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Porträt

25.08.2018

Den inneren Frieden wieder gefunden

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2 Bilder
Natan Grossmann

Natan Grossmann hat den Holocaust überlebt und ist seit 20 Jahren treuer Kurgast im Alpenhof

Wenn Natan Grossmann seine Lebensgeschichte erzählt, dann hat mein das Gefühl, dies wäre allein schon fast einen Film wert. Ein wesentlicher Teil davon wurde zuletzt auch tatsächlich in einen Film eingearbeitet, den Regisseurin Tanja Cummings erstellte und in dem Natan Grossman eine wesentliche Rolle spielt.

Dazu muss man wissen, dass dieser im jüdischen Ghetto von Lodz in Polen aufgewachsen ist, nach Auschwitz deportiert wurde, dort dem Holocaust jedoch entkommen ist und heute als 90-jähriger treuer Kurgast seit 20 Jahren im Hotel Alpenhof in der Gammenrieder Straße ist. Als einer der nicht mehr allzu vielen Zeitzeugen weiß er Tiefgreifendes zu berichten.

Paola Rauscher vom Grünen-Ortsverband hat ein Gespräch mit ihm im Hotel vermittelt. Wenn man hier den temperamentvollen Mann erzählen hört, dann glaubt man erstens kaum, dass er bereits in so fortgeschrittenem Alter ist, und zum anderen, was er vor allem in seinen jungen Jahren alles mitgemacht hat.

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In diesem Film kehrte er zusammen mit der Regisseurin, dem Filmteam und dem Sohn des damaligen Oberbürgermeisters von Lodz (damals hieß es noch Litzmannstadt) zu diesen Ursprüngen im heutigen Polen zurück.

Eine ganz besondere Rolle in dem Film mit dem Titel „Linie 41“ nimmt Jens-Jürgen Ventzky als Sohn seines Vaters ein. Denn dieser macht ganz deutlich, dass sein eigener Vater die Verbrechen, die im damaligen Ghetto geschehen sind, zu verantworten hatte. Mehr noch, er verurteilt das Verhalten des Vaters scharf und macht keinen Versuch, etwas davon zu beschönigen. Dieses Verhalten seines jetzigen Freundes hebt Natan Grossmann auch im Gespräch deutlich hervor und bewundert es verständlicherweise.

„Linie 41“ heißt der Film, weil dies die Nummer der Straßenbahn war, die durch das damalige Ghetto in Lodz führte. Diese fuhr zwar durch, durfte dort jedoch nicht anhalten, sodass die 160 000 jüdischen Bewohner auch dadurch keinen Kontakt zur Außenwelt mehr hatten. Wenn Natan Grossmann über das Leben im Ghetto, das nicht weniger schrecklich war wie im vielleicht bekannteren von Warschau, erzählt, dann wird man in eine Grausamkeit geführt, die heute fast nicht mehr vorstellbar ist.

Am Ende wurden 150 000 der anfänglichen Bewohner zu Tode gebracht. Viele davon ließen die Nationalsozialisten einfach bewusst verhungern, andere, die als Arbeitskräfte nicht mehr taugten, wurden in Konzentrationslager wie nach Auschwitz deportiert und starben in den Gasöfen.

Auch die Eltern von Natan Grossman und sein Bruder überlebten nicht. Er musste miterleben, wie im Ghetto die Mutter mehr oder weniger verhungerte und der Vater erschlagen wurde.

Natan war etwa 16 Jahre alt, hatte Schmid gelernt und war deshalb relativ kräftig, als auch er vom Ghetto nach Auschwitz deportiert wurde. „Es klingt vielleicht komisch, aber mir hat Auschwitz vielleicht das Leben gerettet“, berichtete er zur Überraschung der Zuhörer.

Während nämlich fast alle anderen dort aussortiert und getötet wurden, fand er noch als Arbeiter eine Verwendung. Und als in Deutschland zum Kriegsende hin die eigenen Männer an der Front waren, wurden Arbeitskräfte aus dem KZ zu einem Lager nach Feschelde bei Braunschweig mit einer Lkw-Fabrik gebracht, unter ihnen Natan Grossmann. „Dort wurden wir sogar gut behandelt“, betont er. Als allerdings 1945 diese Lager liquidiert wurden, wusste man nicht, wohin mit den Insassen.

So wurden viele nach Ludwigslust bei Hamburg geschickt. Den sogenannten „Todesmarsch“ überlebten dann nur noch wenige. Als die Lager schließlich von den Amerikanern befreit wurden, war für ihn am 2. Mai 1945 der Krieg zu Ende. „Ich hatte ein Gefühl wie neu geboren und ließ mir später dort sogar eine neue Geburtsurkunde ausstellen.“

Spannend jedoch auch Grossmanns Erzählung über die Folgejahre und vor allem seine Gefühle danach. „Natürlich hatten wir Hass in uns, der auch entsprechend bei den jungen Leuten damals von den Älteren geschürt wurde.“ Auch die Frage, warum sich die Menschen im Ghetto damals nicht gewehrt haben, stellte sich Grossmann. „Zum Teil wurden wir dafür sogar angefeindet, aber wir wussten doch, dass jeder Widerstand noch schlimmere Drangsal zur Folge gehabt hätte.“

1946 wanderte er bereits nach Israel aus und arbeitete in einem Kibbuz. „Ich habe versucht, mit meinem bisherigen Leben einfach abzuschließen und neu anzufangen.“ Mit der Gründung des Staates Israel 1948 und der bald darauf folgenden Aussöhnung zwischen Konrad Adenauer und Ben Gurion, setzte auch bei ihm ein Umdenken ein. „12 Jahre Faschismus haben das deutsche Volk beschmutzt und ich will helfen das deutsche Nest sauber zu halten.

Die spätere Generation kann ja nichts mehr dafür“, so seine jetzige Einstellung. „Das Deutschland heute ist ja ein ganz anderes“, ist seine Überzeugung. 1960 kommt er nach München und heiratet eine deutsche Frau. Seine Aufgabe sieht Natan Grossmann seitdem darin, als Zeitzeuge aufzuklären, nicht zuzulassen, dass der Holocaust geleugnet wird, aber auch zu warnen, dass junge Leute, die oft anfällig sind, nicht mehr Demagogen oder Populisten in die Hände fallen dürfen.

Er selbst genießt nun seit 20 Jahren seine Aufenthalte in der Kneippstadt, ist fasziniert von der Person Kneipp und seiner Lehre und lässt sich bei Schwimmen, Wickel oder Massagen verwöhnen. Ein Gespräch mit ihm jedoch ist nicht nur beeindruckend, zuweilen auch bedrückend – doch letztendlich auch Hoffnung spendend, dass Versöhnung über Gräber und Grausamkeiten hinweg möglich ist. Natan Großmann ist es wichtig, diese Botschaft noch lange weiterzugeben.

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