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Bad Wörishofen

02.10.2018

Der Anti-Star

Er stampft, er schwitzt, er schreit – und er treibt so sich und sein Orchester zu immer neuen Höchstleistungen. Nigel Kennedy sorgte mit seinem Auftritt am Sonntagabend für einen musikalischen Höhepunkt des Festivals der Nationen in diesem Jahr. Mit seinem Bad Wörishofer Publikum verstand sich der 62-Jährige so gut, dass er sich sogar scherzhaft-positiv über die „natürliche Akustik“ des Kursaals äußerte. Das „Enfant terrible“ der Klassik kann eben auch ganz freundlich. <b>Foto: Bernd Feil</b>
Bild: Bernd Feil

Der exaltierte Violonist Nigel Kennedy reißt bei seinem dreistündigen Auftritt das Publikum in Bad Wörishofen von den Sitzen.

Was soll das denn? Er stampft, er schreit, er schwitzt, er lacht, er trinkt – das soll einer der Stars der klassischen Musik sein? Er ist es, denn er ist Nigel Kennedy.

Und den wollen seine Fans genau so sehen: Abgedreht, abgerissen, abgefahren. Ist das Attitüde, Koketterie mit dem Image des „Bad Boy“? Nein, das ist Nigel Kennedy. Unverwechselbar, einmalig, außergewöhnlich, verrückt. Und natürlich ein begnadeter Musiker, der seine Fans vom ersten bis zum letzten Ton des gut dreistündigen Konzerts am Sonntagabend mitreißt, begeistert, überrascht und in seinen Bann zieht.

Ist es wirklich „sein“ Bann? Nein, es ist die Musik, es sind die „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi. Oder das, was Nigel Kennedy mit seiner neuen Interpretation daraus gemacht hat. Und das ist: großartig.

Der Anti-Star

Wie anders das alles im Vergleich zum Eröffnungskonzert mit Starpianist Rudolf Buchbinder am Freitag ist. Ganz sicher kein Zufall. Die Bühne im Kursaal sieht aus, als würde gleich eine Rock-Combo loslegen: Verstärker, Gitarren, Mikrofone. So wirken auch die Crew-Mitglieder: Lange Haare, Dreadlocks, Tattoos. Wie auf jedem anderen Rockkonzert auch.

In Bad Wörishofen diesmal eher Jeans und T-Shirt als Anzug und kleines Schwarzes

Selbst das Publikum ist so ganz anders an diesem Abend: kaum Schlips, Anzug oder „kleines Schwarzes“, dafür viel Jeans und T-Shirts. Als das Licht dunkler wird, geht ein Raunen durch den Kursaal – klar, die Vorfreude auf das Konzert ... Oder vielleicht doch die unüberhörbare Einstimmung der Musiker hinter der Bühne, die brüllen und sich anfeuern wie die Kicker von Kennedys Lieblingsverein Aston Villa vor einem Match gegen den Stadtrivalen Birmingham City.

Und dann sind sie da, und diese Musiker werden diesen Erwartungen gerecht: Auf den ersten Blick sehen fast alle aus, als würden sie sich gerade von der Party ihres besten Kumpels erholen: Fußballtrikots (natürlich von Aston Villa), und: Wallendes (wenn auch etwas dünner gewordenes) Haupthaar dominiert auch hier, auch wenn Gitarrist Doug Boyle seine schüttere Haarpracht unter einer stylishen Baskenmütze versteckt. Das sind alles hervorragende klassische Musiker, die hier zu sehen und zu hören sind - nur sehen sie eben so ganz und gar nicht so aus, wie es dem Klischee entspricht. Piotr Kulakowski am Bass könnte auch bei einer Hooligan-Truppe von Aston Villa durchgehen und Slawomir Berny sitzt in seinem Schlabber-T-Shirt so cool an seinem Schlagzeug, dass er sofort in jeder Nachtclub-Bar anheuern könnte.

Na ja, und dann kommt er: Nigel Kennedy. Der Anti-Star. Ausgelatschte Turnschuhe, eine rote und eine grüne Socke, eine ausgebeulte Jogginghose, ein verwaschenes T-Shirt und eine löchrige, geflickte Lederjacke. Das ist einer, der die Klassik-Szene durcheinander gewirbelt hat? Der täglich drei Stunden und mehr übt wie ein Besessener? Der mit Paul McCartney von den Beatles und Robert Plant von Led Zeppelin Musik macht? Der selbst von sich sagt, dass er „einfach Musik spielt. Nicht eine bestimmte Art von Musik“.

Ja, das ist Nigel Kennedy. Er ist ein fantastischer Musiker, der seine Guarneri-Geige aus dem Jahr 1735 derart malträtiert, dass sie einem fast leidtun könnte. So wild, so enthusiastisch, so leidenschaftlich geht er dabei zu Werke, dass schon bald die ersten Fäden von seinem Geigenbogen hängen. Er streckt seinen Musikern die Faust hin zur Belohnung, wenn wieder ein Solo besonders gut gelungen ist. Er klopft sich aufs Herz und applaudiert immer wieder in Richtung Publikum, als würde er seinen Freunden zuwinken. Er flachst mit seinen Musikern und stellt seine wichtigsten Protagonisten voller Achtung vor.

Nigel Kennedy ein begnadeter Geigenvirtuose, kein Zweifel. Und er ist mehr: Er hat aus den „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi etwas Eigenes, Spezielles und Unverwechselbares gemacht. Spüre ich wirklich den leisen Frühlingshauch? Wird mir tatsächlich heiß von den Klängen des Sommers? Ist das eine Gänsehaut?

Das ist klassische Musik, die wirklich begeistert, die den Zuhörer berührt und buchstäblich mitreißt. Es ist diese sensationelle Musik, das einmalige Können der Musiker auf der Bühne, das virtuose Zusammenspiel.

Es ist aber vor allem: Nigel Kennedy. Er ist eben eine „Rampensau“ der Extraklasse. Er legt ein Mikrofon einfach um, das die Tontechnik mitten auf die Bühne gestellt hat. „So kann ich euch nicht sehen und ihr könnt mich nicht sehen“, sagt der im englischen Brighton geborene Weltstar. „So, jetzt können wir besser kommunizieren“, sagt er, als der störende Mikrofonständer aus dem Weg geräumt ist.

Diese Kommunikation mit seinem Bad Wörishofer Publikum funktioniert sofort - immerhin gibt er freundlich zu Protokoll, wie sehr er sich freue, wieder hier zu sein. Dass dabei ALLE im Kursaal auch an die Eskapaden bei seinem ersten Gastspiel in der Kurstadt denken, ist ja klar. Damals musste gar die Polizei anrücken, weil Kennedy und seine Entourage – offenbar im „Rockstar-Modus“ – im Luxushotel etwas zu sehr über die Stränge geschlagen hatten.

Er spielt überragend an der Violine und nicht minder überragend agiert er am Flügel. Aber er ist auch lustig, unterhaltsam und dabei viel braver, als es sich viele vorstellen konnten (oder wollten). Dieser Austausch mit dem Publikum diese Connection, das gebe ihm die Energie, die er brauche, um ganz aus sich heraus gehen zu können, sagt er nach dem Konzert im persönlichen Gespräch: „Glauben Sie mir, ich liebe es wirklich, hier in Bad Wörishofen zu sein. Das ist ein ganz besonderes Publikum hier“.

Artig lobt er beim Auftritt dann auch die „natürliche Akustik“ des Kursaals und muss fast losprusten vor Lachen. Er spielt, er stampft, er schwitzt, er schreit, er treibt sich und sein Orchester (oder müsste es heißen: seine Band?) immer wieder zu Höchstleistungen. Und er nimmt das Publikum mit, das jetzt immer öfter auch schreit, jubelt, pfeift und enthusiastisch applaudiert. Na klar, er kann auch charmant: Zufällig sitzt in der ersten Reihe unmittelbar vor ihm eine bildhübsche, blonde Konzertbesucherin. Mit ihr flirtet er fast ununterbrochen, und als er sie nach ihrem Namen fragt („Nadine“), da haucht er begeistert: „Nadine ist mein Lieblingsname!“ Ganz Gentleman fragt er dann natürlich auch noch andere Damen aus der ersten Reihe, und – klar! – sind auch ihre Vornamen seine Lieblingsnamen ...

„Einfach Hans“: Der Landrat bleibt ganz locker

Wohl um nicht unverschämt zu wirken, fragt er auch noch einen Herrn nach dem Namen. Landrat Weirather ist der Auserkorene und der sagt ganz locker: „Einfach Hans.“ Da gibt Kennedy dann natürlich auch einen netten Spruch dazu. Aber die blonde Nadine hat es ihm schon besonders angetan.

Der ganze Abend ist allerbeste Unterhaltung, musikalisch auf Höchstniveau, auch weil Kennedy und sein Orchester noch ihre jazzige Seite zeigen und Stücke von Gershwin auf eine ganz eigene, coole Art interpretieren.

Dass am Ende das ganze Publikum im Kursaal steht, begeistert applaudiert, jubelt und rhythmisch klatscht, das war vielleicht zu erwarten. Dass eine echte, spürbare, ungekünstelte Verbindung zwischen Nigel Kennedy und „seinem“ Bad Wörishofer Publikum entstanden ist, wohl eher nicht. Ein großartiges Konzert, ein großartiger Musiker, ein großartiges Publikum.

Hier gelangen Sie zur Bildergalerie vom Musikfest, einer weiteren Attraktion im Rahmen des Festivals der Nationen in Bad Wörishofen.

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