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Konzert

20.12.2012

Dem Advent einen tiefen musikalischen Sinn gegeben

Erst vor Kurzem hat Ottmar Einsiedler die Aufgabe des gestorbenen Gründers und Leiters des Kammerchores „Vocal total“ Jürgen Michels übernommen. Er stellte sich als würdiger Nachfolger beim Adventskonzert in der Mindelheimer Jesuitenkirche vor.
Bild: Andreas Herb

Kammerchor „Vocal total“ tritt in der Mindelheimer Jesuitenkirche mit ihrem neuen Leiter Ottmar Einsiedler auf

Mindelheim In der Mitte dieses schönen Chorkonzertes sang der Kammerchor den Bachchoral aus dem Weihnachtsoratorium: „Wie soll ich dich empfangen und wie begeg’nen dir?“ und setzte sogleich die musikalische Antwort darauf: „O setze mir selbst die Fackel bei!“ Und die Auswahl und die Interpretation durch „Vocal total“ erfüllte musikalisch dieses Versprechen, das auch die Zuhörer erwarteten.

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Seit rund tausend Jahren versuchen – immer auf neue musikalische Weise – Tondichter der Heilserwartung der Menschen an den Erlöser gerecht zu werden. Ottmar Einsiedler, der neue Leiter des Chores, setzte in chronologischer Reihenfolge die Schwerpunkte: Beginnend mit dem gregorianischen Choral der anonymen Hymnenvertonungen von „Conditor alme siderum“ aus dem zehnten Jahrhundert und „Veni, veni, Emmanuel“ (13. Jahrhundert) führten die Sänger die Zuhörer über einen dreistimmigen Satz von Johann Hermann Schein „Nun komm der Heiden Heiland“ zu den vierstimmigen Bachsätzen „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ und der erwähnten Fassung des Paul Gerhard Textes: „Wie soll ich dich empfangen?“. Hier fällt bereits ein chorisches Anliegen von Ottmar Einsiedler auf: Flüssigkeit und Gebundenheit in der Interpretation. Die zusammengehörigen Textpassagen, so bei den Bachchorälen, werden sinnvoll zusammengefasst, falsche Sentimentalität vermieden.

Vier Adventsmotetten standen im Mittelpunkt

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Im Mittelpunkt des Chorkonzertes standen jedoch die vier klangvollen Adventsmotetten von Max Reger, Johannes Brahms, Edvard Grieg und Hermann Schröder. Allen ist ihr fünf- bis achtstimmiger Tonsatz und eine große dynamische Spannweite zu eigen. So umfasst die entscheidende Stelle der Motette bei Schröder „und sein Name wird heißen: Emmanuel!“ zweieinhalb Oktaven. Sie beginnt mit einem Fortissimo und endet demütig in einem Pianissimo. Hier wird der Kammerchor bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gefordert. Dafür ein großes Lob!

Anerkennung gilt auch dem Organisten Markus Davids. Nicht nur, dass er sich bei der Auswahl seiner Choralvor- und Zwischenspiele eng an die Thematik der vorgetragenen Chorwerke anlehnt; er verlässt auch das gängige Repertoire. So wählt er zum Chorsatz „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ nicht die eingängige Bachfassung BWV 645 mit dem melodiösen Gegenthema – sondern er stellt mit „Wake, awake, for night is flying“ den 1962 geborenen amerikanischen Komponisten Robert A. Hobby vor.

Das Gleiche gilt für zwei Orgeltrios des Starnberger Organisten und Komponisten Franz Reithmeier. Beide schreiben formsichere Stilkopien in barock-romantischer Klangsprache. Markus Davids interpretiert diese duftigen, filigranen Stücke einfühlsam und zeigt in der Registerauswahl die großen Stärken der Kubakorgel: wohltönend in den grundlegenden Prinzipal- und elegant-vornehm in den darüber schwebenden Zungen- und Aliquotenstimmen. Es war eine Freude, zuzuhören.

Freude und Wehmut zugleich. In diesem Konzert vermisste nicht nur die Vorsitzende Birgit Vogt mit ihrem Chor den gestorbenen Leiter und Gründer Jürgen Michels. Alle, die ihn kannten, denken gerade in diesen Tagen an seine große Leistung, die er für die Musica sacra in Mindelheim gebracht hat, zurück.

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