Mindelheim

05.10.2015

Der Arzt und die Berge

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4 Bilder
Zwei Mal hat Josef Lunger einen 8000er bestiegen: 2008 den Nanga Parbat in Pakistan, 2010 den Makalu in Nepal. Auf dem Gipfel kam er als einziger seines Expeditionsteams an.
Bild: Jürgen Greher, Josef Lunger, Steffi Graßl

Josef Lunger ist Orthopäde und Experte für Medizin in luftigen Höhen. Er hat zwei 8000er-Expeditionen begleitet – und dabei schwierige Entscheidungen treffen müssen.

Auf dem Gipfel steht Josef Lunger am Ende fast allein. Gemeinsam mit elf anderen Bergsteigern ist er Wochen zuvor aufgebrochen. Ihr Ziel: der Makalu im Nordosten Nepals, fünfthöchster Berg der Welt, 8485 Meter Felsen und Eis, minus 45 Grad. Mehrere Wochen hat der Arzt sich freigenommen, hat monatelang trainiert, um fit für den Aufstieg zu sein. Die Expedition steht allerdings unter keinem guten Stern: Die Kletterer werden von Stürmen überrascht, es ist Mai, die Zeit des Vormonsuns.

Ein Teil der Gruppe kehrt um. Josef Lunger steigt erst einmal bis auf 8000 Meter weiter, gemeinsam mit seinen Begleitern, dem bekannten Füssener Bergsteigerpaar Luis Stitzinger und Alix von Melle.

Ende Mai wollen sie schließlich den Aufstieg zum Gipfel wagen. Lunger geht zehn Minuten früher los, Stitzinger und von Melle folgen ihm. Während des Aufstiegs geht es Stitzinger zunehmend schlecht, auf dieser Höhe kann sich der Körper kaum mehr regenieren. Das Paar entscheidet sich umzukehren. Josef Lunger bekommt davon zunächst nichts mit: Die Walkie Talkies, mit denen sich die Bergsteiger verständigen, sind aus. Kurzzeitig denkt auch er daran umzudrehen, er ist ohne künstlichen Sauerstoff unterwegs, müde und angeschlagen.

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Unterwegs trifft er dann auf einen Schweizer aus einer anderen Expedition. Die beiden kraxeln gemeinsam weiter – und stehen am Ende zusammen auf dem Gipfel.

Die Euphorie trägt der Arzt bis heute in sich

Die Erinnerungen an diesen Moment, an die Euphorie, trägt Josef Lunger auch heute, fünf Jahre später, noch mit sich. „Das ist es, was einem bleibt“, sagt der 36-jährige Orthopäde, der nun seine Praxis im Mindelheimer Klinikum eröffnet hat. Gerade hat er seinen letzten Patienten für diesen Tag entlassen. Über der Mindelburg, die der Arzt von seinem Behandlungszimmer aus sehen kann, wird es langsam dunkel.

Der Makalu war bereits der zweite 8000er, den Lunger bezwungen hat. Zwei Jahre zuvor hatte er mit Stitzinger und von Melle den Nanga Parbat im Norden Pakistans bestiegen. Weil in den Dreißigerjahren über 30 Menschen ihr Leben auf dem 8125 Meter hohen Berg ließen, galt er im Dritten Reich als „Schicksalsberg der Deutschen“.

Die Berge faszinieren den Mediziner schon seit seiner Jugend. Er wächst in Schwabmünchen auf, unternimmt schon zu dieser Zeit Wanderungen mit seinen Eltern, geht klettern. „Die Touren wurden immer mehr und immer schwieriger“, erzählt er heute. Während des Studiums in München leitet er Skitouren des Alpenvereins, er fliegt nach Nepal, nach Peru und erklimmt den 6354 Meter hohen Chopicalqui, steigt auf den Mount McKinley in Alaska, 6190 Meter.

Fragt man ihn, was ihn daran fasziniert, fallen ihm gleich mehrere Gründe ein: die Herausforderung, „die große Welt und die Berge erleben, sich selbst erleben“. Und natürlich, sagt Lunger, befriedigt das auch das Ego, wenn man so etwas geschafft hat.

In Alaska ist er das erste Mal mit Luis Stitzinger und Alix von Melle unterwegs. Stitzinger will ihn danach mit auf den Nanga Parbat nehmen. Josef Lunger googelt den Berg, die Lage, die Gefahren. Und sagt anschließend: „Das machen wir.“ Erstmals ist Lunger auf dieser Expedition auch als Arzt dabei. Er hat sein Studium zwei Jahre zuvor beendet, arbeitet seitdem in einem Münchner Krankenhaus.

Auf dem Berg arbeitet er ganz anders als am OP-Tisch

Und doch ist die medizinische Arbeit auf dem Berg ganz anders als die am Operationstisch. „Man hat viel begrenztere Möglichkeiten“, sagt Lunger. Und vor allem nur begrenzte Hilfsmittel. „Auf dem Berg habe ich nicht viel mehr als ein Stethoskop und meine Hände“, zählt er auf. „Man wird in ein kaltes Wasser geworfen.“ Müsse Dinge machen, die man noch nie zuvor gemacht hat, Menschen aus anderen Kulturen behandeln – die sich vielleicht nicht untersuchen lassen wollen. „Da muss man sich ein bisschen eindenken.“ All das, die ganzen Erfahrungen, helfen ihm auch heute noch in seinem Beruf, sagt Lunger.

Als Expeditionsarzt ist er der Mann, an den sich alle aus dem Team wenden – und doch gab es in der Vergangenheit auch Menschen, denen er nicht mehr helfen konnte: dem Kletterer zum Beispiel, der nahe des Gipfels erfroren ist. Oder dem Bergsteiger, der keinen Sauerstoff mehr hatte und um Hilfe funkte. „Wäre ich zu ihm hochgeklettert, hätte ich mich selbst in große Lebensgefahr begeben“, betont Lunger. Man müsse seine Entscheidung in solchen Momenten rational treffen. „Sich vom Emotionalen lösen“ – so wie ein Feuerwehrmann, der auch wisse, wann es zu spät sei, in ein brennendes Haus zu gehen.

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