Location-Scout hält im Unterallgäu die Augen offen

Wer das von der Münchnerin hört, reagiert entweder begeistert – oder mit einem entsetzten „Oh Gott“. Von Vorteil ist es also, ein stattliches Archiv von Alternativen zu haben. Wohlfahrt jedenfalls hält im Unterallgäu die Augen offen. Denn welches klaustrophobische Endzeit-Szenario sich etwa in den düsteren Betonmauern der Lärmschutzhalle am Airport abspielen könnte: Wer weiß?

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